Neue Motive wollen erobert werden“, erklärt der 72-Jährige, der mir in seinem roten Pul­lover und Hut im „La Maison du Pain“ am Blankeneser Bahn­hof beim Cappuchino und Croissant gegenübersitzt. „Rot pocht immer, kommt aber nicht immer klar raus“, sinniert Dett­mar. Rot ist seine Lieblings­farbe. Der als rebellischer Wir­belwind geborene Freiburger bringt damit Lebendigkeit in seine Motive. Wann und wo er malt, überlässt er seinem Le­bens-Lauf. Dem, was auf ihn zukommt. „Ich bin dankbar für meinen Beruf, der mir viel Freiraum lässt und in dem ich Entscheidungen selbst treffen kann“. Bei seinen Reisen durch die Lande, lässt er Stimmungen und Motive gern auf sich zukommen. Wenn er sich sicher ist, dass es soweit ist, lässt er sich nieder und malt. So wie jetzt in Blankenese. Von Mai bis Oktober schlug er sein Atelier im historischen Fischer­haus im Treppenviertel auf und verändert die Welt mit jedem Pinselstrich. „Da, wo Mauern sich verbinden und nicht trennen, fühle ich mich wohl“, sagt Alexander Dettmar. Schon frü­her war er oft in dem Elbvorort unterwegs, hat ihn „aber nicht erkundet“. Dettmar mag das Lebensgefühl der Blankeneser, die hanseatische Haltung, die Weite der Landschaft, die Ver­schachtelung, die aber nichts Einengendes habe.

»Man lernt Leute kennen, die man gar nicht kennen lernen möchte«

Die wahrgenommenen Ein­drücke vom Treppenviertel müssen sich erstmal setzen, um in dem Künstler lebendig zu werden. Irgendwann ist es soweit. Dann müssen sie auf die Leinwand. Dann werden die Geschichten, die die Architektur erzählen, lebendig: „Ich spüre positiven Stimmungen nach“.
Dann setzt sich Dettmar intensiv mit der Architektur und Landschaft auseinander. Sel­tener mit den Menschen. „Als Maler ist man in der Regel allein mit seinem Werk“. In der Pleinairmalerei lässt sich die Begegnung mit Menschen je­doch nicht vermeiden. Nicht, dass Dettmar Menschen nicht mag, aber manchmal gibt es solche, die ihn im künstlerischen Schöpfungsprozess un­ter­brechen: „Es sind diejenigen Menschen, die man in dem Augenblick gar nicht kennen lernen will, die einem aber aufgrund ihrer Neugier nicht von der Seite weichen und Fragen stellen, die beantwortet werden müssen – und die man dadurch unfreiwillig und manchmal auch sehr intensiv kennen lernt“ – im Gegensatz zu denen, die geräuschlos, aber doch aufmerksam an einem vorbei schleichen, sich aber nicht trauen, den Künstler bei der Arbeit anzusprechen.

Doch, die Einstellung der Blan­keneser, die mag Alexander Dettmar sehr. Diese lässige Internationalität, die freiheitliche Stimmung, in der man sich gegenseitig gelten lässt, egal welcher Herkunft man ist, das gefällt dem 72-Jährigen.

Seine Werke waren in vielen deutschen Städten wie auch in Paris und New York zu sehen. Er lässt sich von der Aus­strah­lung und Geschichte jenes Ortes inspirieren, an dem er arbeitet – vor allem die Spuren jüdischen Lebens liegen ihm am Herzen. Neben Kapitäns- und Fischerhäusern hat Dett­mar in Blankenese auch die weiße Warburg-Villa an der Kösterbergstraße (heute Elsa Brandström Haus) und das Dehmelhaus auf Leinwand festgehalten.

Seine Bilder sind ebenso reduziert wie poetisch, sie verströmen das Lebensgefühl, die Ru­he und die Kraft des Viertels. Die hier spürbare „Lebens­freude“ habe ihn, dessen Palette oft von erdigen, duffen Tönen bestimmt wird, „zu neuen Farblösungen geführt“, bekennt der Maler. Ein Hauch mediterraner Farbigkeit durchweht die Bilder. Unter dem Titel „Trep­pen und Träume“ sind rund 30 in den vergangenen Monaten vor Ort in Blankenese entstandene Arbeiten in Kirche, Ge­mein­dehaus und Fischerhaus versammelt. Dass man sich die Werke und Stimmungen „er­wan­dern“ muss, fasziniert Dett­mar. Man zieht durch Blanke­nese, atmet die Motive, an denen man von der Kirche zum Fischerhaus vorbeizieht und auf diese Weise die Ausstellung ganz anders wahrnimmt.

Ergänzt wird die Schau um einige frühere Werke, vor allem Bilder von Synagogen, die während der NS-Zeit zerstört wurden und die Dettmar hat wiederauferstehen lassen. Mit der Ausstellung und dem Buch­projekt „painting to re­mem­ber“ (zerstörte Synago­gen) wurde er international bekannt.
Zur Vernissage am Sonntag, dem 9. November um 11:30 Uhr spricht Dr. Jürgen Dop­pel­stein, Direktor des Barlach-Museum in Wedel. Der Künstler ist Ernst Barlach eng verbunden. Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. Januar 2026, teilweise wird der Künstler im Fischer­haus anzutreffen sein. Voraus­sichtlich sonntags.