Das Phänomen ist im Grunde so alt wie die Menschheit selbst: Wird es draußen stürmisch, rücken wir drinnen zusammen und verfallen schnell in vertraute Muster. Genau das hat die Corona-Pandemie mit unserer modernen Gesellschaft gemacht – ganz massiv beim Thema Care-Arbeit, also bei der Kinderbetreuung, der Pflege von Angehörigen und dem klassischen Haushalt. In Berlin versucht die Politik gerade, dieses gesellschaftliche Trauma aufzuarbeiten. Kürzlich tagte dort die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie, unter anderem mit Ex-Arbeitsminister Hubertus Heil und Vertretern des Deutschen Frauenrats. Das Fazit dieser Sitzung ist so nüchtern wie bitter: Die Zeche in der Krise zahlten größtenteils die Frauen.

Um das in der Praxis zu verstehen, lohnt ein aufmerksamer Blick in den Hamburger Westen. Man könnte leichtfertig annehmen, dass bei der enormen Dichte an einkommensstarken und hochgebildeten Familien das traditionelle Rollenmodell längst Geschichte ist. Doch die Realität sieht anders aus. Zwar ist die Erwerbsquote von Hamburgerinnen generell sehr hoch und ein ausschließliches Dasein als Hausfrau eher die Ausnahme. Immerhin erntet in den Elbvororten eine Frau, die neben ihrem Job das gesamte Familienmanagement wuppt, enorm hohes Ansehen. Als dann plötzlich Kitas sowie Schulen dichtmachten und das Chaos ausbrach, passierte exakt das Erwartbare: Die Mütter fingen den Wahnsinn auf.

Linda Heitmann, Grüne Bundestagsabgeordnete aus Sülldorf und Mitglied der Corona-Kommission, fasst dieses bundesweite Dilemma passend zusammen. „Die geladenen Experten der heutigen Sitzung haben bestärkt, dass die Pandemie insbesondere für Menschen mit Care-Verantwortung eine besondere Herausforderung dargestellt hat“, lautet ihr Resümee. Wir haben vielerorts eine regelrechte Retraditionalisierung der Rollenbilder erlebt. Frauen hockten plötzlich am Küchentisch im Home-Office, jonglierten mit Arbeitsanforderungen und wuselnden Schulkindern und schmissen praktisch nebenbei den Familienbetrieb. Das wiederum führte zu einer kräftezehrenden Doppelbelastung. Heitmann liefert auch gleich eine Erklärung für die Risse in der mentalen Gesundheit vieler Betroffener: „Durch Lockdowns fehlten der reale Austausch mit Kollegen oder anderen Eltern.“

Fraktionskollegin Denise Loop, die ebenfalls in der Kommission sitzt, schlägt rhetorisch in die gleiche Kerbe und nimmt die Gesellschaft in die Pflicht. Sie stellt unmissverständlich fest: „Die Pandemie hat gezeigt: Eine krisenfeste Gesellschaft braucht starke Gleichstellungs-, Familien- und Pflegepolitik. Care-Arbeit muss zwischen Frauen und Männern gerechter verteilt werden, damit Krisen Ungleichheiten nicht weiter verschärfen.“ Loop fordert handfeste Reformen beim Elterngeld und verlangt kompromisslos gleiches Geld für gleiche Arbeit – das viel zitierte „Equal Pay“. Eine wichtige Forderung, schließlich pflegen Millionen Menschen täglich ihre Angehörigen, und auch hier sind es überwiegend Frauen, die beruflich kürzertreten.

Das alles klingt in der politischen Theorie absolut richtig und logisch. Doch wenn man die hehren Ziele der Politikerinnen betrachtet, fällt etwas ins Auge: Es mangelt noch spürbar an zündenden, greifbaren Konzepten, wie dieses Mammutprojekt auf kurze Sicht pragmatisch in den Alltag der Leute transportiert werden kann. Heitmann betont zwar: „Wir werden uns intensiv damit auseinandersetzen, wie sich all diese negativen Effekte bei möglichen künftigen Pandemien mindestens abschwächen lassen, um entsprechende Vorschläge in den Abschlussbericht mit einfließen zu lassen“, nach einer konkreten Vorstellung klingt das gerade nicht.

Wohl auch deshalb, weil eine solche gesellschaftliche Entwicklung kein politischer Schalter ist, den man einfach umlegt. Gerade das Beispiel der wohlhabenden Elbvororte beweist, dass tief verwurzelte Strukturen oft eine Frage bewusster familiärer Lebensentwürfe sind. Traditionelle Rollenbilder lassen sich nicht durch politische Beschlüsse von heute auf morgen auflösen; so etwas braucht mehrere Generationen. Dass wir obendrein in unsicheren und beängstigenden Zeiten wie einer globalen Pandemie den Rückwärtsgang einlegen und uns in altbekannten Mustern verstecken, gibt uns schlichtweg ein Gefühl von Sicherheit. Das mag ernüchternd klingen – wirklich überraschend ist es aber nicht.