Elbvororte (11. August 2026, Konrad Matzen) · Was unter Pausenhöfen und Spielflächen jahrzehntelang kaum beachtet wurde, rückt in Hamburg jetzt ins Zentrum eines Wettbewerbs, der mehr ist als ein Schönheitsprogramm für Schulgelände: Im Westen der Stadt zeigen mehrere Schulen, wie aus grauen Flächen lebendige Lernorte werden – und warum dabei der Blick nach unten entscheidend ist.

25 Hamburger Schulen bewerben sich in diesem Jahr um den Titel "Blühende Schule 2026". Das Motto "Zukunft beginnt am Boden" wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, trifft aber einen Nerv: Es geht nicht bloß um Blumenbeete und ein wenig mehr Grün, sondern um die Frage, wie Schulhöfe, Freiflächen und Gärten so umgestaltet werden können, dass sie Artenvielfalt fördern, Regenwasser besser aufnehmen und Kindern Natur im Alltag unmittelbar erfahrbar machen. Die Gewinner werden am 24. September 2026 beim "Fest der blühenden Schulen" ausgezeichnet. Organisiert wird der Wettbewerb von der Loki Schmidt Stiftung gemeinsam mit Partnern und Förderstiftungen.

Im Hamburger Westen haben gleich vier Schulen Projekte eingereicht, die zeigen, wie unterschiedlich das Wettbewerbsmotto vor Ort übersetzt werden kann: die Stadtteilschule Flottbek mit dem Projekt "Grünwerk", die Schule Marschweg in Rissen mit "Erdreich erkunden - Was befindet sich unter unseren Füßen?", das Gymnasium Hochrad in Othmarschen mit "Flowerpower für Sandbienen & Gemüse für uns" sowie die Grundschule Goosacker in Osdorf mit dem Vorhaben "Naturerlebnisschulhof Goosacker".

Gerade diese vier Beiträge stehen beispielhaft für die Stärke des Wettbewerbs. Denn sie verbinden praktisches Arbeiten mit einer ökologischen Frage, die sonst leicht abstrakt bleibt. Schüler untersuchen, welche Böden es auf ihrem Gelände gibt, wie gut Wasser versickert, welche Tiere im Boden leben und welche Pflanzen mit trockenen, sandigen oder nährstoffarmen Standorten zurechtkommen. Daraus entstehen keine reinen Unterrichtsprojekte auf dem Papier, sondern konkrete Eingriffe auf dem Schulgelände – von naturnahen Flächen bis zur Entsiegelung. Die Loki Schmidt Stiftung beschreibt den Wettbewerb entsprechend als Anstoß, Schulgelände Schritt für Schritt unter Beteiligung der Schüler naturnah umzugestalten und zugleich biologische Vielfalt sowie Klimaanpassung zu stärken.

Im Hamburger Westen bekommt dieser Ansatz ein besonders greifbares Gesicht. In Groß Flottbek setzt die Stadtteilschule Flottbek mit dem Titel "Grünwerk" bereits sprachlich auf Gestaltungskraft. Die Schule beschreibt sich selbst als Ort für "Lernräume für Verantwortung" – ein Leitgedanke, der gut zu einem Wettbewerb passt, bei dem nicht Dekoration, sondern aktives Verändern gefragt ist. Dass ausgerechnet hier ein Projekt eingereicht wurde, das Grün nicht als Beiwerk, sondern als Werk versteht, wirkt folgerichtig.

In Rissen zielt die Grundschule Marschweg mit ihrem Projekttitel direkt auf die Kernfrage des Wettbewerbs: "Was befindet sich unter unseren Füßen?". Kaum ein anderer Beitrag bringt das Motto so präzise auf den Punkt. Der Blick in den Boden ist dabei mehr als naturkundliche Neugier. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Lebensraum, der im Schulalltag meist verborgen bleibt, obwohl er über Pflanzenwachstum, Wasserspeicherung und Lebensbedingungen für Insekten mitentscheidet.

Das Gymnasium Hochrad in Othmarschen verbindet seinen Beitrag besonders anschaulich mit Nutzen und Naturschutz zugleich. "Flowerpower für Sandbienen & Gemüse für uns" ist ein Titel, der bewusst zwei Perspektiven zusammenführt: die Förderung spezialisierter Wildbienen auf der einen, den konkreten Ertrag für die Schulgemeinschaft auf der anderen Seite. Genau darin liegt eine Qualität vieler Wettbewerbsbeiträge: Ökologie erscheint nicht als Verzicht, sondern als Gewinn – für Artenvielfalt, für Ernährung, für Anschauungsunterricht.

Auch die Grundschule Goosacker in Osdorf setzt mit dem "Naturerlebnisschulhof Goosacker" auf einen Ansatz, der über einzelne Beete hinausweist. Schon der Projektname deutet an, dass der Schulhof selbst zum Erfahrungsraum werden soll. Gerade an Grundschulen kann das entscheidend sein, weil Naturbeobachtung, Bewegung und Lernen dort noch unmittelbarer ineinandergreifen. Wo Kinder Pflanzen, Insekten und Boden nicht nur im Buch kennenlernen, sondern täglich vor sich sehen, verändert sich oft auch ihr Verhältnis zur Umgebung.

Der Wettbewerb trifft damit einen bildungspolitisch wie ökologisch wichtigen Punkt. Schulhöfe sind in vielen Städten lange als funktionale Restflächen behandelt worden: robust, versiegelt, pflegeleicht. Die Beiträge aus den Elbvororten zeigen nun ein anderes Verständnis. Der Schulhof wird zum Lernort, zum Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen und im besten Fall auch zu einem Ort, an dem Kinder erfahren, dass Klimaanpassung und Naturschutz nicht irgendwo fern beginnen, sondern direkt vor der Klassentür.

Esther Timm, Projektleiterin des Wettbewerbs bei der Loki Schmidt Stiftung, bringt diesen Gedanken auf den Punkt. Boden sei eine der wichtigsten Lebensgrundlagen und werde im Alltag doch oft kaum beachtet. Gerade deshalb seien die eingereichten Projekte so wertvoll, weil Kinder und Jugendliche Zusammenhänge erforschten, Verantwortung übernähmen und ihre Umgebung aktiv mitgestalteten. Dieser Gedanke erklärt auch, warum der Wettbewerb inzwischen zum sechsten Mal ausgerichtet wird: Er verbindet Umweltbildung mit sichtbarer Veränderung.

Noch ist offen, welche Schule am Ende den Titel "Blühende Schule 2026" erhält. Sicher ist aber schon jetzt, dass der Hamburger Westen in diesem Wettbewerb stark vertreten ist. Die vier Schulen aus Groß Flottbek, Rissen, Othmarschen und Osdorf machen deutlich, dass die Zukunft manchmal unscheinbar beginnt - nicht auf der Bühne, sondern im Erdreich unter dem Pausenhof.