Die Schulgemeinschaft des Gymnasiums Othmarschen feiert an diesem Dienstag auf dem Schulhof, dem sogenannten Roten Platz, ihre offizielle Aufnahme in das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Zwischen der fünften und sechsten Stunde verwandelte sich der Pausenhof für knapp zwei Stunden in eine Bühne: Die Diversity AG der Schule trägt eigene Beiträge vor, dazu gibt es Musik, die offizielle Aufnahme in das Netzwerk und schließlich die Vorstellung des neuen Paten. Der heißt Jan Delay, ist Hamburger, Musiker – und ab sofort der Mann, an dem sich die Schule bei diesem Thema wird messen lassen müssen.
Dass ausgerechnet er diese Rolle übernimmt, hat in der Stadt Tradition. Bereits 2023 hatte Jan Delay die Patenschaft für die Stadtteilschule Horn übernommen, als diese dem Netzwerk beitrat. Damals wie heute gilt: Der Pate ist keine Dekoration. Das Konzept des Netzwerks verlangt Schulen, die sich bewusst für einen Menschen aus dem öffentlichen Leben entscheiden – jemanden, der die Ziele der Schule teilt und die Schüler in ihrem Engagement begleitet. Bei einer Schule, die ihre Patenschaft mit einem Auftaktfest beginnt, bei dem der Pate persönlich auf dem Hof steht, ist dieser Anspruch von der ersten Minute an sichtbar.
Was an diesem Dienstag gefeiert wird, ist dabei kein Selbstläufer, sondern Ergebnis eines Verfahrens. Wer in das Netzwerk aufgenommen werden will, muss mehr vorlegen als eine gute Absicht: Die gesamte Schulgemeinschaft stimmt ab, erst wenn eine klare Mehrheit sich hinter das Vorhaben stellt, wird die Schule aufgenommen. Gegründet wurde das Netzwerk 1995, 2001 kam der zweite Teil des Namens hinzu – „Schule mit Courage“. Träger ist der Verein Aktion Courage, der 1992 als Reaktion auf die rassistischen Ausschreitungen in Mölln, Solingen, Hoyerswerda und Rostock entstanden war. Heute gehören dem Bündnis bundesweit mehr als 5.000 Schulen an; es ist damit das größte Schulnetzwerk in Deutschland.
Der Titel ist für die Beteiligten in Othmarschen denn auch weniger Auszeichnung als Auftrag. Gegen Rassismus zu sein, so die Haltung, die hinter der Aufnahme steht, sollte selbstverständlich sein – Courage dagegen bedeutet, im entscheidenden Moment tatsächlich einzuschreiten, zu widersprechen und Verantwortung zu übernehmen. Genau diese Unterscheidung dürfte an diesem Dienstag in mehreren Redebeiträgen fallen, und sie ist der Kern der Sache: Ein Schild an der Eingangstür macht noch niemanden mutig.
Wie ernst es dem Netzwerk mit dieser Unterscheidung ist, zeigt sich an anderer Stelle. Erst Mitte September wurde bekannt, dass das Bündnis politisch zunehmend unter Druck gerät. Der Co-Geschäftsführer Carsten Völtzke sagte im rbb, der Korridor für politische Bildung und für das Eintreten gegen Rassismus werde enger, das Netzwerk werde auch politisch angegriffen. In Sachsen-Anhalt stehe „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ weit oben auf der Liste der Organisationen, die die AfD als erstes abschaffen wolle. Vor diesem Hintergrund liest sich die Othmarscher Aufnahme anders als ein reines Schulfest: Der Beitritt ist ein Bekenntnis in einer Zeit, in der solche Bekenntnisse wieder etwas kosten.
Der eigentliche Test beginnt ohnehin nach dem Fest. Ob der Titel mehr ist als eine Ehrung, entscheidet sich nicht am 6. Oktober, sondern an den Tagen, an denen niemand hinschaut – in den Fluren, in den Pausen, im Klassenchat. Wer in Othmarschen künftig etwas sagt, wird sich an diesem Dienstag messen lassen müssen.




















