Als Wirtschaftssenatorin Dr. Melanie Leonhard, Handwerkskammerpräsident Hjalmar Stemmann und der Herausgeber der DorfStadt-Zeitung an diesem Tag die Goldschmiede Laatzen in Rissen betreten, ist schnell klar, dass es hier nicht um einen routinierten Pressetermin geht. Der Laden wirkt nicht wie eine Kulisse für politische Botschaften, sondern wie ein Ort, an dem Geschichte tatsächlich weitergeführt wird. In den Vitrinen funkeln Ringe, Anhänger und Ketten, im Hintergrund liegen Werkzeuge, von denen manche fast ein Jahrhundert alt sind. Und mittendrin steht Christiane Rüping, die Frau, die den Betrieb übernommen hat, in dem sie einst selbst ihr Handwerk lernte.

Rissen ist an diesem Vormittag ein stiller, fast beiläufiger Rahmen für ein Thema, das Hamburg noch stark beschäftigen wird: Denn hinter der Geschichte dieser Goldschmiede steht die wichtige Frage: Wer übernimmt die vielen Handwerksbetriebe, deren Inhaber in den kommenden Jahren aufhören werden? Rund 5.000 Betriebsinhaber im Hamburger Handwerk sind 57 Jahre oder älter, in etwa jedem dritten Betrieb steht damit kurz- bis mittelfristig eine Nachfolge an. Was abstrakt nach Strukturwandel klingt, bekommt in der Werkstatt von Laatzen ein Gesicht.

Die Goldschmiede selbst trägt diese Geschichte schon lange in ihren Wänden. 1933 gegründet, gehört sie zu den ältesten Handwerkswerkstätten im Hamburger Westen. 1943 wurde der Betrieb ausgebombt, 1946 folgte die Wiedereröffnung in Rissen. Später traten die Söhne in das Unternehmen ein: Hermann Laatzen 1969, Heinz J. Laatzen 1971. Was über Jahrzehnte ein Familienbetrieb war, ist nun in andere Hände übergegangen - nicht an irgendeinen Investor, sondern an eine Goldschmiedin, die hier ausgebildet wurde und das Haus, seine Arbeit und seine Kundschaft kennt.

Christiane Rüping spricht ruhig über diesen Schritt, fast nüchtern, und gerade deshalb wirkt das, was sie sagt, umso glaubwürdiger. Die Übernahme sei nicht einfach gewesen, sagt sie, aber genau richtig. Wer ihr zuhört, merkt schnell: Es ging nicht nur um Verträge, Finanzierung und einen Notartermin. Es ging auch um Vertrauen, um Zeit und um die heikle Frage, wie man in ein traditionsreiches Familienunternehmen eintritt, ohne dessen Identität zu beschädigen. Gerade in einem Familienbetrieb liege viel Emotionalität, weiß Rüping. Ein behutsamer Übergabeprozess und eine offene Kommunikation mit dem bisherigen Inhaber seien deshalb entscheidend gewesen.

Dass Hermann Laatzen mit seinen 81 Jahren noch immer mitarbeitet, passt zu diesem Bild. Rüping spricht mit sichtbarer Anerkennung über seine Gravuren von Hand. Sie seien unvergleichlich, sagt sie. Es ist einer dieser Sätze, in denen sich Respekt, Kontinuität und persönliche Nähe bündeln. Man ahnt, dass die Übergabe hier nicht als harter Schnitt funktioniert hat, sondern eher als langsamer Wechsel an einer Werkbank, die sich beide Generationen noch eine Zeit lang teilen.

