Hamburger Westen (23. Dezember 2025, Markus Wallbrecher) · Die Kirche verzeichnet seit Jahren weniger Mitglieder. Im Interview spricht Propst Frie Bräsen über die Lage der Gemeinden in den Hamburger Elbvororten, politische Themen und die künftige Rolle der Kirche gesprochen.

Herr Bräsen, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Sie haben Einblick in rund zwanzig Kirchengemeinden. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr – was beschäftigt die Menschen?

Ich bin viel im Gespräch und spüre vor allem eine Frage: Wie geht es mit Kirche weiter? Die Menschen merken, dass sich Kirche angesichts sinkender Zahlen stark verändern wird. Der klassische Kirchturm vor Ort mit allem Drumherum wird so nicht bleiben können. Wie viele Bereiche des öffentlichen Lebens stehen wir vor Nachwuchs- und Ressourcenmangel – und Kirche muss sich neu denken.

Wie stark ist der Mitgliederschwund in Hamburg zu spüren?

Sehr stark. Großstädte säkularisieren schneller, Bindung nimmt ab. Früher gehörte man selbstverständlich dazu – heute wird vieles nur noch punktuell genutzt. Das passt nicht zu dauerhafter Mitgliedschaft.

Ist dieser Trend aufzuhalten?

Teilweise. Wir haben zu wenig kommuniziert. Eine Gemeinde lud etwa alle Haushalte zum Fest ein – die Resonanz war überwältigend. Menschen wollen gesehen werden. Wir müssen sichtbarer, präsenter, menschlicher sein. Kommunikation ist Beziehungspflege, und darin sind wir eigentlich gut.

Was bedeutet das konkret?

Wir müssen zu den Menschen gehen. In Grenzerfahrungen wie Geburt, Krankheit oder Sterben sind wir gefragt – einfach da sein, zuhören. Aber auch im Glück: Rituale schaffen, die das Leben würdigen. Unsere Ritualagentur „st.moment“ zeigt, wie präsent Kirche außerhalb ihrer Gebäude sein kann – etwa mit Paarsegen auf dem Dom oder Gesprächen in Kneipen.

Das klingt „produktorientiert“, als hätten Sie Ihren Blick auf Kirche sehr verändert.

(lacht) Wir machen das im Grunde schon lange – etwa in Krankenhäusern oder der Diakonie. Aber man sollte nicht erst krank oder obdachlos sein müssen, um Kirche zu erleben. Wir müssen im Alltag ansprechbar sein.

Viele Ihrer Angebote sind kostenfrei, Sie arbeiten nicht mit dem Gedanken, etwas zu „verkaufen“.

Genau. Wir stärken Würde und Selbstwert. Kein Mensch fällt so tief, dass wir ihn aufgeben. Dafür braucht es Orte, an denen Menschen aufgefangen werden.

Gibt es neue Projekte gegen den Mitgliederschwund oder für mehr gesellschaftliche Präsenz?

Wir wollen die erreichen, die sich verbunden fühlen, ohne oft zu kommen. Kirche soll Teil des gesellschaftlichen Kits bleiben. Ein Beispiel: „Fürsorgende Gemeinschaften“ – Ehrenamtliche im Ruhestand besuchen einsame Menschen. Das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun, ist groß. 2015 etwa war die Hilfsbereitschaft riesig. Diese Energie zeigt, was Zusammenhalt bewirken kann.

Heute scheint dieser Geist – „Wir schaffen das“ – fast verschwunden. Spüren Sie das auch?

Ja, und das tut uns nicht gut. Die politische Debatte ist rau geworden. Da wird zu viel lamentiert und zu wenig gestaltet. Man spült mit dieser Rhetorik der AfD manches in die Hände. Ich muss aber sagen: Hamburg ist da besonders. Der Dialog mit der Stadt, den Bezirken, den Senatoren – das funktioniert. Ich erlebe echte Gesprächsbereitschaft, echtes Interesse an Lösungen. Natürlich ist nicht für alles Geld da, aber die Grundhaltung ist: Was können wir tun? Das genieße ich sehr. Deshalb ärgert mich die bundesweite Debatte um Migration so. Wenn ein Fußballspieler sich erklären muss, dass er ein „Deutscher mit Migrationshintergrund“ sei – das ist absurd. Nach 1945 sind sehr viele Menschen nach Hamburg gekommen – alle mit Migrationshintergrund. Nur dass man es manchen nicht ansieht. Ich finde diese Stadtbild-Debatte gefährlich. Wenn Politiker Sätze sagen wie „Schauen Sie sich das Stadtbild an“, dann spielen sie mit Bildern, die Spaltung fördern. Und das schadet uns allen. Natürlich ist Vielfalt eine Herausforderung. Integration muss immer wieder neu gelingen. Aber das gilt auch für Menschen mit Behinderung, für Ältere, für Arme. Es geht darum, dass alle teilhaben können. Wir sollten nicht trennen, sondern verbinden – immer wieder.

