In dieser Lage spielte Sport zunächst scheinbar nur eine Nebenrolle. Wer an die Nachkriegszeit denkt, denkt an Selbstversorgung, an behelfsmäßige Organisation des Alltags und an Improvisation. Doch gerade deshalb wurden Vereine wichtig. Sie boten mehr als Bewegung. Für viele Jugendliche und Erwachsene waren sie Orte, an denen Gemeinschaft wieder erfahrbar wurde, an denen Regeln galten, an denen Verlässlichkeit entstand. In einer Zeit, in der vieles zerstört oder moralisch diskreditiert war, konnte der Sport ein Stück Normalität zurückbringen.
Das zeigt sich in Blankenese besonders deutlich am Beispiel von Komet Blankenese. Der Verein stand in der Tradition des Arbeitersports, also eines Milieus, das von den Nationalsozialisten nicht nur politisch bekämpft, sondern organisatorisch zerschlagen wurde. Die Blütezeit der Arbeiterturn- und Sportvereine endete 1933 abrupt. Komet wurde verboten, das Vermögen beschlagnahmt. Nach den überlieferten Erinnerungen verschwanden nicht nur Vereinsvermögen und Spielgeräte; auch Turngeräte wurden ausgeräumt.
Dass Komet nach dem Krieg so schnell wieder entstand, war deshalb mehr als eine organisatorische Wiederaufnahme. Im Juli 1945 versammelte Friedrich Hoffmann, der bereits 1933 Erster Vorsitzender der Freien Turnerschaft gewesen war, ehemalige Mitglieder und gründete den Verein neu. Schon dieser Schritt war ein Zeichen: Hier sollte nicht irgendein Sportbetrieb anlaufen, sondern eine abgebrochene Tradition wieder aufgenommen werden.
Besonders aufschlussreich ist, unter welchen Vorzeichen diese Neugründung stand. Nach den vorliegenden Notizen bekannte sich Hoffmann klar zu demokratischen Werten. In der neuen Satzung wurden ehemalige NSDAP-Mitglieder, die schon vor 1933 in die Partei eingetreten waren, ausgeschlossen; auch Militarismus sollte im Verein keinen Platz mehr haben. Das war in den ersten Nachkriegsjahren alles andere als selbstverständlich. Während an vielen Stellen personelle und geistige Kontinuitäten aus der NS-Zeit fortbestanden, setzte Komet zumindest im eigenen Selbstverständnis auf Abgrenzung und demokratischen Neubeginn.
Dieser Neubeginn erfolgte allerdings unter denkbar schwierigen Bedingungen. Das frühere Vereinsvermögen von rund 12.000 Reichsmark sowie Spielgeräte und Bälle, wollte der Verein nach 1945 zurückerhalten. Der Versuch scheiterte. Ein Antrag auf Wiedergutmachung von 1951 blieb ohne den erhofften Erfolg, weil der Verbleib des Vermögens nicht belegt werden konnte. So musste der Sportbetrieb buchstäblich bei null beginnen.
Gleichzeitig wuchs in Blankenese das Bedürfnis nach gemeinschaftlichen Räumen. Sportvereine erfüllten diese Funktion in besonderer Weise. Sie bündelten Freizeit, Feste, Wettkämpfe und soziale Bindung. In den 1950er Jahren veranstaltete Komet zahlreiche Feiern und Sportfeste. Solche Ereignisse halfen, den Stadtteil wieder zusammenzuführen, der zwar weniger zerstört war als andere Teile Hamburgs, dessen Gesellschaft aber ebenso von Kriegserfahrung, Verlust und Verdrängung gezeichnet blieb.
Mit dem Ausbau seiner Infrastruktur gewann der Verein zusätzlich an Gewicht. 1950 wurde das Clubhaus an der Simrockstraße eingeweiht; zur Eröffnung kam Hamburgs zweiter Bürgermeister Paul Nevermann. Das zeigt, welche öffentliche Bedeutung Vereinsleben damals besaß. Auch der Bau der Schule in Iserbrook mit ihrer Turnhalle verbesserte die Bedingungen für die Angebote des Vereins deutlich. Sport brauchte Räume – und Räume schufen soziale Stabilität. Die Entwicklung der Mitgliederzahlen unterstreicht das. Schon kurz nach dem Krieg zählte Komet 886 Mitglieder, also etwa doppelt so viele wie vor dem Zweiten Weltkrieg.
Auf dem Platz schrieb Komet bald wieder Erfolgsgeschichten: Die Fußballabteilung gewann in den 1950er und 1960er Jahren große Bekanntheit; vereinseigene Darstellungen erinnern daran ausdrücklich. 1958 fand ein legendäres Aufstiegsspiel am Millerntor vor 17.000 Zuschauern statt, das die Mannschaft zunächst verlor, aber ein Jahr später doch noch den Aufstieg in die höchste Spielklasse schaffte. Solche Momente machten aus dem lokalen Wiederaufbau ein öffentliches Ereignis. Der Verein war nun nicht mehr nur Schutzraum, sondern auch Aushängeschild.
Mehr über die Nachkriegszeit in Blankenese und Komet Blankenese vermittelt eine Ausstellung, die ab dem 9. September 2026 im Gemeindehaus im Mühlenberger Weg 64a zu sehen ist.
Unter dem Titel „Besatzung – Kriegsfolgen – Aufbau" beleuchtet sie, wie Blankenese die Zeit zwischen dem Krieg- sende 1945 und dem gesellschaftlichen Neubeginn der jungen Bundesrepublik erlebte.


