Während die Gespräche laufen, wird das Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes vorgeführt. Jessica Dehmer, Goldschmiedin und Mitarbeiterin des Betriebs, zeigt die Entstehung eines Anhängers in Form eines Pfahlewers aus Gold. Sie arbeitet mit traditionellen Werkzeugen, erklärt einzelne Schritte, verweist zugleich aber auch auf moderne Technik: auf das Mikroskop, das feine Arbeiten erleichtert, und auf CAD-Zeichnungen am Computer, mit denen sich Ideen für Kunden visualisieren lassen. Für so ein individuelles Schmuckstück brauche es sieben bis acht Stunden, von der Zeichnung bis zur Übergabe an die Kundin. In diesem Moment wird deutlich, was bei einer gelungenen Nachfolge erhalten bleibt: nicht nur eine Firma, sondern ein präzises Wissen, eingeübte Handgriffe und das Gespür für Kundenwünsche.

Die Kunden, sagt Rüping, seien oft über viele Jahre mit dem Betrieb verbunden. Man erfahre hier von Geburt, Hochzeit und Trauer oft als erstes. Es ist ein Satz, der den Unterschied zwischen einem anonymen Geschäft und einem gewachsenen Handwerksbetrieb beschreibt. In Rissen zählt nicht nur das Produkt, sondern auch die Beziehung. Vielleicht war es genau das, was Rüping an diesem Standort halten wollte: der Ort, an dem sie gelernt hat, die hohe Kaufkraft im Stadtteil, aber eben auch die private Atmosphäre mit langjährigen Kunden.

Für Melanie Leonhard ist dieser Fall ein Beispiel dafür, dass Nachfolge im Handwerk mehr sein kann als die weniger glamouröse Alternative zur Neugründung. Wer einen Betrieb übernimmt, fängt nicht bei null an, sondern baut auf Erfahrung, Kundschaft und Geschichte auf - so die wirtschaftspolitische Botschaft des Besuchs. Hjalmar Stemmann ergänzt sie um den Hinweis auf die Rolle der Frauen. Viele gründungsbereite Frauen dächten zunächst eher an eine Neugründung oder an ein Start-up, obwohl die Übernahme eines bestehenden Betriebs oft der sinnvollere Weg sein könne. Gerade darin liege ein bislang unterschätztes Potenzial.

Stemmann verweist auch auf die Zahlen: Zwar sind inzwischen rund 20 Prozent der Auszubildenden im Handwerk weiblich, doch nur 12 Prozent von ihnen gehen später zur Meisterschule. Zugleich geht bereits ein Drittel der Übernahmen in weibliche Hände. Für die Handwerkskammer ist das ein ermutigendes Signal, aber noch kein Grund zur Entwarnung. Denn wenn in den kommenden Jahren tausende Betriebe einen Nachfolger suchen, wird die Frage, wie mehr Frauen für diesen Weg gewonnen werden können, zur Schlüsselfrage.

Dass Rüpings Übernahme gelungen ist, lag auch an der Begleitung durch die Nachfolgelotsen der Handwerkskammer Hamburg. Seit 2021 unterstützen sie Übergeber und Übernehmer kostenlos, neutral und praxisnah. Im Fall der Goldschmiedin war es ein enges Zusammenspiel mehrerer Berater: Aref Shahin half bei der Entscheidung zwischen zwei möglichen Betrieben, Sarah Kautscher unterstützte beim Businessplan und Bankgespräch, Henrik Strate prüfte Lage, Potenzial und Perspektive des Standorts. Seine Einschätzung überzeugte am Ende auch die Bank.

Als der Besuch sich dem Ende nähert, bleibt der Eindruck eines Betriebs, der nicht im Museum bewahrt wird, sondern im Alltag weiterlebt. Die Goldschmiede Laatzen steht damit für mehr als ihre eigene Geschichte. Sie zeigt, wie Nachfolge funktionieren kann, wenn Erfahrung, Vertrauen und Beratung zusammenkommen. Und sie zeigt, warum Frauen in dieser Debatte nicht nur mitgedacht, sondern gezielt gewonnen werden müssen. In Rissen ist das keine Forderung mehr, sondern bereits Wirklichkeit geworden.

 


Goldschmiede Laatzen
Wedeler Landstraße 44
Tel.: 81 30 97
www.laatzen-hamburg.de