Herr Strasser, politisch sind die Zeiten turbulent, besonders im Osten. Die AfD liegt teilweise über 30 Prozent – was heißt das für die Demokratie?

Wir stecken mitten in einer Phase, in der eine Regierungsbeteiligung der AfD nicht ausgeschlossen ist. Die CDU unter Kanzler Merz zeigt kaum Profil, und solche Trends lassen sich nur schwer umkehren. Ich hoffe sehr, dass es nicht soweit kommt, aber es deutet sich an, dass die CDU in manchen Regionen wankt.

Gleichzeitig wird das Bürgergeld reformiert. Wie erleben Sie das?

Dieses ständige Hin und Her ist ein riesiger bürokratischer Aufwand. Als Sozialberater sehe ich täglich, wie Menschen mit den komplexen Regelungen überfordert sind – Einkommensanrechnung, Mietobergrenzen, Bedarfsgemeinschaften. Am Ende kommt eine Kaskade von Bescheiden heraus, die kaum jemand versteht. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde viele dieser Probleme lösen, Bürokratie abbauen und Vertrauen schaffen. Es müsste nur gerecht finanziert werden.

Fehlt es also dem System an Pragmatismus?

Genau. Politik schafft immer neue Regeln, ohne zu bedenken, dass Verwaltung und Betroffene sie umsetzen müssen. Das erzeugt Frust auf allen Seiten.

Kommen wir zur Kommunalpolitik: Wie bewerten Sie die Wahl von Dr. Kloth zum Bezirksamtsleiter?

Die Wahl war vorhersehbar. SPD, CDU und Grüne haben hinter verschlossenen Türen verhandelt – wir als Linke waren außen vor. Wir halten an unseren Inhalten fest, vertreten die fast 13 Prozent Wählerinnen und Wähler, die uns gewählt haben.

Welche Erwartungen haben Sie an Herrn Kloth?

Rechtliche und fachliche Korrektheit, transparente Informationsweitergabe und sachgerechte Diskussionen, selbst wenn Mehrheiten anders aussehen. In seiner bisherigen Amtszeit als Baudezernent gab es viele intransparente Entscheidungen, etwa beim Bauprojekt „Runde Ecke“. Wir befürchten, dass sich daran wenig ändern wird.

Und die Kooperationsvereinbarung der großen Parteien?

Klimaschutz taucht kaum auf, stattdessen dominieren Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung. Das ist kurzsichtig, gerade bei verdichteter Bauweise in Altona-Mitte. Unsere Rolle als Linke wird stärker kontrollierend sein – Anfragen, Akteneinsicht, Nachfragen im Ausschuss. Dabei stoßen wir oft auf ausweichende Antworten und raue Umgangsformen.

Welche Themen wollen Sie besonders voranbringen?

Bezahlbare Wohnungen, soziale Infrastruktur, klimagerechte Stadtplanung, demokratische Beteiligung und Transparenz. Wir wollen verhindern, dass wirtschaftliche Interessen die Lebensqualität dominieren.

Wie bedroht rechtspopulistisches Gedankengut die Demokratie?

Demokratie ist aktuell gefährdet. Extremistische Gruppierungen versuchen, sich Einfluss zu verschaffen. Sachliche Auseinandersetzung ist der Weg, sie zu entzaubern – Beschimpfungen bringen nichts. AfD-Anträge lassen sich oft fachlich zerlegen, das zeigt, wie man mit solchen Kräften umgehen sollte.

Wie sollen demokratische Kräfte reagieren?

Rechtsstaatlich korrekt bleiben, demokratische Prinzipien wahren, Transparenz schaffen und Alternativen aufzeigen. Demokratie muss lokal erfahrbar bleiben.

Was treibt Sie persönlich an?

Seit 40 Jahren engagiere ich mich politisch, 20 Jahre bei den Grünen, jetzt 20 bei den Linken. Es ist mir eine Lebensaufgabe, dass Demokratie dort erlebbar ist, wo die Menschen leben. Entscheidungen müssen transparent und kontrollierbar sein – das ist der Kern meines Engagements.

Herr Strasser, vielen Dank für das Gespräch.