Nienstedten (27. Oktober 2026, Konrad Matzen). Vier Tage bleiben noch, dann geht am Nienstedtener Marktplatz eine Tür zu, die für viele mehr war als ein Ladengeschäft. Wer jetzt noch einmal hereinschaut, riecht den vertrauten Duft von frischem Brot – und trifft auf Menschen, die Abschied nehmen. Die Nachbarschaft hat beschlossen, dass dieser Abschied nicht mit offenen Sorgen enden soll.

Am 31. Oktober schließt das Backherz in der Nienstedtener Straße für immer. Mit dem Laden verliert der Ortskern nicht nur eine Bäckerei, sondern einen Treffpunkt, an dem man sich kannte, grüßte und über die Ladentheke hinaus Anteil nahm. Inhaberin Janine Eller und ihr Team waren über Jahre die Konstante eines Stadtteils, in dem die Wege kurz sind und die Gespräche länger dauern dürfen als anderswo.

Die wirtschaftlichen Gründe für das Aus sind keine Nienstedtener Besonderheit. Das deutsche Bäckerhandwerk zählt nach Angaben des Zentralverbands noch 8.659 Meisterbetriebe und rund 232.000 Beschäftigte, der Branchenumsatz stieg 2025 auf 18,14 Milliarden Euro. Diese Zahl verdeckt, dass die Betriebszahl im selben Jahr um 2,8 Prozent schrumpfte und die Zahl der Handwerksbäckereien binnen sechzig Jahren von rund 55.000 auf unter 9.000 gefallen ist. Verbandspräsident Roland Ermer formuliert es für seine Branche so, dass viele Betriebe am Limit arbeiteten und täglich mit gestiegenen Kosten und wachsender Bürokratie kämpften. Teure Energie für die Öfen, hohe Rohstoff- und Kraftstoffpreise, Lohnkosten, Personalmangel und die Konkurrenz von Discountern und Supermärkten setzen vor allem den kleinen Handwerksbäckereien zu. Allein im ersten Halbjahr 2026 meldeten bundesweit 63 Bäckereibetriebe Insolvenz an, vierzig Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bäckermeister sind heute einem enormen Wettbewerb ausgeliefert, die viel Managementgeschick und Durchhaltevermögen erfordert.

In Nienstedten hat die Nachbarschaft daraus eine eigene Antwort gemacht. Unter dem Titel „Backherz – ein Abschied ohne Schmerz" sammelt der Nienstedtener Rolf Dralle auf der Crowdfunding-Plattform GoodCrowd.org Spenden für das Team. Statt Blumen, so seine Idee, drücken Kunden ihren Dank aus – für Freundlichkeit, Verlässlichkeit und die tägliche Begegnung. Das Ziel von 4.000 Euro ist noch nicht erreicht, 2.390 Euro sind bislang zusammengekommen, 71 Menschen haben Ihre Spendenzusage gegeben. „Mit dem Backherz verliert unser Ortskern nicht nur eine Bäckerei, sondern auch einen Ort der Begegnung", schreibt Dralle im Aufruf, und weiter: „Das Backherz-Team hat einen würdigen und herzlichen Abschied verdient."

Die Liste der Spender liest sich wie ein Sozialprotokoll des Stadtteils, weil an ihr hängt, was Menschen über Jahre mit einem Ladengeschäft verbinden. Sven Hogrefe überwies 125 Euro und schrieb: „Vielen Dank für die liebevolle Bewirtung meines Vaters und auch mir. Die Spiegeleier waren immer ein Highlight am Wochenende." Cordula erinnert sich an „die leckeren Brötchen und Brote, den köstlichen Kuchen und vor allem die Offen- und Freundlichkeit von euch". Alexander und Svantje erzählen, sie seien in der Zeit der Post-Stadtbäckerei im Ort „Euretwegen zum Backherz gekommen". Und Julia, Tim und Yetti danken für Kekse „für Mensch und Hund" – ein Satz, der mehr über das Haus sagt als jede Bilanz.

Die Backwaren stammten hier vor allem aus der Blankeneser Backstube der Bäckerei Körner, und auf Franzbrötchen, Brote und Brötchen muss auch in Zukunft niemand verzichten: Die Traditionsbäckerei aus der Blankeneser Landstraße, seit 125 Jahren im Familienbetrieb, verkauft sie weiter in Blankenese, Bahrenfeld und Othmarschen. Auch Janine Eller selbst wird man in einer ihrer Filialen wiedersehen. Für alle, die noch spenden oder sich bedanken möchten, bleibt die Kampagnenseite bis zum letzten Ladentag geöffnet.