Die Lage der stationären Pflege in Hamburg hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschärft. Immer wieder berichten Träger von Einrichtungen, die schließen müssen oder ihr Angebot reduzieren. Hauptgründe sind steigende Kosten, strenge gesetzliche Vorgaben und vor allem der anhaltende Fachkräftemangel.
Pflegeheime sind heute mit einer hohen Regulierungsdichte konfrontiert – etwa bei Personalstandards und baulichen Anforderungen. Gerade ältere Gebäude lassen sich oft nur mit großem finanziellen Aufwand anpassen. Gleichzeitig fehlen vielerorts qualifizierte Pflegekräfte. Können offene Stellen nicht besetzt werden, müssen Einrichtungen Betten sperren. Die Folge: Einnahmen sinken, während Fixkosten bestehen bleiben – ein wirtschaftliches Risiko, das für einige Häuser existenzbedrohend wird.
Parallel dazu steigt der Bedarf weiter an. Eine alternde Gesellschaft sorgt für eine wachsende Nachfrage nach Pflegeplätzen. Gleichzeitig versuchen viele Senioren, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Ein Umzug in eine Einrichtung erfolgt häufig erst bei höherem Pflegebedarf – oft spät und unter Zeitdruck.
Das verschärft die Situation zusätzlich: Pflegeplätze sind knapp, Wartelisten lang. Kurzfristig einen Platz zu finden, ist für viele Betroffene kaum noch möglich.
Auch strukturelle Probleme spielen eine Rolle. Pflege wird zunehmend zur finanziellen Belastung für Betroffene und ihre Familien. Reformen sind zwar in der Diskussion, lassen jedoch auf sich warten. Branchenvertreter rechnen daher damit, dass weitere Einrichtungen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten könnten.
Im Hamburger Westen zeigt sich die Lage differenziert: Während einige Träger unter Druck stehen, setzen andere auf neue Konzepte, um wirtschaftlich stabil zu bleiben und gleichzeitig den Bedürfnissen der Senioren gerecht zu werden. Wie ein solcher Ansatz konkret aussehen kann, erläutert Matthias Frost vom Diakoniewerk Tabea im folgenden Interview.
DorfStadt-Redaktion: Welche Anforderungen und Bedürfnisse haben Senioren heute an Senioreneinrichtungen?
Matthias Frost, Vorstandsvorsitzenden des Diakoniewerkes Tabea e.V. in Osdorf: Grundsätzlich lässt sich beobachten, dass Senioren es bevorzugen, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung zu leben. Dies hat viel mit der damit verbundenen Selbstbestimmung, dem vertrauten sozialen Umfeld und der Kostensituation zu tun.
Ein Umzug in eine Senioreneinrichtung erfolgt in der Regel dann, wenn pflegerische Maßnahmen notwendig werden und die eigene Wohnung dafür nicht mehr geeignet ist.
In dieser Situation erfolgt üblicherweise eine Beratung, welche Wohnform für die konkreten Pflegebedürfnisse sinnvoll erscheint. Bei leichter Pflegebedürftigkeit ist dies in der Regel eine barrierefreie Service-Wohnung, bei erhöhter Pflegebedürftigkeit ist dann häufig ein Umzug in ein Pflegeheim angezeigt.
Die Bedürfnisse der Senioren im Service-Wohnen gehen dahin, vor Ort Ansprechpartner für die Bedürfnisse des Alltags zu haben und Kontakte zu den Mitmietenden knüpfen zu können, um nicht einsam die Zeit allein in der Wohnung zu verbringen. Gewünscht ist häufig auch die Vermittlung für einen Ambulanten Pflegedienst und für eine nächtliche Notrufbetreuung.
Diese Versorgungssituation sichert ein soziales Umfeld, die notwendige pflegerische Betreuung und in der Regel eine im Vergleich zum Pflegeheim günstigere Kostensituation.
Bedingt insbesondere auch durch die Kostensituation erfolgt in der heutigen Zeit ein Umzug in ein Pflegeheim häufig bei demenziellen Erkrankungen und bei erhöhter Pflegebedürftigkeit, meistens in den letzten Lebensmonaten.
