DorfStadt: Was hat Sie in Ihren ersten Wochen als Bezirksamtsleiter am meisten überrascht?
Dr. Sebastian Kloth: Dass man selbst nach vielen Jahren in der Verwaltung immer noch Neues erlebt. Besonders beeindruckt hat mich der Sozial- und Jugendbereich – sehr komplex, sehr menschlich, sehr zentral. Auch das Zusammenspiel der Dezernate im Rathaus, die vielen Themen, die gleichzeitig laufen. Das ist herausfordernd, aber auch spannend.
Ich bin gerade dabei, alle Bereiche gut kennenzulernen – und gleichzeitig sollen die Bereiche mich kennenlernen. Ich habe überall meinen Antrittsbesuch gemacht und dabei auch so manchen Mitarbeiter überrascht. Dafür nehme ich mir gerne Zeit, denn es lohnt sich. Verwaltung ist kein abstrakter Apparat, sondern ein System aus Menschen, Verantwortung und Zusammenarbeit.
Kommen wir zu den Themen, die aktuell im Bezirk anstehen. Beim Wildgehege heißt es ja, dass vieles schon abgeschlossen ist – lediglich die Wasserreinigungs- oder Kläranlage fehle noch. Wie geht es dort weiter?
Das stimmt, das Projekt ist im Grunde fast fertig. Die neue Kläranlage hat jetzt Priorität, weil sie das Fundament einer stabilen Tierhaltung ist. Derzeit wird die neue Uhuvoliere aufgebaut, außerdem brauchen die Frettchen eine neue Behausung, die schon einmal zusammengebrochen ist. Das wollen wir nun baulich und technisch sauber lösen, damit solche Situationen nicht wieder passieren.
Auch der Zaun rund um das Dam- und Rotwildgehege gegenüber den Wildschweinen muss erneuert werden. Anschließend wird man dann auch die Tiere dort wieder sehr nah erleben können. Und wir wollen gemeinsam mit der Initiative NaturErleben einen für Norddeutschland typischen Knick aufbauen, in dem man viel Leben entdecken kann.
Ich war selbst mit meinen Kindern am Anfang der Herbstferien dort – und der Ort war voll und lebendig. Man spürt, wie sehr die Menschen solche Naturerfahrungen suchen. Wenn wir jetzt noch die Leitungsfrage klären, bin ich glücklich.
Das ist wohl schwierig. Und überall hört man vom Fachkräftemangel. Gibt es überhaupt realistische Chancen, qualifiziertes Personal zu finden?
Es ist ein echtes gesellschaftliches Thema, natürlich auch hier im Amt. Ich habe in letzter Zeit festgestellt: Junge Menschen haben große Lust, etwas zu gestalten, aber die Verwaltung wird nicht automatisch als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen. Viele denken zuerst an die Privatwirtschaft – auch wegen der Gehälter.
Ich bin aber überzeugt, dass Verwaltung mindestens genauso spannend ist. Man kann Politik, Gestaltung, Bürgernähe und langfristige Entwicklung miteinander verbinden. Das ist kein nüchterner „Beamtenjob“, sondern ein echter Gestaltungsraum. Gleichzeitig konkurrieren wir natürlich auch innerhalb der Stadt – andere Ämter suchen ebenfalls händeringend Personal. Und die Fachkräfte müssen sich erst einmal entscheiden, welchen Weg sie überhaupt einschlagen wollen.
Was mir wichtig ist: Ein Team funktioniert nur, wenn man sich wertschätzt und einander zuhört. Ich möchte ein Arbeitsklima fördern, indem Probleme offen benannt werden können, aber eben auch die positiven Dinge Raum bekommen. Wir haben ein tolles Team – und das muss man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch zurückgeben.

Die beiden Fraktionsvorsitzenden der CDU-Bezirksfraktion, Tim Schuckall (links) und Sven Hielscher (rechts) gratulieren dem neuen Bezirksamtsleiter Dr. Sebastian Kloth (Mitte) zur Wahl und überreichen ein Steuerrad. Foto: KrohnKommen wir zur Magistrale. Lange Zeit wirkte das Projekt ausgebremst, dann gab es wieder Bewegung. Wie schätzen Sie die Entwicklung im kommenden Jahr ein? Zieht der Wohnungsbau wieder an?