Haben Sie Gesprächskanäle in die Politik? Gibt es Foren, wo Kirche gehört wird?


Das wäre wünschenswert. Kirche kann differenziert sprechen, weil sie keiner Partei verpflichtet ist. Differenzierung geht in der Politik zunehmend verloren. Ich finde, wir müssen wieder lernen, nüchtern und sachlich zu diskutieren. Da kann Kirche helfen – wir können sagen: „Das ist richtig“ oder „Das ist falsch“, unabhängig vom Absender.

Sie haben einen politischen Konflikt selbst moderiert – den Streit um das Wildgehege Klövensteen. Wie kam es dazu?

Die Stimmung war aufgeheizt, zwei Bürgerbegehren standen sich gegenüber. Ich wurde als Moderator angefragt – und fand: Genau das ist unsere Rolle. Verständigung möglich machen.

Wie lief diese Moderation konkret ab?

Wir trafen uns sechsmal, führten viele Gespräche. Am Ende wuchs Verständnis auf beiden Seiten: Die einen wollten Bildung und Natur, die anderen Bewahrung. Wir fanden eine Lösung, die Spaltung verhinderte. Das Gehege ist heute besser als zuvor.

Würden Sie so eine Moderation wieder übernehmen?

Ja. Solche Aufgaben sollten höhere Priorität bekommen. Kirche vertritt nach außen die Haltung: Sprechen hilft. Das ist zutiefst christlich.

In vielen Gemeinden sind Kooperationsräume eingerichtet worden. Was steckt dahinter?

Wir wollen kirchliches Leben trotz weniger Ressourcen erhalten. Gemeinden bündeln ihre Stärken – etwa in der Jugendarbeit. Ab 2030 wird der Mangel spürbar, deshalb müssen wir uns jetzt zukunftsfähig aufstellen. Gemeinden entscheiden selbst, aber wir müssen Prioritäten setzen.

Was bedeutet das für Gebäude und Grundstücke?

Wir dürfen nicht einfach verkaufen, sondern entwickeln weiter: neue Gemeindehäuser, Kitas, Wohnungen für Menschen in schwierigen Situationen. Projekte wie das Trinitatisquartier oder „Housing First“ zeigen, wie Kirche sozialen Nutzen schaffen kann. Wir werden weniger Gebäude brauchen – aber die, die bleiben, sollen strahlen.

Wie bleiben Sie stabil bei all den Belastungen?

Durch Ausgleich: Familie, Sport, Musik, Kultur. Und Begegnungen – sie geben viel zurück. Dankbarkeit und Vertrauen tragen mich.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach dem Berufsleben?

Noch nicht konkret. Aber ich habe ein großes Netzwerk – eher muss ich dann lernen, Nein zu sagen.

Was würden Sie unserer Leserschaft gerne mitgeben?

Fragt euch: Was kann ich beitragen? Nicht aus Pflicht, sondern aus Sinn. Wir bieten Räume dafür – Musik, Seelsorge, Besuchsdienste, Engagement. Es macht glücklich, etwas Gutes entstehen zu sehen. Ich kann die Welt nicht retten, aber sie ein Stück besser machen. Wie Luther sagte: Selbst wenn morgen die Welt untergeht, pflanze ich heute noch einen Apfelbaum.

Wenn Sie das auf die Kirche anwenden – was ist Kirche für Sie heute?

Kirche ist ein Prinzip: füreinander da sein. Zuhören, begleiten, verbinden. Ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Kits. Und diesen Beitrag sollten wir sichtbar machen – gerade jetzt.

Herr Bräsen, vielen Dank für das Gespräch.