DorfStadt: Moin, Frau Prien! Beginnen wir unpolitisch. Sie sind berühmt für #Prienkocht – mit diesem Hashtag präsentieren Sie auf SocialMedia zuhause selbst erstellte Speisen. Wie oft kommen Sie noch an den heimischen Blankeneser Herd?

Prien: Wenn ich zuhause bin, dann koche ich auch – das ist für mich wie Meditation, das ist Erholung. In Blankenese und im Sommerurlaub in Frankreich koche ich sehr gern. Ich liebe es, über den Markt zu gehen, frisches Gemüse auszusuchen, ein gutes Stück Fleisch… der Genuss beginnt für mich schon beim Bummeln. Oder zu Weihnachten – da freue ich mich schon seit Wochen aufs Kochen und gemeinsame Genießen mit der Familie.

DSZ: Sind Sie eher Typ Pasta oder eher Typ Pellkartoffeln?

Prien: Da kann ich mich nicht auf das eine oder das andere festlegen. Ich liebe Kartoffeln mit Rosmarin, dazu wilder Brokkoli und Hühnchen. Aber ich liebe auch Pasta, zum Beispiel mit Pfifferlingen.

DSZ: Mögen Sie für DorfStadt ein nachkochbares Rezept für die Elbvororte teilen?

Prien: Ich koche gar nicht so streng nach Rezept, suche die Inspiration in Magazinen oder auf dem Markt. Aber es gibt schon auch ein paar Klassiker: Zum Hochzeitstag habe ich etwa Steaks mit Pfeffersauce gemacht, dazu Frites und vorneweg einen Salat mit Walnüssen.

Foto: Bundesregierung Jesco DenzelFoto: Bundesregierung Jesco Denzel

Bildung ganzheitlicher angehen

DSZ: Zur Politik. Längst liegt die Einarbeitungszeit als Bundesbildungsministerin in Berlin hinter Ihnen. Was fällt Ihnen schwerer als gedacht?

Prien: Wir haben in das bisherige Familienministerium die Bildung dazu geholt – erstmals auf Bundesebene. Das Zusammenführen hat länger gedauert als gedacht. Der Teufel steckt im Detail, gerade in der Verwaltung. Zudem: Laut Grundgesetz führt jeder Minister, jede Ministerin sein Ressort eigenverantwortlich. Da haben sich unterschiedliche Arbeitsweisen und -kulturen etabliert. Aber jetzt ist das vollzogen und alles sehr stimmig, da wir Bildung ganzheitlicher angehen und schon in der frühen Kindheit ansetzen können…

DSZ: … und wo gibt es einen Erfolg, der Sie selbst überrascht?

Prien: Es gibt in vielen Bereichen dringende Handlungsbedarfe – auch im Bildungsbereich. Da hier vor allem die Länder zuständig sind, freue ich mich über die Bereitschaft, dass Bund und Länder enger zusammenarbeiten.

Handyverbot an Schulen ein Baustein zum Schutz

DSZ: Insgesamt war der Regierungsstart eher holprig. Was muss Schwarz-Rot tun, damit Enttäuschung über die Koalition nicht in Enttäuschung über das politische System umschlägt?

Prien: Es geht mehr denn je darum, dass es einen Ausgleich zwischen verschiedenen Gruppen gibt – dafür muss die Bundesregierung sorgen. Nehmen Sie das Thema Generationen. Seniorinnen und Senioren in unserem Land haben enormes Potenzial. Wir bleiben unter unseren Möglichkeiten und unter ihren Möglichkeiten, wenn wir Ältere nur als Kostenfaktor für Gesundheit und Pflege sehen. Seien wir froh, dass wir sie haben! Holen wir sie in unsere Mitte! Gleichzeitig müssen die Bedürfnisse der Jungen ernstgenommen werden.

DSZ: Nehmen wir mal drei konkrete Projekte, was halten Sie davon? Mit der Bitte um Antworten in jeweils einem Satz. Erstens: Handyverbot an Schulen für unter 16-Jährige …

Prien: …könnte ein Baustein sein für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt. Aber Teilhabe, die so ein Smartphone möglich macht – das muss für Jugendliche eben auch möglich sein. Beides gilt es gut abzuwägen.

