Wer heute auf die Rampe zur Autobahn fährt, sieht ein dreigeschossiges Haus mit roter Klinkerfassade, Walmdach und Eck-Rustika, eingequetscht zwischen der Bundesstraße 431 und dem Goldschmidtpark. Dass dort noch ein Gebäude steht, ist keine Selbstverständlichkeit. 1923 ließ der Bauunternehmer Adolf Hörchert die Villa nach einem Entwurf des Architekten Fritz Walter errichten – als Einfamilienhaus im gehobenen Zuschnitt, in expressionistischer Backsteinarchitektur, wie sie für die Elbvororte jener Jahre typisch war. Zehn Jahre später wurde daraus ein Zweifamilienhaus, ergänzt um einen Treppenhausanbau, der die Formensprache des Hauses aufnahm. Rund 400 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich auf drei Etagen, das Grundstück misst nach Angaben der Bezirksversammlung Altona 1.399 Quadratmeter.

Dass die Villa überhaupt noch steht, verdankt sie einer Entscheidung aus dem Jahr 2006. Damals stufte das Denkmalschutzamt sie als „erkanntes Denkmal“ ein und verhinderte damit einen bereits geplanten Abriss. Sieben Jahre später, 2013, erfolgte die förmliche Eintragung in die Denkmalliste. Das Objekt stehe „aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung sowie zur Bewahrung der charakteristischen Eigenheiten des Stadtbildes“ unter Schutz, teilt die Behörde für Kultur und Medien mit. Geschützt ist grundlegend das gesamte Gebäude einschließlich seiner historischen Ausstattung; die Denkmalliste nennt überlieferte Türen und Rahmen, Fußböden und Fliesen. Damit zählt das Haus zu den letzten historischen Bauten am er Marktplatz, der bis 1972 das Zentrum des Stadtteils bildete – bis der Bau der Autobahn den Platz zerschnitt und der Ortskern seine Mitte verlor.

Zwischen Denkmalschutz und Daseinsvorsorge liegt ein langes Kapitel des Stillstands. Bis 2010 lebten in der Villa noch ehemalige Bauwagenbewohner, denen die Stadt das Gebäude als Ausgleich überlassen hatte. 2001 war das Haus in städtisches Eigentum gelangt, verwaltet von der SAGA. Im Jahr 2015 wurde es an die SAGA übertragen – nach Auskunft der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen übernahm die städtische Wohnungsgesellschaft das Objekt bereits leerstehend. Vor der A7-Tunnelbaustelle brachte die Bezirkspolitik eine Nutzung als Jugendzentrum ins Gespräch; später diskutierte die Bezirksversammlung Altona intensiv über einen kulturellen Treffpunkt, ein Stadtteilzentrum oder einen Ort des gesellschaftlichen Austauschs. Die SPD-Fraktion beantragte im Mai 2021, die Altbauvilla für die Zukunft zu sichern und dort einen kulturellen Treffpunkt zu schaffen. Auch die SAGA erklärte damals auf Anfrage, sie prüfe Nutzungsmöglichkeiten, eine Nutzung durch städtische Gesellschaften sei denkbar. 2020 stand das Haus sogar zum Verkauf – doch bei aller Anspannung des Hamburger Immobilienmarkts fand sich wegen der schwierigen Lage zwischen Autobahn und Ausfallstraße kein Käufer. Der Denkmalverein Hamburg warnte derweil, Wasser dringe durch das undichte Dach in das Klinkermauerwerk ein.

Inzwischen ist aus den Zwischennutzungsplänen ein Wartezustand geworden, und der hat einen Vertragspartner. Mit Wirkung zum 1. Januar 2021 hat die SAGA das gesamte Grundstück samt Gebäude an die DEGES Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH überlassen – gegen Zahlung einer Entschädigung und bis voraussichtlich 31. Januar 2029. Die DEGES nutzt die Außenflächen als Baustelleneinrichtung für die Arbeiten am A7-Deckel. Eine Nutzung des Hauses ist ihr vertraglich nicht gestattet, und sie wäre praktisch kaum möglich: Die beanspruchten Flächen direkt am Gebäude und die Emissionen der Baustelle stünden dem entgegen, heißt es aus der Behörde. Gespräche mit möglichen Interessenten über eine gewerbliche, kulturelle oder soziale Nutzung fanden nach Angaben der Verwaltung deshalb nicht statt. Auch Sanierungskonzepte, Schadstoffuntersuchungen oder Wirtschaftlichkeitsberechnungen liegen der SAGA derzeit nicht vor.

