Das Allee Theater gehört zu den besonderen Kulturorten Hamburgs. Unter seinem Dach vereint es mit dem Theater für Kinder und der Hamburger Kammeroper zwei Bühnenwelten, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher wirken – und doch eng miteinander verbunden sind. In der Spielzeit 2026/2027 feiert die Hamburger Kammeroper ihr 30-jähriges Bestehen. Intendant Marius Adam, der das Haus seit neun Jahren prägt, kündigt dafür sieben Premieren an. Doch bei allen Jubiläumsfeiern rückt ein anderer Teil des Hauses besonders in den Mittelpunkt: das Theater für Kinder, das als ältestes privates Kindertheater Deutschlands gilt.
Gegründet wurde das Theater 1968 von Uwe Deeken, einem Visionär, der früh erkannte, dass Kinder nicht mit vereinfachter Unterhaltung abgespeist werden wollen. Sein Anspruch war hoch: Theater sollte auch für junge Zuschauer eine ernsthafte Kunstform sein. Schauspiel, Musik, Bühnenbild und Sprache sollten zu einem Gesamterlebnis verschmelzen. Dieser Gedanke war damals nahezu revolutionär. Kindertheater wurde in den 1960er Jahren vielerorts noch als pädagogisches Beiwerk verstanden – schlicht, moralisch und oft improvisiert. Deeken dagegen setzte auf professionelle Inszenierungen mit künstlerischem Anspruch.
Eine zentrale Rolle spielte dabei Barbara Hass, die das Haus bis heute prägt. Ihre Erinnerungen erzählen viel über die Anfänge des Hamburger Kindertheaters. Als junge Schauspielerin stand sie Anfang der 1970er Jahre in „Pippi Langstrumpf“ auf der Bühne und bekam regelmäßig echte Schlagsahne ins Gesicht geschleudert. Selbst die Kostüme mussten täglich aufwendig gepflegt werden. Für Barbara Hass war Theater von Anfang an eine Welt voller Fantasie, Musik und Sprache. Geprägt von einer musischen Familie entwickelte sie früh ein Gefühl für Klang, Rhythmus und Erzählkunst.

Szenenbild aus der beliebtesten Opernproduktion im Theater für Kinder, Mozarts Zauberflöte. Foto: Patrick SobottkaDiese Leidenschaft floss später in ihre Arbeit als Autorin, Dramaturgin und Übersetzerin ein. Viele Libretti des Hauses stammen aus ihrer Feder. Besonders bemerkenswert: Ihre Bühnenfassung von Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ ist bis heute die einzige von Lindgren autorisierte deutsche Theaterfassung und wird auf zahlreichen deutschsprachigen Bühnen gespielt.
Das Theater für Kinder wurde damit weit über Hamburg hinaus zu einer Institution. Schon früh setzte das Haus auf Literaturadaptionen großer Kinderbuchautoren wie Astrid Lindgren, Otfried Preußler, Michael Ende oder Paul Maar. Gleichzeitig brachte es Kindern klassische Opern näher – ein Konzept, das deutschlandweit Maßstäbe setzte.
Die ehrlichsten Zuschauer der Welt
Gerade darin liegt bis heute die besondere Stärke guten Kindertheaters: Es nimmt junge Zuschauer ernst. Kindertheater funktioniert nicht, wenn Erwachsene glauben, Kinder mit grellen Effekten oder einfachen Botschaften abspeisen zu können. Kinder reagieren unmittelbar. Sie merken sofort, wenn Figuren unglaubwürdig wirken oder Geschichten künstlich konstruiert erscheinen. Erfolgreiches Kindertheater arbeitet deshalb mit klaren Emotionen, starken Bildern und verständlichen Konflikten, ohne seine Zuschauer zu unterschätzen.
Seit den 1970er Jahren hat sich die Kindertheater-Szene in Deutschland massiv verändert. Damals entstanden vielerorts freie Theatergruppen, die neue Formen ausprobieren wollten. Gesellschaftliche Themen hielten Einzug auf die Bühne. Kindertheater wurde politischer, experimenteller und kreativer. Statt Märchenkulissen rückten zunehmend Alltag, Familie, Ängste und gesellschaftliche Konflikte in den Mittelpunkt. Die freie Szene entwickelte neue Erzählformen mit Musik, Tanz, Bewegung und interaktiven Elementen.
Auch in Hamburg entstand daraus eine lebendige Kindertheaterlandschaft. Der – Kindertheaterszene Hamburg – bündelt heute zahlreiche freie Gruppen, die bundesweit unterwegs sind und aktuelle Themen auf die Bühne bringen. Viele Produktionen beschäftigen sich mit Diversität, Umweltfragen oder sozialen Spannungen.
Parallel professionalisierte sich die gesamte Branche. Während Kindertheater früher oft als Randbereich galt, entstanden spezialisierte Häuser, Festivals und Förderprogramme. Große Stadt- und Staatstheater gründeten eigene Kinder- und Jugendsparten. Theaterpädagogik entwickelte sich zu einem eigenständigen Berufsfeld. Heute gehören Schulvorstellungen, Workshops und Begleitmaterial vielerorts selbstverständlich dazu.
Das Theater für Kinder im Allee Theater war einer der frühen Wegbereiter dieser Entwicklung. Schon lange bevor kulturelle Bildung bundesweit intensiv diskutiert wurde, arbeitete das Haus eng mit Schulen zusammen. Bis heute besuchen zahlreiche Klassen die Vorstellungen, oft ergänzt durch theaterpädagogische Angebote und Blicke hinter die Kulissen.
1984 wagte das Haus sogar einen ungewöhnlichen Schritt: Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ wurde eigens für Kinder bearbeitet. Ein künstlerisches Risiko – und zugleich ein Signal dafür, dass auch komplexe Stoffe jungen Zuschauern zugänglich gemacht werden können. Selbst die Familie Wagner zeigte sich beeindruckt.
Aus dieser Entwicklung entstand schließlich 1996 die Hamburger Kammeroper. Nach einem Blitzschlag, der eine alte Scheune mit Kulissen und Kostümen zerstörte, entschieden Barbara Hass und Uwe Deeken, das Theater grundlegend umzubauen. Mit Versicherungsleistungen und Grundstücksverkauf entstand eine neue Bühne im Stil barocker Theater. Seitdem bietet das Haus tagsüber Theater für Kinder und abends Opernproduktionen für Erwachsene.
Dass die Hamburger Kammeroper inzwischen ihr 30-jähriges Jubiläum feiert, zeigt die Kontinuität dieses ungewöhnlichen Konzepts. Die Opernfassungen des Hauses wurden sogar vom renommierten Ricordi-Verlag übernommen – ein Beleg für die hohe künstlerische Qualität.
Trotz aller Jubiläen bleibt jedoch vor allem das Kindertheater das Herzstück des Hauses. Denn hier beginnt oft die erste Begegnung mit Kultur überhaupt. Wer als Kind erlebt, wie sich Licht, Musik und Geschichten zu einer eigenen Welt verbinden, vergisst das meist nie wieder. Vielleicht erklärt genau das, warum das Theater für Kinder seit fast sechs Jahrzehnten besteht – und warum seine Bedeutung heute größer scheint denn je.
Die neue Saison für das Theater für Kinder beginnt am 19. September mit der Premiere für Die Entführung aus dem Serail (Wolfgang Amadeus Mozart) in einer Bearbeitung des heutigen Intendanten Marius Adam. Karten gibt es ab Juni über die Website des Theaters.





















