Plötzlich kam der »Shutdown«. Peng!

  • Interview mit Unternehmensberater für Sanierungen und Digitalisierung
Untnehmensberater Michael Wörle hilft bei der Digitalisierung des Unternehmens und im Sanierungsfall. Untnehmensberater Michael Wörle hilft bei der Digitalisierung des Unternehmens und im Sanierungsfall. Foto: PR

Elbvororte (1. April 2020, Michael Wörle) · Ich war nur gut eine Woche nicht in Hamburg, sondern auf dem Lande, in selbstgewählter Einsamkeit. Ich wollte schreiben, - in Ruhe - schreiben. Es sollte die konzentrierte Phase für die Endredaktion meines Haufe-Fachbuches "Geschäftsprozesse steuern" werden. Ich hatte aber keine Ahnung, was für die Steuerung meiner eigenen Firma und die meiner Kunden in dieser einen (!) Woche so plötzlich erforderlich werden würde. Die Auszeit hatte ich mir genommen, weil eine Kundenveranstaltung nach der anderen abgesagt bzw. verschoben worden war. Ein Vortrag in China war dabei. Ich sagte allerdings ab, bevor die Lufthansa ihren Flugverkehr mit China einstellte. Gott sei Dank. Alle anderen Veranstaltungen haben aber meine Kunden verschoben. Auf den Herbst verschoben. Damals dachte ich noch, ich wolle bloß nicht so weit weg sein, womöglich in Quarantäne in China. Die Krise war - gefühlt - weit weg: eine Krise in China. Ich wollte nur nicht dabei sein.

Doch dann alles kam anders. Meine selbstgewählte Klausur, abgeschottet von der Welt in dem kleinen hessischen Dorf, wurde etwas ungemütlich. Die Krise kam bis in dieses kleine Dorf. Sie rückte täglich näher. Die Nachrichten überschlugen sich, eine Nachricht jagte die nächste. An beschauliches Nachdenken, Korrigieren und Schreiben war kaum zu denken. Dann kamen auch noch die ersten Stadtflüchtlinge aus Berlin aufs Land. Von wegen Abgeschiedenheit! Als dann die Ausgangssperre in Hessen verkündet wurde, packte ich meine Koffer und brach auf: Nach Hause, nach Hamburg. In den Hotspot der Krise, zumindest gemessen an der Zahl der Infizierten je 100.000 Einwohner.

 Der Unternehmer in der Krise

Unternehmer tragen Verantwortung: Als Soloselbstständige für ihr eigenes Einkommen, als Unternehmer für Mitarbeiter. Brechen aber von heute auf morgen auf breiter Front die Umsätze weg, können sie nicht zur Arbeitsagentur gehen. Das versteht die Politik normalerweise nicht. Zumal vorwiegend gut abgesicherte Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes Parlament und Verwaltung prägen. Sie sind auch nicht arbeitslos, selbst wenn sie kein Geld mehr verdienen.

Doch diesmal war ich erstaunt: Die gesamte Bundesregierung, allen voran der Bundesarbeits- und der Bundesfinanzminister, haben tatsächlich nicht nur auf Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften gehört, sondern auch auf die Bundesarbeitsgemeinschaft der Soloselbstständigen und sie in ihre Entscheidung mit einbezogen. Was hier herauskam, sind nicht nur Leistungen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die normalerweise mit der Regierung im Gespräch sind, sondern auch nicht rückzahlbare Soforthilfen für Selbstständige und Kleinunternehmer. Hamburg gleicht inzwischen einer Geisterstadt: wenig befahrene Straßen (statt Staus), alle Veranstaltungen verboten, Einzelhandelsläden geschlossen, Fitnessstudios auch. Nur noch Joggen im Freien ist möglich: In gebührendem Abstand, versteht sich. Erstaunlich wie ruhig die Bevölkerung reagiert. Wenig Parteiengezänk und Kritik, jeder versucht sich zu sortieren und den neuen Regeln zu fügen. Corona-Parties finden kaum noch statt. Trotz aller Hektik: Die Regierung führt mit ruhiger Hand.

Zu guter Letzt: Wer jetzt nicht digital ist, muss sich beeilen. Ich gehe davon aus, dass auch die Antragstellung für Finanzhilfen und Kundenkontakte zunehmend digital ablaufen werden.

Viele Firmen werden es finanziell nicht schaffen. Ich übernehme in Einzelfällen Sanierungsberatungen digital in Kooperation mit der Hamburger Anwalts-Kanzlei von Daniel Chappuzeau. 

Bleiben Sie gesund.

Ihr Michael Wörle.

