In seinem Erstlingswerk „STROM – über Nostalgie, Zukunft und warum der Markt längst entschieden hat“ (demnächst auch vom prominenten Fürsprecher Prof. Harald Lesch als Hörbuch eingelesen) nimmt Dr. Tim Meyer, promovierter Elektroingenieur und langjähriger Manager in der Solarindustrie, den Leser mit in die vierte Industrieevolution. Wie einst die Dampfmaschine die Pferdekraft oder das moderne Smartphone das klassische Handy verdrängte, stellen heute erneuerbare Energien, immer leistungsfähigere Batteriespeicher und die Elektromobilität sämtliche Leitindustrien auf den Kopf. Meyer verzichtet dabei auf moralische Zeigefinger und technisches Pathos. Sein zentrales Credo lautet nicht Verzicht, sondern wirtschaftliche Neuausrichtung: Die industrielle Massenfertigung von sogenannter Clean Tech und kluge Märkte seien unsere stärksten Verbündeten für eine klimaneutrale Zukunft.
Doch gerade dann, wenn dieser eigentlich erfreuliche globale Fortschritt auf die lokalen Realitäten trifft, drohen wir uns nach Meyers Meinung massiv selbst im Weg zu stehen. Ein prominenter Brennpunkt, auf den der Experte aus Blankenese im Kontext lokaler Energiewenden besonders hinweist, ist die aktuelle Ausweisung von Flächen für Windenergieanlagen in Hamburg. Auf dem Papier mag sich nahezu jedermann einig sein, dass Hamburg zwingend seinen Beitrag zum eigenen Ökostrom leisten muss. Doch die praktische und physische Umsetzung direkt vor der eignen Haustür gerät schnell zur emotionalen Zerreißprobe – ob das in der Sülldorf-Rissener Feldmark, in Duvenstedt oder in Bergedorf passiert.
Fakten für die Zukunft
Für Meyer ist dieser Widerstand weniger die pauschale Schuld von starrköpfigen Anwohnern als vielmehr das logische Resultat einer geradezu katastrophalen politischen Kommunikation. Anstatt dem Vorhaben klare, transparente und strikt sachliche Kriterien zugrunde zu legen – welche Flächen sind überhaupt verfügbar, was gibt der zwingende Naturschutz vor und wie ist die Infrastruktur beschaffen –, wurden die Entscheidungsprozesse schwammig geführt. Ohne ein verlässliches, objektives Bewertungsraster sei es kein Wunder, dass sich der unmittelbare Nachbar übergangen und bedroht fühlt. Gleichzeitig stellt Meyer auf scharfsinnige Weise handfeste pragmatische Fragen: Ist die anvisierte Fläche am Klövensteen unterm Strich überhaupt rentabel zu betreiben? Denn bevor emotionale Scheindebatten ausgetragen werden, sollten elementare infrastrukturelle Fakten geklärt sein. Gibt es dort in absehbarer Zeit wirtschaftlich tragbare Netzanschlüsse? Und haben sich bereits konkrete, landwirtschaftliche Pächter gefunden, die ihre Flächen uneingeschränkt zur Verfügung stellen möchten?
Solche drastischen fundamentalen Hürden beim Projektmanagement zeigen sich unlängst nicht nur im Westen der Stadt, sondern auch bei der städtischen Planung von Windrädern im Hamburger Hafen. Von einst stolzen 43 avisierten Standorten des Masterplans blieben nach tiefgehender Prüfung lediglich sieben übrig. Und selbst dort verzögert sich der Bau fortlaufend, maßgeblich gebremst von den strengen Auflagen der Flughafensicherung, dem Artenschutz für umherfliegende Zugvogelarten sowie der logischen Flächenkonkurrenz mit ansässigen Industrieanlagen des essenziellen Hafengewerbes.
Meyers ganzheitliche Denkweise macht eines unmissverständlich deutlich: Dieser politische Schlingerkurs kommt Europa sehr teuer zu stehen. Während China mit robusten Fünf-Jahres-Plänen im großen Stil unschlagbare Kapazitäten für die weltweite Marktführerschaft bei Solarmodulen errichtet und die massive Weiterentwicklung in der Akkutechnologie regelrecht erzwungen hat, verschläft Deutschland allzu oft den innovativen nächsten Schritt. Fördermittel und staatliche Energie werden hier nicht selten starrsinnig auf wenige Schultern – wie beispielsweise den ins Straucheln geratenen Batterie-Konzern Northvolt – verteilt. Das chinesische System nimmt hingegen bei der Unterstützung bewusster Streuung in Kauf, dass ein Anteil der Unternehmen schlichtweg scheitern darf, solange der Rest die globale Entwicklung mit Wucht nach vorne treibt. Solch ein mangelnder Erfindergeist und träges Ausrollen im eigenen Land ist laut Meyer auch ein triftiger Grund dafür, dass energieintensive Betriebe Deutschland vermehrt verlassen.
Verschläft Deutschland den Wandel?
Dabei läge ein grundlegender industrieller Konjunkturzyklus in unserer Hand, wenn sich die Entscheider pragmatisch auf klugen Netzausbau und neue Technologien fokussieren würden. Meyer, der sich privat im Vorstand des Zukunftsforums Blankenese ehrenamtlich einsetzt, beobachtet oft im eigenen wohlhabenden Stadtteil der Elbvororte den perfekten Beweis für diesen Pragmatismus: Denken eher konservative Bürger an Elektromobilität, kaufen sie moderne E-Autos oftmals nicht aus einer vorgeblichen Umweltliebe, sondern schlichtweg deshalb, weil die neuen Wagen spürbar leise fahren, wirtschaftlich punkten und die rasante Technik einfach „geil” ist. Wer heute neu baut und auf eine Wärmepumpe setzt, entscheidet im Regelfall vollkommen unabhängig von seiner politischen Ausrichtung und rein über den Weg des technologischen Fortschritts.

Die ständige Skepsis, die viele noch vor dieser Transformation hegen, bleibt nach den Überzeugungen des Autors unser größtes, völlig übermächtig hochstilisiertes Hemmnis. Welche enormen Vorteile stringente Entscheidungen mit sich bringen, verdeutlicht er anhand innovativer chinesischer Großstädte wie Shenzhen: Dort, wo ein flächendeckender Umschwung auf Elektromobilität politisch durchgesetzt wurde, erfreuen sich die Bewohner plötzlich über die dramatische Reduzierung der Abgasbelastung und des urbanen Straßengetöses. Eine völlig neue Lebensqualität wächst heran, bei der man selbst am Rand einer dicht befahrenen achtspurigen Magistrale wieder deutlich die Vögel zwitschern hören kann. Wer heute also wütend gegen angebliche Veränderungen vor der eigenen Haustür kämpft, wird Meyers Prognose nach bereits in einem Jahrzehnt feststellen, dass dieses Land sich zum uneingeschränkt Positiven entwickelt hat. Dafür braucht es auf der Fläche des Klövensteen wie überall anders in der Republik ab sofort nur sehr viel mutigere Führung, den unbeirrbaren Glauben an die stetige Entwicklung und Transparenz, von der sich jeder Bürger nachhaltig mitgenommen fühlt.
Sein Taschenbuch „Strom” erscheint bereits in der 4. Auflage mit 288 Seiten zum Preis von 19 Euro. ISBN: 9783769351224
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