Sie sind seit über 15 Jahren im Amt. Wie hat sich die Diskussionskultur im Parlament und in der Öffentlichkeit seit Ihrem Beginn verändert – insbesondere durch soziale Medien?

Damals wie heute gibt es oft keine wirklichen Diskussionen, sondern nur ein Verlesen von vorgefertigten Statements. Das ist nicht nur langweilig, sondern verhindert auch ein Vorankommen in der Sache.

Völlig frei von jeglicher Diskussionskultur agiert die AfD. Heftige verbale Angriffe auf andere Redner*innen und Fraktionen, rassistische und rechtsextreme Aussagen, das Leugnen von Fakten sowie das Hinbiegen jedes Themas zu einer Frage von Zuwanderung sind das Markenzeichen dieser Partei. Social Media spielt eine große Rolle, da die AfD ihre Reden nicht für das Parlament hält, sondern für Filmchen auf TikTok, Instagram & Co. Für das Klima in der Bürgerschaft ist das Gift.

In öffentlichen Diskussionen und auch in Gesprächen mit Bürger*innen nehme ich wahr, dass – wie in den sozialen Medien – schnell mal Kommentare, gerne mit Beschimpfungen garniert, herausgehauen werden, statt sich ernsthaft zu unterhalten oder mit einem Thema auseinanderzusetzen. Behauptungen werden ungeprüft übernommen und für bare Münze genommen, auch wenn sie noch so absurd sind. 

Können Sie sich vorstellen, ohne Ihr politisches Amt und ohne Debatten zu leben?

Klar kann ich ohne Amt leben, habe ich ja auch schon vor meiner Bürgerschaftszeit. Debatten und Diskussionen werden in meinem Leben immer stattfinden, da ich ein politischer Mensch bin und nicht nur zuschaue, sondern mich auch einmische.

Blickt man auf 15 Jahre zurück: Welches politische Thema haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere völlig anders bewertet als heute, und was hat diesen Meinungsumschwung bewirkt?

Anders bewertet? Da fällt mir wenig ein. Aber einige Themen habe ich anders eingeschätzt. So habe ich mir nicht vorstellen können, dass in einer SPD regierten Stadt das Fortschreiten der sozialen Spaltung hingenommen, teilweise gar verschärft wird. Und dass die SPD sich z.B. in der Wohnungspolitik immer nur auf die Schulter klopft, während viele Hamburger*innen ihre Miete kaum noch zahlen können.

Was motiviert Sie nach so langer Zeit immer noch, jeden Tag in die politische Arena zu gehen, und wie gehen Sie mit der unvermeidlichen Kritik um?

Auf der einen Seite ist mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn ein starker Motor, auf der anderen Seite sind es die vielen engagierten Hamburger*innen, die sich für ihr Viertel, für ein besseres Leben in der Stadt einsetzen und mit denen ich zusammenarbeiten darf.  Anerkennung und Lob, die ich dort erfahre, stärken mich im Umgang mit Kritik.

Sind Sie immer noch in der "richtigen" Partei? Warum?

Definitv. Die Linke setzt sich für soziale Gerechtigkeit ein. Sie legt sich mit den Verantwortlichen und mit einem kapitalistischen System an, das immer mehr Menschen an den Rand drängt.

Politik ist oft das Handwerk des Kompromisses. Gibt es eine Entscheidung in Ihrer Laufbahn, bei der Ihnen ein Kompromiss besonders schwergefallen ist, weil er Ihre eigenen Grundüberzeugungen berührt hat?

Kompromisse sind notwendig, haben aber auch Grenzen. Das habe ich 1999 bitterlich erfahren, als die Grünen, deren Mitglied ich seit 1997 war, einer NATO-Beteiligung am Kosovo-Krieg zugestimmt haben. Gleichzeitig wurde die Sozialpolitik in Hamburg - unter einer rot-grünen Koalition! -  immer unerträglicher. Beides widersprach so sehr meinen Grundüberzeugungen, dass ich die grüne Partei verlassen habe.

