Verantwortlich für das Treiben in den Räumen an den Brandstücken war der Inner Wheel Club Hamburg, der den Nähkurs bereits zum wiederholten Mal im Rahmen der Ferienbetreuung des Kindermuseums ausrichtete. Die Freundinnen des Clubs hatten in den Wochen zuvor Stoffe zugeschnitten, Schnittmuster kopiert, Reißverschlüsse sortiert und Nähvorlagen liebevoll vorbereitet, sodass die Kinder am ersten Tag sofort loslegen konnten. Aus diesen Vorlagen wurden Taschen, Rucksäcke, Kissen und manches Stück, für das es noch gar keinen Namen gab – die Erfinder waren schließlich selbst anwesend.

Die Mädchen und Jungen aus der Nachbarschaft nähten nicht nach Schablone, sondern nach eigenem Kopf. Wer wollte, kombinierte Muster, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassten, setzte Applikationen auf, wo eigentlich eine schlichte Naht geplant war, oder wählte eine Trägerfarbe, die im Nähzimmer für Diskussionen sorgte. Genau diese Freiheit machte den Reiz der Woche aus: Die Nähmaschine verzeiht Umwege, sie belohnt Beharrlichkeit, und am Ende hält man etwas in den Händen, das vorher nicht existierte. Die Freundinnen standen dabei nicht als Aufsicht am Rand, sondern griffen selbst zur Nadel, zeigten Kniffe, hielten den Stoff fest, wo Kinderhände noch zu klein waren, und ließen sich ihrerseits hin und wieder erklären, warum ein Stoffrest partout nicht weggeworfen werden durfte.

Zum Abschluss der Woche war aus dem Werkraum eine kleine Ausstellung geworden. Die Kinder präsentierten stolz ihre Werke, trugen ihre Rucksäcke spazieren und ließen die Kissen begutachten, als ginge es um eine Messe. Für viele war es der erste Umgang mit Nadel und Faden überhaupt, für manche der erste Gegenstand, auf den sie sagen konnten: den habe ich gemacht.

Das Museum als Wohnzimmer des Viertels

Das Kindermuseum, in dem das geschah, ist selbst eine Geschichte für sich. Das Klick Kindermuseum ist Hamburgs Mitmachmuseum für Kinder von drei bis zehn Jahren – ein Haus, in dem ausdrücklich angefasst, ausprobiert, gebaut und gestaunt werden darf. Seit der Sanierung des Stammhauses am Achtern Born 127 ist es nur wenige hundert Meter entfernt im Übergangsquartier an den Brandstücken 43 bis 45 untergebracht, wo auf rund 1200 Quadratmetern mehrere Ausstellungsbereiche Platz gefunden haben, darunter eine Zeitreise, eine Schau zum Körper und wechselnde Themen wie aktuell die Farberkundung mit Maskottchen „Punkt“.

Der Osdorfer Born ist dicht bebaut, hier leben auf engem Raum rund 15.000 Menschen aus 37 Nationen, fünf Kitas, drei Grundschulen und eine Stadtteilschule gehören zum Einzugsgebiet. Das Museum versteht sich in diesem Umfeld nicht als Ausflugsziel für besondere Anlässe, sondern als Teil des Alltags: Es beteiligt sich am Kinderfest im Sommer, am Frauenfest im Frühjahr, am Erntedankumzug, am Laternenumzug und an den Lesetagen, organisiert mit den Kitas Feste und Ausstellungen im Haus und schickt mit der Leselibelle und der Geschichtenerfinderwerkstatt gleich zwei eigene Programme ins Rennen, die Leselust und Lesekompetenz der Stadtteilkinder fördern. Wer in den Ferien vorbeikommt, findet regelmäßig Programme, die sich gezielt an die Kinder des Osdorfer Born richten – für 20 Euro pro Woche inklusive Frühstück, Mittagessen und Getränken, ein Preis, der die Hürde niedrig hält.

Und die Kinder der Elbvororte? Die kommen längst nicht mehr nur zum Besuch vorbei. Das Museum arbeitet als außerschulischer Lernort mit Schulen und Kitas aus der weiteren Umgebung zusammen, bietet Gruppenführungen, Kindergeburtstage, Kindertheater und Workshops. Vor allem aber ist es ein Ort, an dem sich Kinder aus dem Osdorfer Born und aus den Elbvororten im selben Raum begegnen, an derselben Werkbank stehen und feststellen, dass die Herkunft beim Sortieren von Stoffresten keine Rolle spielt. Für ein Quartier, das in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf seine Probleme reduziert wird, ist das keine Randnotiz, sondern der Kern der Sache.

Ein Club, der nicht nur Spenden sammelt

Inner Wheel entstand während des Ersten Weltkriegs in England, als Frauen von Rotariern die sozialen Aktivitäten ihrer im Krieg weilenden Männer fortführten. Am 10. Januar 1924 gründete Margarette Golding in Manchester den ersten Inner Wheel Club, heute ist Inner Wheel mit über 103.000 Mitgliedern in 103 Ländern die weltweit größte Frauen-Service-Organisation; in Deutschland zählt sie mehr als 8.500 Mitglieder in rund 225 Clubs. Die drei erklärten Ziele sind Freundschaft, soziales Engagement und internationale Verständigung.

Der Inner Wheel Club Hamburg wurde am 10. Juni 1985 gegründet, ein Jahr später folgte die Charterfeier, heute gehören ihm 46 Mitglieder an. Die Runde trifft sich im Elsa Brändström Haus in Blankenese zu Vorträgen aus den eigenen Reihen und von Gästen. Finanziert wird die Arbeit ausschließlich über Spenden und Benefizaktionen, und die sind erstaunlich einfallsreich: Bridgeturniere, Flohmärkte, Lunchwheels und ein Adventsstand auf dem Flottbeker Markt gehören seit Jahren zum festen Repertoire. Der Erlös fließt an Einrichtungen in der Stadt – das Kinderhaus Mignon in Nienstedten, das Frauenhaus der Diakonie, das Marianne-Döll-Haus, das Jugendkunsthaus Esche, die Notaufnahme der Hamburger Frauenhäuser, den Mitternachtsbus, Ankerland für traumatisierte Kinder. Auch das Klick Kindermuseum steht auf der Förderliste.

Vor allem aber beschränkt sich dieser Club nicht aufs Überweisen. Neben dem Nähkurs gibt es in den Ferien Kochkurse für Kinder vom Osdorfer Born, die schon länger zum Programm gehören, sowie regelmäßige Kaffeenachmittage im Seniorenwohn- und Pflegeheim der Ernst-und-Claere-Jung-Stiftung. Über die Jahre sind so Nadel, Topf und Kaffeekanne zu den eigentlichen Werkzeugen dieses Clubs geworden. Wer den Nähkurs im Kindermuseum erlebt, sieht also nicht eine einmalige Aktion, sondern die Fortsetzung einer Haltung: Man kommt nicht nur mit Geld, sondern mit Zeit, und die ist bekanntlich die seltenere Währung.