DSZ: Zweitens: Länderkompetenz bei Bildung kippen - deutschlandweit einheitliches Schulsystem schaffen?

Prien: Bildung ist ein wesentlicher Bestandteil des Föderalismus. Der hat eine tiefere historische Bewandtnis – eine rasante Gleichschaltung wie nach der Machtergreifung soll nicht noch einmal möglich sein. Deshalb wird am Bildungsföderalismus grundsätzlich nicht gerüttelt, aber er muss zeitgemäß weiterentwickelt werden. Und dennoch müssen wir uns auf einheitliche, übergeordnete Bildungsziele verständigen.

DSZ: Drittens: Migrantenkinder ohne Deutschkenntnisse vor der Integration zunächst in Förderklassen einschulen?

Prien: Wichtig ist, früh und wirksam zu fördern, schon in der Kita: Sprachstandsdiagnostik bei Vierjährigen und dann gezielte Förderung alltagsintegriert für alle, mit zusätzlicher Förderung bei besonderem Bedarf. Wer in die Schule kommt und nicht gut genug Deutsch kann, spürt die Folgen sonst in der gesamten Bildungsbiografie. Das betrifft nicht nur Kinder mit Migrationsgeschichte.

Karin Prien in Österreich. Foto: Bundesregierung Jesco DenzelKarin Prien in Österreich. Foto: Bundesregierung Jesco Denzel

Der autoritären Versuchung widerstehen

DSZ: Zurück zu Privaterem, wenn Sie gestatten. Sie sind die erste jüdische Bundesministerin (Gerhard Jahn als SPD-Justizminister war der erste jüdische Minister). Was bedeutet es Ihnen, offen eine Kette mit Davidstern zu tragen?

Prien: Das ist eine lange Geschichte, wie das eben so ist in einer Familie mit Migrations- und Fluchterfahrung. Kurzgefasst: Mir ist es wichtig, den Davidstern offen zu tragen. Meine Mutter hat ihn nur unter der Bluse getragen. Sie hat mich von frühesten Kindesbeinen an immer davor gewarnt, mit dem jüdischen Erbe meiner Familie offen umzugehen. Als wir in den Sechzigern aus Amsterdam nach Deutschland kamen, war ich vier Jahre jung – und für meine Mutter war das immer noch das Land der Täter, sie blieb misstrauisch.

DSZ: Mehrere Ihrer Urgroßeltern sind als Juden von Nationalsozialisten ermordet worden. Ist Ihr Politikengagement in Deutschland eine Art Antwort darauf?

Prien: Ich war schon als Jugendliche an Politik interessiert: Ich habe mich bei der Jungen Union engagiert, bin CDU-Mitglied geworden, habe mich in meiner Schul- und Studienzeit als Schülersprecherin und in den Studentenjahren politisch engagiert und später für den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gearbeitet. Das alles und auch die Geschichte meiner Familie haben zu meinem politischen Engagement geführt. Es war mir früh klar, dass eine freiheitliche Demokratie auf Dauer ohne überzeugte Demokraten nicht überleben kann. Leider sehen wir das heute nur allzu klar.

DSZ: Vor zwei Jahren haben Sie an Ihre Mutter getwittert: „Du hattest Angst, Dich in Deutschland als Jüdin zu bekennen. Ich hielt das für übertrieben… Du hattest recht.“ Ist jüdisches Leben in Deutschland heute wieder bedroht?

Prien: Dass meine Mutter Deutschland, dem Land der Täter gegenüber skeptisch geblieben ist, hielt ich immer für übertrieben. Ich habe mich in meinen Zwanzigern entschieden, selbst Deutsche zu werden, die Staatsbürgerschaft anzunehmen. Heute ist klar und belegt: Sie hat recht behalten. Der Antisemitismus war wohl nie weg, heute tritt er wieder offener zutage – aus allen Richtungen: von links, von rechts, von religiöser Seite und sogar aus der Mitte der Gesellschaft hört man wieder alte Klischees. Das besorgt mich sehr.

DSZ: Danke für Ihre Offenheit! Zum Schluss letztes Wort und freies Spiel für Sie – was wünschen Sie sich als Europäerin ganz besonders?

Prien: Dass wir Europäerinnen und Europäer unseren Wohlstand und unsere Freiheit gemeinsam verteidigen und der autoritären Versuchung widerstehen.