Es ist ein Freitag, an dem sich die Verantwortlichen nicht mit kleinen Gesten aufhalten. Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal steht gemeinsam mit Prof. Dr. Hauke Heekeren, dem Präsidenten der Universität Hamburg, und Prof. Dr. Dominik Begerow, dem Direktor des Botanischen Gartens Hamburg, im Kies, das Spatenblatt blitzt für die Fotografen, und UHH-Präsident Heekeren formuliert den Anspruch des Tages in einem Satz, der lange nachklingt: „Das kann Künstliche Intelligenz nicht!“
Was hier entsteht, ist zunächst ein Ausweichquartier – und wird doch mehr als das. Die historischen Schaugewächshäuser am Dammtor in Planten un Blomen, 1963 zur Internationalen Gartenbauausstellung eröffnet, sind nach über sechzig Jahren dringend sanierungsbedürftig. Ihre denkmalgeschützte Konstruktion aus außen liegenden Profilen, die den Innenraum frei von tragenden Elementen hält, lässt sich nicht reparieren, während drinnen ein Dschungel weiterwächst. Rund 3000 Pflanzen müssen also umziehen, bevor die Bauleute anrücken können. Der Umzug, so der Plan, startet, sobald das neue Haus in Klein Flottbek bezugsfertig ist; das Gebäude kostet nach Angaben des Gebäudemanagements Hamburg etwa 15 Millionen Euro und soll bis zum Sommer 2028 fertiggestellt sein. Finanziert wird das Vorhaben von Bund und Stadt, die Planung liegt beim Architekturbüro Friedhelm Haas.
Das Haus wird nicht klein. In drei Klimazonen – ein Tropenhaus, ein Subtropenhaus und ein Kalthaus für Sukkulenten – sollen sich tropische und subtropische Pflanzenwelten aufspannen. Ein zentraler Eingangsbereich verbindet sie zu einem gemeinsamen Ganzen, unterschiedliche Raumhöhen schaffen jeweils eigene Bedingungen. „Ein zentraler Eingangsbereich verbindet die drei Klimazonen zu einem gemeinsamen Haus“, erläutert Architekt Friedhelm Haas und beschreibt damit ein Gebäude, das botanische Vielfalt bewahrt, Wissen vermittelt und die Faszination der Pflanzenwelt an kommende Generationen weitergibt.
So stellen sich die Architekten das neue Schaugewächshaus in Osdorf vor. Visualisierung: Haas Architekten
Anspruchsvoll ist vor allem die Technik. „Das Gebäude muss sehr unterschiedliche klimatische, technische und betriebliche Anforderungen erfüllen und zugleich die Voraussetzungen für eine spätere Forschungsnutzung schaffen“, sagt Mandy Hermann, Geschäftsführerin des Gebäudemanagements Hamburg. In den guten und engen Abstimmungen mit der Universität Hamburg sei die Planung gezielt auf diese anspruchsvolle Nutzung hin optimiert worden.
Sich dem breiten Publikum zu öffnen und die eigenen Tätigkeiten transparent zu zeigen – darin sieht Blumenthal den eigentlichen Wert des Projekts. „Wissenschaft muss offen, transparent und für alle sichtbar sein. Genau das bauen wir hier im Botanischen Garten: mitten in der Stadt und für jede Generation, von der Schulklasse bis zu den Großeltern“, freut sich die Senatorin. Wer Wissenschaft anschauen und miterleben könne, stelle eigene Fragen und gewinne Vertrauen in das, was Forschung für die Gesellschaft leiste. Ihr Wunschbild für das neue Haus hat sie an diesem Vormittag ebenfalls parat: „Regenwald in einem großen Haus aus Glas.“
Zwischen dieser Vision und der Wirklichkeit liegt zunächst Logistik. Viele der Pflanzen, die heute in Planten un Blomen stehen, wachsen dort seit etwa sechzig Jahren in offener Erde. Ihr Wurzelwerk hat sich über diese Jahrzehnte entsprechend ausgebreitet, es muss aufwendig freigelegt werden, damit die Gewächse die Reise nach Klein Flottbek überhaupt überstehen. „Wir kämpfen um jede Pflanze“, bekräftigt Begerow, der den Umzug mit den eigenen Gärtnerinnen und Gärtnern schultern will. Die Hoffnung, dass die alten Bestände am neuen Standort gut wieder anwachsen, steht hinter jeder Schaufel.
Während die Bagger in Klein Flottbek arbeiten, bleibt es am Dammtor nicht still. Nach dem Umzug beginnt die Sanierung der dortigen Schaugewächshäuser, die nach Einschätzung der Verantwortlichen vier bis fünf Jahre dauern wird. Erst danach, so der Fahrplan, kehrt der größte Teil der Pflanzenbestände an seinen angestammten Platz zurück – mit einem überarbeiteten Pflanzkonzept. Einzig die großen tropischen Bäume bleiben, wo sie sind: Sie sollen dauerhaft in Klein Flottbek stehen und über eine Treppenanlage mit Plateaus bis auf Wipfelhöhe erreichbar sein, damit Besucher die Blüten aus der Nähe betrachten können. Ein Urwaldpfad mitten in Osdorf, so die Idee dahinter.
Das alles zielt auf eine Öffentlichkeit, die bislang ausgesperrt war. „Pflanzen aus den bislang nicht öffentlich zugänglichen Sammlungsgewächshäusern sollen dann für Besucher erlebbar werden“, heißt es in der Ankündigung der Universität, und Begerow wird konkret: „Viele der Pflanzen, die heute in unseren Sammlungsgewächshäusern hinter den Kulissen gepflegt werden, können künftig einem breiten Publikum begegnen.“ Bromelien, Amorphophallus, Espeletien – botanisch bedeutende Spezialgruppen, die in dieser Vielfalt in kaum einem anderen deutschen Garten zusammenkommen. Aus einem zunächst als Interimsstandort geplanten Gebäude werde so „ein dauerhafter Ort für botanische Bildung, Begegnung und Entdeckung“.
Ganz nebenbei verschiebt sich damit die Gewichtung innerhalb des Botanischen Gartens. Der Loki-Schmidt-Garten, 24 Hektar groß und seit 1979 der Hauptstandort der Universität, bekommt ein Schauhaus, während der alte Standort an der Wallanlage saniert in die Zukunft geht. Die beiden Orte, jahrzehntelang eher getrennt gedacht, rücken inhaltlich zusammen – und ein Haus, das die Pflanzen nur hatte beherbergen sollen, wird am Ende ein Ort, an dem seltene Gewächse zu sehen sind, die im Ursprungsland nicht ohne Weiteres ausgegraben werden dürfen. Für Touristen, für Forscher, für Familien aus der Nachbarschaft. Für ein Publikum also, das hier in Klein Flottbek zum ersten Mal verstehen kann, was in einem Tropenhaus am Dammtor über all die Jahre herangewachsen ist.




















