Frau Kranz, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen. Wie sind Sie auf die geplante Unterkunft aufmerksam geworden?
Durch die Gegeninitiative. Es gab den Anwalt Dr. Reich und Frau Hesselbart als Sprecherin. Sie sprachen sich gegen die Unterkunft aus. Wir wurden von Nachbarn angesprochen: „Haben Sie schon gehört? Oh je, die armen Kinder!“ Zuerst dachten wir, sie meinten die geflüchteten Kinder. Bis wir merkten, dass sie unsere Kinder meinten – aus Sorge um die eigenen Kinder. Das war für uns völlig befremdlich. Kurz darauf kamen Unterschriftenlisten ins Haus geflattert – man konnte unterschreiben, dass man gegen die Unterkunft ist. Erst hieß die Gruppe anders, dann nannten sie sich „Für eine adäquate Unterkunft“. Angeblich wollten sie, dass Geflüchtete „gut untergebracht“ werden – nur eben nicht hier.Wie haben Sie reagiert?
Ich und die Menschen in meiner direkten Nachbarschaft waren ziemlich irritiert. Einige von uns tauschten sich ohnehin regelmäßig in einem kleinen politischen Internetchat aus. Uns war schnell klar: Wir müssen etwas tun. Trotz Stress und wenig Zeit haben wir uns organisiert. Im Mai 2024 trafen wir uns, und schon im Juni gab es ein Nachbarschaftspicknick mit Transparenten und Flyern. Eine kleine Gruppe von vier bis fünf Leuten legte richtig los – der Flow war unglaublich, und eins nach dem anderen organisierte sich fast von selbst.Wie haben Sie die Nachbarschaft eingebunden und informiert?
Wir merkten schnell, dass viele Nachbarn gar nicht so denken, wie wir zunächst vermutet hatten. Es gab viel Unterstützung. Wir bauten ein kleines Netzwerk auf – die Signalgruppe „Flottbek ist bunt“ – aus der sich die aktive Gruppe entwickelte. Wir wollten nicht gegen die Gegeninitiative sein, sondern für Willkommenskultur im Stadtteil. Wir organisierten Info-Stände, Flyeraktionen, Präsenz bei Laternenumzügen, Straßen- und Kirchenfesten. Dabei konnten wir Missverständnisse ausräumen, etwa über fehlende Parkplätze oder Container, die als Argumente gegen die Unterkunft genutzt wurden. Auch Lokalpolitikerinnen kamen vorbei. Mittlerweile sind rund 180 Leute in der Signalgruppe aktiv.Gab es Konflikte oder Spannungen mit der Gegeninitiative?
Nein. Die Gegeninitiative war eher symbolisch aktiv – Unterschriften sammeln, Stimmungen einfangen. Wir hatten Respekt vor ihrem Engagement, aber das war nicht der Hauptgrund unseres Handelns. Wir wollten positive Energie in den Stadtteil bringen. Persönlicher Kontakt fand kaum statt; im Nachhinein hätte ich das aus Neugier vielleicht gern gehabt. Die Lebensrealitäten klaffen schon sehr auseinander, das ist mir noch mal klar geworden, als Dr. Reich in einem Podcast auf seinen eigenen Besitz – „seine drei Porsches“ – hinwies.Wie war die Stimmung bei der Bürgerversammlung?
Die Stadt lud Ende Mai oder Juni ein. Wir hatten vorher nur unsere Signalgruppe. Wir bastelten kleine Fähnchen, um uns erkennbar zu machen. Die Stadt war mit sechs hochrangigen Vertretern vertreten. Von der Gegeninitiative waren nur Dr. Reich und Frau Hesselbart anwesend – das wirkte ziemlich dünn. Die Stimmung war positiv und konstruktiv. Viele sprachen sich für die Unterkunft aus, fragten, wie sie helfen können. Berührende Beiträge kamen von Menschen, die selbst als Geflüchtete Erfahrungen gemacht hatten. Es gab keine lauten Proteste oder Stress.Gab es Anfeindungen oder Trolle?
Kaum. Ein paar Troll-Kommentare in der Signalgruppe haben wir stumm geschaltet. Kleine Angriffe auf Transparente gab es, aber keine ernsthaften Konflikte. Ich hatte anfangs Sorge, dass es persönlich werden könnte, da wir mit Namen auftraten. Aber die Nachbarschaft blieb ruhig – vermutlich, weil viele hier materiell gut ausgestattet sind. Viele Bedenken beruhen auf Angst vor Abwertung des Grundstücks, Müll oder „Armut im Viertel“, nicht unbedingt auf Fremdenfeindlichkeit.Was hat die Initiative über die vielen Monate getragen?
Dass wir etwas bewegen können. Viele hier leben zurückgezogen, und plötzlich entstand eine echte Nachbarschaft. Es war Empörung, aber produktiv: „So sind wir nicht! So ist unser Stadtteil nicht!“ Viel Zuspruch hat Mut gegeben – trotz der Trolle in der Signalgruppe.Demnächst geht es im zweiten Teil des Interviews um die Zusammenarbeit mit der Stadt, die Eröffnung und die langfristigen Herausforderungen der Geflüchtetenunterkunft.