Gewünscht wird heutzutage gerne eine Versorgungssituation „aus einer Hand“. Also zuerst ein Umzug in eine seniorengerechte Service-Wohnung mit der Möglichkeit der pflegerischen Versorgung durch einen Pflegedienst und bei einer fortschreitenden Pflegebedürftigkeit sodann die Möglichkeit, auf demselben Gelände in ein Pflegeheim umzuziehen, wobei die sozialen Kontakte bestehen bleiben. Diese besondere Möglichkeit bietet die Tabea Diakonie auf dem Gelände in Hamburg.
Warum gibt es immer wieder Einrichtungen, die aufgrund wirtschaftlicher Bedingungen schließen müssen?
Für stationäre Pflegeeinrichtungen gibt es eine enorm hohe Regelungsdichte, was grundsätzlich auch gut und richtig ist, um die Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner auf eine gute Art und Weise gewährleisten zu können. In diesem Zusammenhang gibt es auch sehr detaillierte Vorgaben hinsichtlich der Qualifikation der eingesetzten Mitarbeitenden und hinsichtlich der Anforderungen an die Baulichkeiten der Pflegeeinrichtungen. Die Erfüllung von baulichen Vorgaben ist häufig trotz langer Übergangszeiten insbesondere in älterer Bausubstanz kaum möglich. Sanierungs- oder Neubaumaßnahmen sind jedoch auch nur innerhalb sehr enger Grenzen umsetzbar. Der Personaleinsatz in Pflegeeinrichtungen ist sehr umfassend und sehr konkret geregelt. Häufig ist es aber nicht mehr möglich, ausreichend qualifizierte Mitarbeitende für die Pflegeeinrichtungen finden zu können. Wenn nicht genügend Mitarbeitende vorhanden sind, muss ab einem bestimmten Zeitpunkt die Anzahl der zu belegenden Pflegeheimplätze reduziert werden. Eine Kostenerstattung erfolgt jedoch nur für belegte Pflegeheimplätze, die trotzdem bestehenden Fixkosten der Pflegeeinrichtungen können dann nicht mehr gedeckt werden, es entstehen wirtschaftliche Schieflagen die schlussendlich zu Schließungen der Pflegeeinrichtungen geführt haben.
Was macht Tabea anders und steht wirtschaftlich gut da?
Die Tabea Diakonie ist in Hamburg in der guten Situation, auf dem eigenen Gelände verschiedenste Pflegeversorgungsformen anbieten zu können. Es kann zwischen Service-Wohnen, Versorgung durch den Ambulanten Pflegedienst, einer Tagespflege und einem Pflegeheim gewählt werden, alles auf einem Gelände. Diese Leistungen können wir in sanierten oder neu errichteten attraktiven Gebäuden anbieten, da wir durch die sehr sorgfältige Auswahl unserer Baupartner in der Lage waren, Kostenvorgaben einhalten zu können. In unserem neuen Gebäude des Pflegeheims können wir entsprechend gute Arbeitsbedingungen und auch eine gute Bezahlung nach dem Diakonietarif anbieten. Zudem gibt es bei uns eine gute Arbeitsatmosphäre in den einzelnen Teams der Wohnbereiche. Wir haben darüber hinaus ein Ausbildungskonzept inklusive Wohnraumangebot auf dem Gelände entwickelt um hierdurch neue und gut qualifizierte Mitarbeitende gewinnen zu können. Diese Kombination aus Maßnahmen und die sinnstiftenden Momente der Arbeit in der Pflege ermöglichen uns eine solide Grundlage unserer Tätigkeiten und einen positiven Blick in die Zukunft. Nur über die Situationen zu jammern und immer anderen die Schuld dafür zu geben, ist für uns nicht zielführend. Wir packen an und gehen mit eigenen Ideen für ein gutes mitmenschliches Zusammenleben voran.
Sie beobachten den Markt und Ihre Wettbewerber. Glauben Sie, dass wir weitere Schließungen von Einrichtungen bekommen?
