Dass die Zeugen Jehovas an diesem Wochenende ihren internationalen Kongress im Volksparkstadion abhalten, sorgt unter HSV-Fans für Ärger. Die Glaubensgemeinschaft erwartet nach eigenen Angaben insgesamt 75.000 Besucher von Freitag bis Sonntag, darunter rund 5.000 Delegierte aus 25 Ländern. Geplant ist ein dreitägiges Programm unter dem Motto "Ewiges Glück".
Die Kritik entzündet sich dabei nicht allein an der Größe der Veranstaltung, sondern vor allem am Profil des Veranstalters. In Zuschriften, die in Fan-Kreisen kursieren, wird dem HSV vorgeworfen, einer religiösen Gemeinschaft eine Bühne zu geben, deren Lehren mit dem Selbstverständnis des Vereins kollidierten. Ein Fan schreibt: "Ich finde es unmöglich, dass der HSV den Zeugen Jehovas ermöglicht, in unserem Volksparkstadion ihre reaktionären, intoleranten und ewig gestrigen 'Wahrheiten' zu verkünden."
Besonders empört sind Kritiker über die Haltung der Glaubensgemeinschaft zu Sexualität und Partnerschaft. In dem DorfStadt.de vorliegenden Schreiben an HSV-Vorstand Eric Huwer heißt es: "Die Zeugen Jehovas meinen, Gott habe die Sexualität nur für die Ehe zwischen Mann und Frau gemacht. Beziehungen ohne Trauschein sind für sie ebenso eine schwere Sünde wie Homosexualität." Gerade vor diesem Hintergrund verweisen Fans auf die Satzung und das Leitbild des Vereins, der sich seit Jahren mit Botschaften zu Vielfalt, Respekt und gegen Diskriminierung positioniert.
Auch der Umgang des Vereins mit der Veranstaltung stößt auf Unverständnis. "Wir Mitglieder wurden bis heute vom HSV nicht über diese Veranstaltung informiert und mussten davon aus der Presse erfahren", heißt es in der Zuschrift weiter. Daraus leiten Kritiker eine klare Forderung ab: "Wie viele HSVer fordere ich vom Verein daher eine umgehende Absage dieses Events."
Tatsächlich ist der Kongress organisatorisch längst vorbereitet. Nach Berichten wurden etwa 10.000 Freiwillige für die Veranstaltung mobilisiert. Zudem reinigten Helfer bereits das Stadion, nähten tausende Hussen für beschädigte Sitze und bereiteten die Arena auf das Großtreffen vor.
Die Zeugen Jehovas selbst stellen den Kongress anders dar: Sprecher Michael Tsifidaris erklärte, das Treffen solle auch an ein historisches Ereignis erinnern: 1946 kamen in der kriegszerstörten Stadt bereits 4.000 Gläubige in Hamburg zusammen. Zudem betont die Gemeinschaft ihre Verfolgung im Nationalsozialismus und kündigt Besuche vieler Teilnehmer in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme an.
Auf der einen Seite steht das legitime Interesse, ein Stadion auch außerhalb des Spielbetriebs wirtschaftlich zu nutzen. Auf der anderen Seite steht die Frage, ob jede rechtlich zulässige Veranstaltung auch zum Wertekanon eines Vereins passen muss, der sich öffentlich für Offenheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzt.
Für den HSV ist der Fall damit mehr als eine gewöhnliche Vermietung. Er ist ein Reiztest für Glaubwürdigkeit. Denn viele Fans akzeptieren längst nicht mehr, dass wirtschaftliche Erwägungen automatisch über der symbolischen Wirkung eines solchen Gastspiels stehen.
Der HSV hat sich auf die Kritik aus der Fanszene bislang öffentlich nicht ausführlich geäußert. In den bisher zugänglichen Berichten war weder eine Absage noch eine inhaltliche Distanzierung des Vereins zu erkennen.
















