Regina Schmekens eindrucksvoll verstörende Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen die Schauplätze der rechts-terroristischen Anschlagsserie des NSU als scheinbar unauffällige Orte, die trotzdem bis heute von den rassistisch motivierten Verbrechen geprägt sind. Der besondere künstlerische Blick der Fotografin auf die Tatorte ermöglicht es den Betrachtenden auf ganz eigene Weise, sich der Ungeheuerlichkeit der NSU-Morde zu nähern.  Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die NS-Propagandaformel „Blut und Boden“, um auf die extremistische Ideologie hinzuweisen, die hinter den Taten des NSU stand. Von den zwölf Tatorten der Morde und der Sprengstoff-anschläge zeigt die Ausstellung im Altonaer Museum jeweils ein Triptychon der großformatigen Bilder. So entsteht eine eindringliche Atmosphäre und zugleich ein visuelles Mahnmal in Gedenken an die Ermordeten Enver ŞimşekAbdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozga und Michèle Kiesewetter.

 Ein zweiter Ausstellungsraum ermöglicht den Besuchenden eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten einer Erinnerungskultur im Angesicht rechter Gewalt und mit den Hintergründen der NSU-Morde. Anhand von Zitaten der Angehörigen und biografischen Informationen zu den Getöteten soll die Erinnerung an die Mordopfer wachgehalten werden. In Video-Interviews berichten ein Angehöriger sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus unterschiedlichen Perspektiven von ihren persönlichen Erfahrungen: Okan Taşköprü, der Neffe von Süleyman Taşköprü, Ibrahim Arslan, einer der Überlebenden der rassistischen Brandanschläge von Mölln im Jahr 1992, Barbara John, die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen des NSU, die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoğuz, die SZ-Journalistin Annette Ramelsberger und die Fotografin Regina Schmeken. Zudem wird in dem Raum auch die Kontinuität rechter Gewalt in Hamburg seit 1945 thematisiert. Ein besonderes Element bildet zum Abschluss die partizipative Installation „Was ist Erinnern für dich?“, an der sich die Besucherinnen und Besucher aktiv am Gedenken an die Ermordeten beteiligen können.

 

Stimmen zur Ausstellung

Jana Schiedek, Staatsrätin für Kultur und Medien: „Der NSU hat über Jahre in der Mitte unserer Gesellschaft Menschen ermordet, denen wir keine sichere Heimat gegeben haben. Wir haben viel zu lange weggeschaut vor dem rechten Terror und unserer Ignoranz. Diese Schuld wiegt schwer und es ist wichtig, dass wir uns als Gesellschaft unserer Verantwortung stellen. Das Altonaer Museum erinnert an die Opfer des NSU, thematisiert auch unsere Verantwortung und mahnt uns, gemeinsam einzustehen für eine Gesellschaft, in der Hass und Fremdenfeindlichkeit keinen Platz haben dürfen. Die Bilder von Regina Schmeken zeigen eine beklemmende Leere, die die Morde in unsere Gesellschaft gerissen haben und das unermessliche Leid, das bis heute geblieben ist. Die Ausstellung mahnt uns, diese Leerstellen nicht zu übersehen, sondern sie zu füllen – mit Empathie, mit politischer Verantwortung, mit einem wirksamen Rechtsstaat, der seine Bevölkerung schützt und für sie da ist.

 

Hans-Jörg Czech, Vorstand und Direktor der Stiftung Historische Museen Hamburg: „Auch 25 Jahre nach dem Beginn der Mordserie durch den selbsterklärten sogenannten ‚Nationalsozialistischen Untergrund‘ machen uns die brutalen, menschenverachtenden Verbrechen der Täter noch immer fassungslos. Wir selbst können den Schmerz der Angehörigen kaum nachempfinden, aber was wir tun können, ist aktiv Anteil nehmen und darauf hinwirken, dass die Erinnerung an die Ermordeten und das Verbrecherische der verblendeten Taten nicht vergeht. Dabei kann historischen Museen eine besondere Rolle zukommen, wenn sie sich nicht nur auf die Vermittlung von weit zurückliegenden Ereignissen fokussieren, sondern in ihrer Arbeit auch Ereignisse der jüngeren und jüngsten Vergangenheit in den Blick nehmen. Regina Schmeken hat mit ihrem künstlerischen Blick auf die Tatorte der NSU-Morde eine Fotoinstallation geschaffen, in der sich ihr sensibler Blick für gesellschaftliche Entwicklungen spiegelt. Ihre Fotos, die unter dem Eindruck der laufenden Gerichtsprozesse entstanden, stellen uns die Leere, die diese Taten hinterlassen haben, vor Augen. Sie laden uns ein, innezuhalten, den Blick auf die Orte des Geschehens zu richten, die Ereignisse mahnend zu reflektieren und die Geschichten der Opfer nicht zu vergessen.

