Mit dem „Bürgerrat Blankenese“ erprobt der Bezirk Altona erstmals ein Beteiligungsformat, bei dem Bürger per Losverfahren an politischen Beratungsprozessen beteiligt werden. Grundlage ist ein Beschluss der Bezirksversammlung vom 25. Januar 2024. Ziel ist es, Perspektiven der Bevölkerung in die zukünftige Mobilitätsentwicklung rund um den Ortskern einzubringen.
Das Projekt gilt als Pilotversuch für Hamburg. Bürgerräte werden in Deutschland zunehmend als ergänzendes Instrument zur repräsentativen Demokratie eingesetzt. Dabei diskutieren ausgeloste Teilnehmer ein politisches Thema und formulieren Empfehlungen für Politik und Verwaltung, meist in Form eines sogenannten Bürgergutachtens.
Bis zur ersten Sitzung verging jedoch einige Zeit. Nach dem Beschluss Anfang 2024 wurde zunächst ein externer Dienstleister mit der Organisation beauftragt. Anfang 2025 begann die inhaltliche Konzeption, im Mai desselben Jahres wurde der Mobilitätsausschuss über den Sachstand informiert. Im Juni folgte die Vorstellung des Beteiligungskonzepts im Hauptausschuss der Bezirksversammlung.
Im Herbst 2025 startete schließlich die Auswahl der Teilnehmer. Dazu wurden 1.500 Personen zufällig aus dem Melderegister gezogen – 1.000 aus Blankenese und 500 aus angrenzenden Stadtteilen. Die Auswahl erfolgte proportional nach Alter und Geschlecht. Aus den Rückmeldungen stellte das Bezirksamt anschließend eine Gruppe von 30 Teilnehmern zusammen, die eine möglichst heterogene Zusammensetzung gewährleisten soll.
Drei Sitzungen im Februar
Der Bürgerrat tagte in drei Veranstaltungen im Elsa-Brändström-Haus. Den Auftakt bildete am 5. Februar 2026 ein erstes Treffen zum Kennenlernen und zur Einführung in die Themen. Es folgte ein ganztägiger Workshop am 22. Februar, bei dem die Teilnehmer gemeinsam mit Experten an möglichen Lösungsansätzen arbeiteten. Den Abschluss bildet eine Präsentation der Ergebnisse am 26. Februar.
Inhaltlich geht es um die zukünftige Mobilitätsentwicklung im Blankeneser Ortskern. Diskutiert werden etwa Verkehrsführung, öffentliche Verkehrsmittel, Rad- und Fußverkehr, Klimaschutz sowie Fragen der Aufenthaltsqualität im Stadtteil. Die Teilnehmer können innerhalb dieses Themenfeldes eigene Schwerpunkte setzen.
Am Ende des Prozesses steht ein Bürgergutachten. Dieses soll im zuständigen Mobilitätsausschuss der Bezirksversammlung vorgestellt und politisch beraten werden. Eine direkte Umsetzung der Empfehlungen ist jedoch nicht vorgesehen; sie dienen vielmehr als Grundlage für weitere Entscheidungen.
Kritik an Transparenz und Kosten
Während Befürworter im Bürgerrat eine Chance sehen, Bürger stärker in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen, gibt es auch kritische Stimmen: Die FDP-Fraktion in der Bezirksversammlung verfolgt das Projekt nach eigenen Angaben „kritisch-offen“. Insbesondere Auswahlverfahren, Rücklaufquoten und Dokumentation der Zusammensetzung seien bislang nicht vollständig transparent.
Ein weiterer Diskussionspunkt sind die Kosten. Für Konzeption, Organisation und Durchführung des Bürgerrats sind insgesamt rund 65.000 Euro vorgesehen. Nach Angaben des Bezirksamtes sind davon bereits 26.500 Euro ausgegeben worden, während weitere 38.500 Euro noch anfallen sollen. Finanziert wird das Projekt aus bezirklichen Mitteln sowie aus einem Fonds für innovative Beteiligungsverfahren.
Auch die Frage nach der tatsächlichen politischen Wirkung bleibt offen. Zwischenberichte während des Prozesses sind nicht vorgesehen. Erst mit dem abschließenden Bürgergutachten werden die Ergebnisse dem zuständigen Ausschuss vorgelegt.
Angestoßen worden ist der Prozess vom Zukunftsforum Blankenese e.V., einem Zusammenschluss von Freiwilligen aus Blankeneser Organisationen und Vereinen. „Wir sind enttäuscht, dass der Start des Projektes trotz unserer langen und intensiven Bemühungen und Angebote ohne die Einbeziehung lokaler Organisationen oder der Öffentlichkeit geschehen soll“ schreibt Geschäftsführerin Dr. Rosario Then de Lammerskötter auf der Homepage des Vereins. Er betont: „Als Initiatoren des Projekts, die nicht an der Durchsetzung desselben beteiligt waren, erhoffen wir uns die besten Ergebnisse. Wir werden dies weiter kritisch und konstruktiv begleiten“. Zuletzt hatten Vertreter des Mobilitäts-Arbeitskreises Bezirksamtsleiter Dr. Sebastian Kloth versucht, umzustimmen – offenbar ohne Erfolg.
Unklar ist bislang, wann das Bürgergutachten öffentlich vorgestellt wird. Möglich wäre eine Präsentation bereits in einer der nächsten Sitzungen des Mobilitätsausschusses kommenden Montag
Ob das Format künftig häufiger eingesetzt wird, dürfte stark von der Bewertung dieses ersten Versuchs abhängen. Denn Bürgerräte sollen zwar neue Perspektiven in politische Debatten bringen – sie ersetzen jedoch nicht die Entscheidungen der gewählten Gremien. Gerade deshalb wird das Blankeneser Projekt von Politik und Öffentlichkeit aufmerksam beobachtet.




















