Altona (21. September 2026, Konrad Matzen) – Manche Botschaften werden mit der Hand geschrieben, in großen Buchstaben, nachts, an eine fremde Wand. Am Max-Brauer-Haus steht seit vergangener Woche eine solche Botschaft – und wer sie liest, versteht zwar sofort, worum es geht, aber nicht, warum ausgerechnet hier.

„RED STORM CHARLIE STOPPEN“ steht in roter Farbe auf der Fassade der SPD-Geschäftsstelle in der Max-Brauer-Allee 20, dazu Spuren mehrerer Farbbomben an der weißen Wand des Altbaus und an den Fenstern. Die Polizei bestätigte am Sonntag, dass die Tat bereits in der Nacht zum Donnerstag verübt wurde; der Staatsschutz ermittelt. Es war nicht der erste Schriftzug an diesem Haus: Zuvor hatte dort schon „Kriegstreiber seit 1914“ gestanden, entfernt worden war er, und kurz darauf kam der neue. Zwei Sätze, ein Adressat – wer immer hier unterwegs war, kommt wieder.

Gemeint ist eine Übung, die am Donnerstag beginnt. Vom 24. bis 26. September trainiert das Landeskommando Hamburg der Bundeswehr mit rund 500 Soldaten und etwa 60 zivilen Organisationen die Zusammenarbeit im Krisenfall – Hubschrauberflüge über Teilen der Stadt, militärische Fahrzeugkolonnen, dazu durchgespielte Szenarien wie Stromausfall, Chemieunfall und die Versorgung vieler Verletzter auf einmal. Geübt wird zudem, was der Kommandeur des Landeskommandos, Kapitän zur See Kurt Leonards, als Kern des Auftrags beschreibt: die Verlegung von Truppen und Material an die Ostflanke des Bündnisgebietes. Es ist das dritte Manöver dieser Reihe in Folge, nach „Alpha“ und „Bravo“, und ein viertes ist angekündigt. Beteiligt sind neben Feuerwehr, THW und Polizei auch Airbus, die Hafenlogistik und, in diesem Jahr neu: Handelsketten, die die Versorgung mit Lebensmitteln durchspielen.

Dass sich daran Widerspruch entzündet, ist nichts Neues – gegen „Red Storm Bravo“ gab es im vergangenen Jahr angekündigte Proteste und am Ende eine Demonstration in der Innenstadt. Diese Auseinandersetzung ist legitim, und sie ist in einer Stadt, die ihr Manöver auf offener Straße abhält, sogar zwingend. Bemerkenswert ist deshalb nicht der Protest, sondern die gewählte Form. Eine Demonstration will Öffentlichkeit, eine Farbbombe um drei Uhr morgens will Wirkung ohne Gegenüber. Der Unterschied ist nicht ästhetisch, er ist demokratietheoretisch: Das eine setzt darauf, andere zu überzeugen, das andere darauf, dass es genügt, Recht zu haben.

Mithat Çapar, SPD-Abgeordneter für den Wahlkreis Altona in der Hamburgischen Bürgerschaft, stellvertretender Landesvorsitzender und seit Jahrzehnten im Bezirk verwurzelt, hält mit seiner Bewertung nicht hinterm Berg. „Ich verurteile diese Sachbeschädigung entschieden. Über Sicherheits- und Verteidigungspolitik kann und muss man diskutieren – auch kontrovers und hart in der Sache. Aber eine demokratische Auseinandersetzung führt man mit Argumenten, nicht mit Farbe an Hauswänden.“ Und weiter: „Wer anderer Meinung ist, soll das Gespräch mit uns suchen. Unsere Türen stehen für den politischen Austausch offen. Eine Hauswand zu beschmieren ersetzt kein einziges Argument. Wir lassen uns durch solche Aktionen nicht einschüchtern und werden weiter ansprechbar und vor Ort präsent sein.

Es lohnt ein Blick auf den Namen des Gebäudes. Max Brauer war Erster Bürgermeister, Sozialdemokrat, vor 1933 Oberbürgermeister von Altona, und er hat erlebt, was passiert, wenn politische Gegner aufhören, miteinander zu sprechen – er musste emigrieren. Ein Haus, das seinen Namen trägt, mit Farbbeuteln zu bewerfen, ist entweder ein Zeichen von Ahnungslosigkeit oder von Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Geschichte. Beides ist kein gutes Argument gegen ein Manöver.

Praktisch bleibt am Ende eine Fassade, die gereinigt werden muss, und ein Ermittlungsverfahren mit ungewissem Ausgang. Und eine Woche, die es in sich hat: Ab Donnerstag rollen die Kolonnen, ab Donnerstag wird auch demonstriert werden, und drei Tage lang lässt sich in Hamburg besichtigen, wie eine Stadt über ihre eigene Verteidigungsfähigkeit streitet. Wer wissen will, ob dieser Streit produktiv geführt werden kann, muss nicht auf den Hafen schauen. Ein Blick auf die Max-Brauer-Allee genügt fürs Erste – dort steht die Antwort in roter Farbe an der Wand, und sie fällt nicht gut aus.