Manchmal geht es in der Bürgerschaft ziemlich hoch her. Vor allem, seit die AfD in der Hamburger Volksvertretung aktiv ist. Hat Sie mal eine Debatte oder ein politisches Thema so richtig in den Wahnsinn getrieben?

Wahnsinnig bin ich noch nicht geworden (lacht). Aber fast jeder Debattenbeitrag von der AfD hetzt gegen Geflüchtete, spielt Menschen gegeneinander aus, schürt Hass. Das ist nur schwer zu ertragen. Besonders dann, wenn sich nicht alle demokratischen Fraktionen gegen die AfD abgrenzen.

Nach 15 Jahren kennen Sie die Mechanismen der Interessenvertretung genau. Wie hat sich der Einfluss von Lobbyisten über die Jahre verändert, und wie wahren Sie Ihre Unabhängigkeit?

Bei uns Linken klopfen Lobbyist*innen nicht an, wir nehmen im Gegensatz zu allen anderen Parteien auch keine Spenden von denen an. In meiner Zeit als Abgeordnete für die Grünen konnte ich erleben, wie Lobbyist*innen, die in Oppositionszeiten kein Wort mit mir wechselten, mit Beginn der rot-grünen Koalition mir quasi den Hof machten. Es ist absolut wichtig, sich nicht von Freundlichkeiten oder von hochrangigen Vertreter*innen blenden zu lassen. Mich hat immer der Kontakt zu den vielen Initiativen auf Stadtteilebene und die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen sozialen und ökologischen Verbänden davor bewahrt, von Lobbyist*innen eingewickelt zu werden und meine Unabhängigkeit zu verlieren.

Welches war das schwierigste politische Krisenjahr in Ihrer Amtszeit, und welche Lehren daraus wenden Sie heute in aktuellen Krisensituationen an?

Die Corona-Jahre waren definitiv schwierig. Die große Verunsicherung, das fehlende Wissen, immer neue Erkenntnisse bzw. Ansagen haben kaum eine*n unberührt gelassen.  Gegen großen öffentlichen Druck hat z.B. meine Kollegin Sabine Boeddinghaus sich damals immer wieder gegen die Schließung der Schulen ausgesprochen. Das zeigt mir, wie wichtig es ist, auch bei heftigem Gegenwind richtige Position nicht aufzugeben. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren – diese Devise gilt weiterhin für mich.

Welchen Rat würden Sie Ihrem 'jüngeren Ich' geben, das vor 15 Jahren in die Bürgerschaft gewählt wurde?

Bleib aufrecht, bewahre dir deinen Humor, deine Zugewandheit und deine Verlässlichkeit.

Wenn Sie heute Ihre politische Karriere beenden müssten: Welches Projekt oder welches Gesetz soll als Ihr wichtigstes Vermächtnis in Erinnerung bleiben?

Nur eins? Der Kampf gegen Abzocke der Mieter*innen und gegen Mietwucher sowie die Straßenbahn für Hamburg stehen da für mich ganz oben. Meine Aufklärungsarbeit rund um das Spekulationsobjekt des Elbtowers, auch „Kurzer Olaf“ genannt, wird sicherlich vielen in Erinnerung bleiben.

Was muss sich am System Politik ändern, damit sich wieder mehr junge Menschen für ein langfristiges Engagement entscheiden?

In der Linken engagieren sich gerade sehr viele junge Menschen. Sie sind es leid, wenn sie von Regierungsvertreter*innen hören, es gäbe keine Alternative -  zur Schuldenbremse, zur Aufrüstung, zu Kürzungen beim Bürgergeld und zu vielem mehr.

Politik muss nah an den vielen Menschen und ihren Problemen sein. Wenn sich ein Millionär wie Bundeskanzler Merz zur gehobenen Mittelschicht zählt, zeugt das von einem klaren Realitätsverlust. Dadurch wird Politik unglaubwürdig.

Wenn Ihnen neben der Politik noch Zeit bleibt, wobei trifft man Sie dann?

Beim Fahrradfahren oder Spazierengehen, viel zu selten beim Basketballspielen. Faulenzen tue ich am liebsten mit einem Krimi in der Hand.