 

Anja Dauschek, Direktorin des Altonaer Museums: „Für das Altonaer Museum ist die Ausstellung ‚Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU‘ von besonderer Bedeutung. Sie erinnert an den Mord an Süleyman Taşköprü, der 2001 nur wenige Straßen vom Museum entfernt Opfer des rechtsterroristischen NSU wurde. Sein Todestag jährt sich im kommenden Jahr zum 25. Mal. Regina Schmekens großformatiger Bilderzyklus in Schwarz-Weiß nimmt uns mit an die Tatorte, auch in die Altonaer Schützenstraße. Ihre Fotoarbeiten zeigen das scheinbar Alltägliche der Orte, die beklemmende Leere ist eine Aufforderung an die Betrachtenden, die Ungeheuerlichkeit der Taten zu reflektieren und die Opfer zu erinnern. Erinnerung ist eine Aufgabe der Gegenwart. Es ist deshalb gerade für diese Ausstellung wesentlich, dass in Zusammenarbeit mit vielen Partner:innen ein umfangreiches Begleitprogramm entwickelt werden konnte, um aktuelle Diskussionen zur fortbestehenden rechten Gewalt ergänzt. Wir begreifen es als unseren Auftrag, in einer Zeit, in der rassistische Hetze und rechtsextreme Gewalt eine Bedrohung darstellen, Haltung gegen Rassismus, Ausgrenzung und rechte Ideologien zu zeigen und diese Haltung auch in unserem Programm sichtbar zu machen.

 

Regina Schmeken, Künstlerin und Autorin der Ausstellung: „Mit rassistischen Argumenten machten sich unsere Vorfahren unglaublicher Verbrechen, ja des Massenmordes schuldig. Niemals, hatte man gedacht, würde dieses menschenverachtende Gedankengut wiederkehren. Die Mitglieder der Terrorzelle NSU glaubten im Sinne der Nationalsozialisten zu handeln, die Deutschland in einen Unrechtsstaat verwandelt hatten, die alles vernichten wollten, was sie als ‚fremd‘, ‚nicht deutsch‘ oder ‚nicht arisch‘ definierten. Die Ausstellung ‚Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU‘ ist ein Versuch, die Fassungslosigkeit, die Ratlosigkeit, die Ohnmacht und auch die Wut über diese Verbrechen und ihre unzulängliche Aufklärung zu kanalisieren und umzusetzen, sich solidarisch zu zeigen mit den Opfern von Terror und Gewalt. Ich bedanke mich bei den Verantwortlichen des Altonaer Museums, insbesondere bei der Direktorin Anja Dauschek, dass sie diese thematisch herausfordernde Ausstellung in Hamburg zeigen und durch ein umfassendes Programm und einen Erinnerungsraum ergänzen und bereichern. Denn nur wenn wir die Hintergründe der Geschichte verstehen, können wir aus ihr lernen.

 

Okan Taşköprü, Neffe von Süleyman Taşköprü: „Wir haben so viel versprochen bekommen, doch bis heute fehlt Aufklärung. Aufklärung ist kein Wunsch, sondern ein Recht. Erinnerung darf nie stehenbleiben, denn nur wer hinschaut und Verantwortung übernimmt, kann Veränderung schaffen. Erinnerung ist eine Brücke aus Wahrheit und Mitgefühl. Ich kämpfe dafür, dass niemand vergisst, was geschehen ist, und dass aus Schmerz endlich Gerechtigkeit wächst.