EXKLUSIV Sülldorf (31. Juli 2026, Markus Krohn) · Ein zugeklebter Karton vor der Tierarztpraxis am Sülldorfer Kirchenweg und sechs Kitten sorgen in diesen Tagen für Aufregung und viele Fragen in Sülldorf. Drei von ihnen konnten in Obhut genommen werden. Doch was ist mit den drei Geschwistern und der Mutter? Ausgesetzte Haustiere sind ein Problem, das sich vor allem in den Sommermonaten jedes Jahr verschärft.

Der Fund vor der Tierarztpraxis von Dorothea Vogg im Sülldorfer Kirchenweg sorgt für Bestürzung. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juli stellte eine bislang unbekannte Person einen großen, schmalen Pappkarton neben dem Eingang der Praxis ab. Mehrfach zugeklebt, mit Luftlöchern versehen und ausgelegt mit zwei beigen Strickjacken, waren darin vermutlich sechs Kitten und möglicherweise auch die Katzenmutter eingesperrt. Nach Einschätzung des Praxisteams gelang es den Tieren in der Nacht, sich durch den Karton zu beißen und zu kratzen. Als die Mitarbeiter am Morgen eintrafen, waren die Tiere zunächst verschwunden.

Die Praxis hofft nun auf Hinweise aus der Bevölkerung. Gesucht werden Zeugen, die Personen mit einem größeren Karton im Bereich des Hofes Timmermann beobachtet haben oder die Kleidungsstücke und den Karton einem Tierhalter zuordnen können. Gleichzeitig richtet das Team einen eindringlichen Appell an alle Tierhalter:

Es ist in keinster Weise zu tolerieren, dass ein Tier – gleich um welches es sich handelt und ob es gesund oder krank ist – eingesperrt und auf feige Weise ausgesetzt seinem Schicksal überlassen wird“, schreibt die Tierarztpraxis in ihrem öffentlichen Aufruf. „Wer mit seinem Haustier in Not gerät oder ein in Not geratenes Tier findet, kann sich immer an Tierschutzorganisationen, Tierheime, den tierärztlichen Notdienst oder einen Tierarzt wenden. Dort wird sicher immer eine Lösung zum Wohle des Tieres gefunden.“

32 KatzenkartonIn diesem schmalen, mit Löchern versehenen und nur vermeintlich sicher verklebten Karton wurden die Kätzchen vor der Tierarzt-praxis Sülldorf nachts ausgesetzt. Keine gute Idee. Foto: Tierarztpraxis Sülldorf

Der Vorfall ist kein Einzelfall. Mit Beginn der Sommerferien nimmt die Zahl ausgesetzter Haustiere regelmäßig deutlich zu. Nach Angaben des Hamburger Tierschutzvereins wurden allein seit Juni dieses Jahres bereits 146 Haustiere in Hamburg ausgesetzt. Darunter befinden sich rund 50 Katzen, teilweise sogar mit ihren Jungen. Tierheime geraten dadurch immer wieder an ihre Kapazitätsgrenzen.

Bundesweit schätzen Tierschutzorganisationen, dass jedes Jahr zwischen 60.000 und 80.000 Haustiere ausgesetzt werden. Katzen stellen dabei den größten Anteil. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen, weil viele Tiere sterben, bevor sie gefunden oder registriert werden.

Die Gründe sind vielfältig. Oft fehlt vor dem Sommerurlaub eine Betreuungsmöglichkeit, Tierpensionen sind ausgebucht oder verursachen Kosten, die manche Halter scheuen. Hinzu kommen finanzielle Belastungen durch steigende Lebenshaltungskosten oder unerwartete Tierarztrechnungen. Auch Veränderungen im privaten Umfeld – etwa Krankheit, Zeitmangel, Nachwuchs oder ein Wohnungswechsel – führen dazu, dass sich manche Besitzer von ihrem Tier trennen.

Nach Einschätzung von Tierärztin Dorothea Vogg könnte in diesem Jahr noch ein weiterer Faktor hinzukommen: Seit Anfang 2026 gilt in Hamburg eine Katzenschutzverordnung. Freigängerkatzen müssen kastriert, gekennzeichnet und registriert werden. Eine Kastration kann leicht mehrere hundert Euro kosten. Der individuelle Preis richtet sich nach der amtlichen Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) und hängt vom gewählten Gebührensatz sowie dem Geschlecht ab. “Wer die Kosten nicht tragen kann, sollte vorher immer mit seinem Tierarzt sprechen, so dass sich gemeinsam eine gangbare Lösung finden lässt“ empfiehlt Vogg.

Dabei ist das Aussetzen eines Haustieres keineswegs ein Kavaliersdelikt. Wer ein Tier seinem Schicksal überlässt, begeht mindestens eine Ordnungswidrigkeit. Es drohen Geldbußen von bis zu 25.000 Euro. Stirbt das Tier infolge der Aussetzung oder leidet es erheblich, kann der Tatbestand der Tierquälerei erfüllt sein. Dann sind Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren möglich.

Tierschützer und Tierärzte raten deshalb, frühzeitig Hilfe zu suchen. Wer sich die Versorgung seines Haustieres nicht mehr zutraut oder leisten kann, sollte sich an ein Tierheim, einen Tierschutzverein oder einen Tierarzt wenden. Häufig lassen sich gemeinsam Lösungen finden – von einer vorübergehenden Unterbringung bis hin zu einer verantwortungsvollen Vermittlung in ein neues Zuhause.

Bislang sind drei der vermutlich sechs mutmaßlich ausgesetzten 6–8 Wochen alten Kitten gefunden und eingefangen worden. Ihnen geht es gut. Wo sich die Geschwister und die Mutter befinden, kann niemand sagen. Möglicherweise befinden sich die Tiere noch in der Umgebung der Tierarztpraxis und können in den nächsten Tagen ebenfalls gesichert werden. Die Hoffnung des Praxisteams bleibt, dass Zeugen den entscheidenden Hinweis liefern – nicht nur, um den Vorfall aufzuklären, sondern auch, um der verantwortlichen Person Hilfe anzubieten und zu verhindern, dass sich ein solcher Fall wiederholt.

Falls dies nicht gelingt, werden die Kitten in die Hände von verantwortungsvolleren Tierfreunden vermittelt. Zwei von ihnen haben bereits eine neue Familie gefunden.