 

MWUnternehmensentwicklung GmbH
Diplom-Volkswirt Michael Wörle
Lindenallee 3, 22869 Schenefeld
Tel. 040 - 84 87 64
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Internet: www.mwunternehmensentwicklung.de

 

Interview mit Michael Wörle

DorfStadt: Was sollte ein Unternehmer in der Krise als erstes tun?
Michael Wörle:
 Liquidität checken. Rechnen: Wie lange kann ich durchhalten, wenn meine Umsätze eingebrochen sind und meine Kosten weiterlaufen?

 

Reichen die jetzt von der Regierung geplanten Hilfen?
Nein. Aber sie sind ein erster, aber dafür unbürokratischer Schritt.

 

Für wen ist es sinnvoll, in der Krise zu einem Kredit zu greifen?
Kredite machen nur Sinn, wenn Sie eine positive Fortführungsprognose vorrechnen können. Wenn es irgendwie möglich ist: Keine Insolvenz! Hier bekommen statistisch weder Gläubiger noch Sie als Inhaber etwas; schätzungsweise 4 Prozent bleibt für die Gläubiger. Die Verfahrenskosten zehren alles auf. Wenn es vom Gesetzgeber kein Fristen-Moratorium gibt, ist die Zahlungsunfähigkeit der wichtigste Antragsgrund, Insolvenz anzumelden. Allerdings ist geplant, die Insolvenzantragspflicht, die vor allem für die Verantwortlichen in GmbHs und anderen juristischen Personen gilt (Achtung: Auch Vereine!) bis zum 30.9.2020 auszusetzen.

 

Worauf sollten Unternehmer achten, um den größtmöglichen Nutzen aus der Krise zu ziehen? Können Unternehmer daraus auch lernen?
Selbst Schulen denken jetzt (endlich) darüber nach, wie sie so schnell wie möglich digital ihre Angebote machen können. Das ist auch dringend notwendig. Diejenigen, die hier schon gut aufgestellt sind, haben die Nase vorne. Meeting-Software wie Zoom oder Teams sind einfach und leicht zu nutzen. Die Bereitschaft, sich auf digitale Geschäfte einzulassen, nimmt durch die Krise zu.

 

Wie bekommt man am besten den Kopf frei?
Setzen Sie sich hin oder treiben Sie Sport. Schotten Sie sich vor allem von der Nachrichtenflut ab. Öffnen Sie das Fenster für News täglich zweimal, nicht häufiger. Denken Sie nach, planen Sie in Szenarien. Gehen Sie überlegt vor, verfallen Sie nicht in Aktionismus. Sprechen Sie mit Menschen, die Sie verstehen können und die möglichst auch Ahnung von Ihrem Business haben. Meditieren Sie, spielen Sie Spiele mit Ihren Liebsten und genießen Sie die Zeit, zusammen zu essen ohne Arbeit und Medien. Als Unternehmer werden Sie vielleicht nicht gerade jetzt ein gutes Buch lesen. Aber für den einen oder anderen ist das auch eine Chance, andere Unternehmen zu kaufen. So wie die Aktienkurse ist das jetzt ein guter Kaufmoment.

 

Was unternehmen Ihre Kunden für Schritte, um aus der Krise zu kommen?
Meine Kunden sind nicht alle negativ betroffen. Manche denken auch an Expansion. Keiner ist erstarrt, wie das Kaninchen vor der Schlange. Die, deren Geschäft still steht, melden Kurzarbeit an. Wenn Mitarbeiter nicht bereit sind, mitzumachen, ist eine Kündigung schwierig. Manche melden sich krank. Meine Kunden haben ein gutes Controlling und können an ihren Zahlen gut ablesen, wie viel Spielraum sie haben und wie lange sie überleben können.

 

Dipl.-Volkswirt Michael Wörle ist Geschäftsführer der MW Unternehmensentwicklung GmbH in Schenefeld und wohnt in Alt-Osdorf. Er verfügt über eine weit gefächerte Branchenerfahrung und betreut seit vielen Jahren Unternehmen u.a. in der Beschleunigung, Neuausrichtung und Optimierung von Prozessen. Seine weiteren Schwerpunkte liegen in der Organisation des Controllings, in Wirtschaftlichkeitsfragen und ebenso in der praktischen Begleitung von Mitarbeitern bei der digitalen Transformation. Daneben ist er als Verbandsgeschäftsführer, u.a. beim Verband für Unternehmensnachfolge, Wirtschaftsmediator und Fachbuchautor tätig. Wörle publiziert im Rahmen seiner Verbandstätigkeit beim IF Handwerker e.V., dem Interessenverband freier und unabhängiger Handwerkerinnen und Handwerker. Dort finden Sie auch weitere Hilfen für Unternehmer, die von der Corona-Krise betroffen sind.

Skyscraper Thode
Hier Leser-Brief abonnieren
Abonnieren Sie unsere wöchentlichen Elbvororte-News hier:

Bitte JavaScript aktivieren, um das Formular zu senden