Vieles hängt an gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, aber eine Tendenz dafür ist vorhanden. Ich spüre deutlich, dass die Stimmung besser ist als im vergangenen Jahr. Investoren melden sich wieder stärker, Gespräche werden konkreter, und es geht zunehmend darum, Vorbescheide zu bekommen oder zumindest Optionen zu klären, um die Bauprojekte dann auch konkret umsetzen zu können. Das gibt Mut.
Wichtig ist, dass wir diesmal wirklich die Verzahnung ernst nehmen: Verkehrsraum, Straßenraum, Wohnflächen, Gewerbeflächen – alles hängt miteinander zusammen. Hamburg hat anspruchsvolle Standards, und Altona hat gezeigt, wie schwierig es werden kann, wenn man verschiedene Ebenen nicht gut koordiniert. Ich möchte, dass wir zügiger werden, indem wir Lösungen früher definieren, Abstimmungswege klarer machen und schneller entscheiden, indem wir intensive Gespräche zwischen Bauherren, Behörden und Politik führen und klare Verabredungen treffen, die dann auch Bestand haben.
Dazu gehört auch, sich rechtzeitig mit Fragen zur Stadtgestaltung auseinanderzusetzen: Wo war früher der Bäcker? Wo das Ärztehaus? Kann wieder ein Gesundheitszentrum entstehen? Das ist vor allem für ältere Menschen wichtig. Oder für Familien, ob neue Kitas oder Schulen geschaffen werden müssen. Das sind Themen, die ein Quartier lebendig machen. Ich glaube aber, dass wir nächstes Jahr ein ganzes Stück weiterkommen. Dann können die Stadtteile wieder in die Zukunft schauen.
Dazu gehört auch Transparenz. In Gesprächen hören wir aber auch von Bürgerinnen und Bürgern, die sich bei großen Projekten übergangen fühlen – etwa in Bahrenfeld. Was sagen Sie Menschen, die Angst vor Veränderung haben?
Zuerst einmal: Die Sorgen sind real. Und sie verdienen eine Stimme. Bürgerbeteiligung ist nicht nur ein Anhörungsprozess, sondern ein Dialog. Menschen müssen nicht alles gut finden, aber sie sollten verstehen, warum etwas passiert und wie man sie einbezieht.
Ich habe oft erlebt: Wenn man wirklich hinhört, wenn man erklärt, wenn man Entscheidungen nachvollziehbar macht – dann ist das Ergebnis am Ende für viele positiv. Dafür brauchen wir tragfähige Netzwerke vor Ort. Wir müssen mit den Menschen in den Stadtteilen sprechen, bevor wir fertige Konzepte präsentieren. Und wir müssen Rückmeldungen auch tatsächlich ernst nehmen.
Ein weiterer Punkt auf Ihrer Liste ist die Stärkung der Ortskerne – zum Beispiel in Groß Flottbek. Was planen Sie dort konkret?
Viele Ortskerne haben enormes Potenzial. Sie sind lebendig, aber teilweise nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Ich möchte diese Orte systematisch durchgehen – gemeinsam mit den Menschen vor Ort, mit Handel, Vereinen, sozialen Einrichtungen. Wir müssen verstehen: Was fehlt? Was könnte zurückkehren? Welche Angebote sorgen dafür, dass sich Neues ansiedelt?
Hier spielt natürlich auch Wirtschaftsförderung eine Rolle. Wir wollen im kommenden Jahr mit einem neuen Format starten – klein, aber regelmäßig. Ich hoffe, dass wir perspektivisch auch personell etwas mehr Ressourcen dafür bekommen.
Ein besonderer Gedanke betrifft auch Ausgründungen aus Universitäten oder Start-ups. Viele bekommen im Zentrum keinen Platz mehr. Warum also nicht stärker in unsere Stadtteile gehen? Familienzentren, soziale Angebote, kleine Gewerbeeinheiten – das alles kann sich gegenseitig stärken und Fachkräfte sowie Gründer anziehen. Für mich ist auch das Handwerk wichtig. Wer sich hier ansiedeln will, braucht die entsprechende Infrastruktur. Auch die müssen wir vorhalten. Dafür planen wir beispielsweise auf dem Gelände des ehemaligen BAHR-Fläche in Osdorf einen Handwerkerhof mit Azubiwohnen. Das ist alles noch in der Abstimmung. Unsere Wirtschaftsförderung sollte dann aktiv für diese neuen Angebote im Bezirk werben. Dazu gibt es auch noch mehr Ansätze, aber ich kann natürlich nach ein paar Wochen im Amt noch kein fertiges Konzept vorlegen…

Bezirkssenator Dr. Andreas Dressel überreicht Dr. Sebastian Kloth die Ernennungsurkunde als Bezirksamtsleiter im Amtszimmer des Altonaer Rathauses. Foto: KrohnStädtisches Handeln wird häufig als zu langsam und nicht effizient genug wahrgenommen. Was kann man dagegen tun?