Gepflegt wird das Haus in dieser Zeit nur so weit, wie es die Umstände erfordern. Die DEGES hat für die Grundstücksfläche die Verkehrssicherungspflicht übernommen und sichert das Gebäude gegen unbefugten Zutritt. Die SAGA hat bisher kleinere Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt, Fenster gesichert, Regenrinnen instand gesetzt, Graffiti entfernt und übernimmt in Teilbereichen die Schnee- und Eisbeseitigung. Zwischen 2021 und 2025 summierten sich die durchschnittlichen jährlichen Instandhaltungskosten auf 1463 Euro, die Betriebskosten auf 4181 Euro, darin enthalten durchschnittlich 1040 Euro Versicherungskosten pro Jahr – keine großen Summen, gemessen am Wert eines Denkmals, aber ein laufender Posten für ein Haus, das niemand nutzt.

Ganz ohne Druck von außen blieb der Zustand nicht. Im Jahr 2020 forderte das Denkmalschutzamt die Behebung einer ganzen Reihe von Schäden: Risse im Bauwerk, Bewuchs am Mauerwerk, völlig verstopfte und zugewachsene Regenfallrohre und -rinnen, eingeworfene Fensterscheiben, zunehmende Durchfeuchtung. Im Frühjahr 2021 waren diese Mängel behoben; zusätzlich sagte die Eigentümerin dem Denkmalschutzamt regelmäßige Begehungen zu, damit neue Schäden früh auffallen. Derzeit liegen dem Amt keine Erkenntnisse über eine Gefährdung der historischen Bausubstanz vor. Die Pflichten bleiben dennoch bestehen: Nach dem Denkmalschutzgesetz ist die Eigentümerin verpflichtet, das Denkmal im Rahmen des Zumutbaren zu erhalten, vor Gefährdungen zu schützen und instand zu setzen – und offenkundige Mängel, die den Bestand gefährden, der Behörde anzuzeigen.

Und danach? Zunächst einmal gilt Recht, das wenig Spielraum lässt: Der Bebauungsplan 11 vom 1. September 1968 weist das Grundstück als Grünfläche aus. Der Senat hat die Planung für die Fläche im Zusammenhang mit dem A7-Deckel an sich gezogen – das Grundstück liegt im Evokationsbereich „Silcherstraße“ und soll gemeinsam mit der Wohnbauentwicklung an dieser Straße betrachtet werden. Neues Planrecht ist frühestens ab 2029 vorgesehen, also nach dem Ende der Baumaßnahmen und der Rückgabe an die SAGA. Konkrete Aussagen zum künftigen Baurecht, zu einer möglichen Erweiterung oder zu einer Zwischennutzung lassen sich daraus derzeit nicht ableiten, heißt es aus der Verwaltung. Die SAGA will ein sanierungs- und marktgerechtes Nutzungskonzept erst erarbeiten, wenn die A7-Bauarbeiten im betreffenden Bereich abgeschlossen sind und die künftige Grundstückssituation belastbar bewertet werden kann. Bis dahin will sie Not- und Gefahrenzustände beseitigen und dringende Instandsetzungen einzelfallorientiert durchführen. Der Umgang mit dem vorhandenen Bestand, so formuliert es die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, werde mit der Eigentümerin im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens Diskussionsgegenstand sein.

Für ein Haus, das seit 2006 als Denkmal anerkannt ist und dessen Mauern den Ortskern s erzählen, ist das eine Antwort auf Zeit. Der A7-Deckel soll die getrennten Teile des Stadtteils wieder zusammenführen – und mit ihm rückt auch die Villa am er Marktplatz 17 in eine andere Lage. Ob sie dann als Kulturort, als Wohnraum oder als Bürogebäude aus dem Schatten der Autobahn tritt, entscheidet sich nicht in diesem Jahr und wohl auch nicht im nächsten. Fest steht vorerst nur, dass das rote Backsteinhaus weiter dasteht – sichtbar, aber ungenutzt.