In unserer immer älter werdenden Gesellschaft spielt die Pflege im Alter eine immer bedeutendere Rolle. Es ist gut, dass dieses Thema mehr und mehr in der öffentlichen Diskussion angekommen ist und verschiedenste Reformideen existieren. Pflege im Alter wird zunehmend zum Armutsrisiko und ist kaum noch zu bezahlen, hier sind dringend weitreichende Reformen notwendig. Diese Reformen sind allerdings sehr aufwendig und brauchen auch sehr lange, wahrscheinlich zu lange für manche Pflegeeinrichtung. Ich würde es daher nicht ausschließen können, dass es zu weiteren Schließungen von Pflegeeinrichtungen kommen könnte.
Können Sie absehen, wie es im Hamburger Westen weitergeht?
Grundsätzlich sind die Pflegeeinrichtungen im Hamburger Westen gut aufgestellt. Negative Entwicklungen in der Pflege sind allerdings in manchen Fällen sehr kurzfristig, daher lässt sich aktuell keine Prognose für fremde Einrichtungen herleiten.
Wie problematisch ist die Lage bei den Fachkräften? Warum wollen ausreichend bei Ihnen arbeiten?
Grundsätzlich ist die Lage bei den Fachkräften nach wie vor sehr angespannt. Der Markt ist leer, die Anwerbung ausländischer Fachkräfte ist trotz aller Beteuerungen aus der Politik immer noch mit vielen Hürden verbunden. Einiges hat sich hinsichtlich der Fachkräfte aus dem Ausland zwar verbessert, aber hier könnte sehr unkompliziert eine deutlich größere Entlastung durch den Abbau von Bürokratie erreicht werden.
Schwierig ist die Situation, Auszubildende für die Pflege zu finden. Dies gelingt in der Regel nur noch dann, wenn zusätzlich günstiger Wohnraum für die Auszubildenden angeboten werden kann.
Genau hier setzt unser Ausbildungskonzept an. Auf unserem Gelände gibt es eine Wohngemeinschaft für Auszubildende und zusätzlichen günstigen Wohnraum. Dieses macht es jungen Menschen aus dem In- und Ausland leicht, in der Tabea Diakonie anzukommen und gut starten zu können. Auszubildende und neue Mitarbeitende werden bei uns von Anfang an gut eingearbeitet und begleitet, es gibt eine angenehme Arbeitsatmosphäre in den Teams, durch die Neubauten gibt es ein modernes Arbeitsumfeld, dieses wird bereichert um moderne Arbeitsmethoden und eine Digitalisierung der Dokumentation, beispielsweise durch digitale Spracherkennung. Wir achten auf die Wahrung der Würde unserer Bewohner und auf einen menschenfreundlichen Umgang miteinander. Eine diakonische Grundhaltung und die Gleichbehandlung aller Menschen sind die Grundlagen unserer Arbeit. Nicht zuletzt haben wir auch mit dem Diakonietarifvertrag gute Gehaltssituationen. Aus dieser Kombination sind wir gut in der Lage, langfristig Mitarbeitende gewinnen und halten zu können und hinreichend attraktiv für neue Mitarbeitende zu sein.
Gibt es überhaupt noch genügend Pflegeplätze?
Aktuell dürfte jede gute Pflegeeinrichtung eine lange Warteliste führen oder bereits wegen der Überfüllung dieser Liste auf eine Warteliste verzichten müssen, da es eine nahezu endlose Nachfragesituation gibt. Es ist für Senioren in der Regel nahezu ausgeschlossen, kurzfristig einen Pflegeplatz zu bekommen. Nur mit Flexibilität und meistens einer großen Einheit Geduld erscheint eine erfolgreiche Pflegeplatzsuche möglich.
Insofern gibt es auf der Nachfrageseite zumindest gefühlt nicht genügend Pflegeplätze.
Es wäre jedoch auch keine Lösung, die Anzahl der stationären Pflegeplätze einfach zu erhöhen, denn es gibt bei weitem nicht genügend Mitarbeitende, um eine erhöhte Anzahl zu pflegender Personen dann auch in den Pflegeeinrichtungen versorgen zu können. Kurzfristige Lösungen wird es kaum geben können, hier kann nur eine gut durchdachte große Reform der Pflege eine echte Abhilfe erreichen.




