Ich verstehe diese Wahrnehmung. Für Menschen, die nur einmal im Leben ein Wohnhaus beantragen, wirken die Verfahren unglaublich kompliziert. Aber vieles dauert deshalb so lange, weil Prozesse nicht digital sind. Es ist absurd, dass man manche Dinge mehrfach beantragen muss oder dass Behörden manches ausdrucken müssen, um sie weiterzugeben.
Wir müssen dafür sorgen, dass Anträge digital funktionieren – von der Gewerbeanmeldung bis zu Genehmigungen im Gesundheitsbereich. Transparenz bedeutet: Die Bürgerinnen und Bürger wissen, wer ihren Antrag bearbeitet, welcher Schritt als Nächstes folgt und wie lange es ungefähr dauert. Das schafft Vertrauen.
Gleichzeitig braucht es Beratungsstellen – online wie offline. Ich könnte mir gut vorstellen, dass man Services in Einkaufszentren anbietet, wo Menschen niedrigschwellig Fragen stellen können.
Sie haben gesagt, dass Grün ein „Gesicht des Bezirks“ ist. Ein Beispiel ist die große Tanne, die jetzt zur Weihnachtszeit für viele ein Symbol der Rückkehr und des Ankommens ist. Wird es künftig mehr Grün in der Stadt geben?
Unbedingt. Die große Tanne ist ein schönes Symbol – vor allem, weil es jetzt ein Baum ist, der dort eingepflanzt ist und wächst. Immerhin haben wir in den vergangenen 10 Jahren rund 300.000 Bäume im Klövensteen gepflanzt. Das ist ermutigend, finde ich. Altona hat eine Menge toller Parks, und wer durch die Straßen spaziert, mit den Fahrrad fährt oder wie ich hin und wieder joggt, fühlt sich mit den Bäumen und Sträuchern wohl. Das Grün ist Hamburgs Aushängeschild. Für mich sind grüne Wegeverbindungen wichtig und gehört zur Lebensqualität. Das sollten wir künftig bei der Quartiersentwicklung mitdenken. Und ich finde, dafür muss ausreichend Geld da sein.
Zum Thema Erholung gehört auch der Otto-Schokoll-Höhenweg am Elbufer unterhalb Rissens, den man überarbeiten wollte. Was ist da geplant?
Die Idee, den gesamten Weg grundlegend neu zu gestalten, ist ambitioniert – vielleicht zu ambitioniert. Ich glaube, wir müssen pragmatisch mit Teilabschnitten beginnen. Überall am Elbufer. Wir sollten schauen: Wo ist der größte Bedarf? Wo hat der Weg Schäden? Welche Strecken werden am häufigsten genutzt?
Es geht darum, bessere Zugänge zu schaffen, sichere Wege, Orte zum Verweilen. Und das muss in einem Tempo passieren, das für die Menschen spürbar ist. Zudem wollen wir die Menschen, die vor Ort leben, mitnehmen.
Was sagt eigentlich Ihre Familie dazu, dass Sie so viel unterwegs sind?
Ich versuche, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Im Augenblick liegt natürlich sehr viel an, weil ich mich in den neuen Job einarbeiten muss. Aber die Familie ist mir wichtig und ich kann gut am Wochenende abschalten. Manchmal gelingt es mir, beides miteinander zu verzahnen, zum Beispiel bei meinem Besuch im Wildgehege. Aber ich muss natürlich schauen, dass mein Privatleben nicht unter dem Job leidet. Das ist mir wichtig.
Und Weihnachten – klassisch oder modern?
Ich bin ein richtiger Weihnachtsmensch. Ich liebe es. Zu den Feiertagen werde ich zum Koch. Es wird Wildragout aus dem Klövensteen geben, ganz klassisch mit Rotkohl und Klößen. Jeder bringt etwas mit – Oma und Opa kommen. Und wir sitzen an einer langen Tafel zusammen. Für mich ist es erst Weihnachten, wenn die ganze Familie zusammenkommt, auch wenn nicht alle immer dabei sein können.


