Die Fronten sind verhärtet. Im Zentrum des Konflikts steht die Sülldorf-Rissener Feldmark, ein über Jahrzehnte gewachsener und geschützter Naherholungs-, Landwirtschafts- und Naturraum. Geht es nach den Vorstellungen des Hamburger Senats, könnte dieser grüne Gürtel bald als neues Windenergiegebiet ausgewiesen werden. Das Ziel der Stadtplaner ist klar: Hamburg muss seine ehrgeizigen Flächenziele beim Ausbau der erneuerbaren Energien dringend erreichen.

Doch gestern hat die Bezirksversammlung Altona hierfür ein unübersehbares Stoppschild aufgestellt: In seltener Einigkeit zogen die Fraktionen von SPD, Grünen, CDU, FDP, Volt und Linken an einem Strang und lehnten die Windkraftpläne für die Feldmark mit breiter Mehrheit ab. In einer gemeinsamen Stellungnahme bekannten sich die Fraktionen zwar grundsätzlich und ausdrücklich zur Energiewende, machten jedoch deutlich, dass dieser Standort dafür gänzlich ungeeignet sei.

Klimaschutz brauche nicht nur Tempo, sondern auch Verlässlichkeit, argumentierte Dr. Anna Vogel, Co-Fraktionsvorsitzende der SPD in Altona. Solidarität bedeute zwar, dass alle Bezirke ihren Beitrag leisten müssten, dies heiße aber nicht, dass jede Fläche gleichermaßen geeignet sei. „Die Sülldorf-Rissener Feldmark ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen für Natur, Landwirtschaft und Naherholung“, betonte Vogel. Man müsse Standorte wählen, an denen sich „Energiegewinnung, Akzeptanz und eine nachhaltige Stadtentwicklung“ dauerhaft vereinen lassen.

Insbesondere die massiven baulichen Eingriffe in die Natur bereiten den Politikern vor Ort große Sorgen. Dana Vornhagen und Benjamin Eschenburg, die Vorsitzenden der Grünen-Fraktion, weisen darauf hin, dass weite Teile der Feldmark für den Bau technisch und logistisch erschlossen werden müssten. „Der Landschafts- und Naturraum würde irreversibel verändert“, warnen sie eindringlich. Das Vorhaben würde jahrelange Bemühungen um den Aufbau und Schutz eines Biotopverbunds, für dessen Weiterentwicklung sich die Grünen einsetzen, mit einem Schlag zunichtemachen.

Noch drastischere Worte wählt der Fraktionsvorsitzende der CDU, Sven Hielscher: Er verwies auf die drohenden „brutalen Straßenbau- und Erschließungsmaßnahmen durch den Klövensteen oder das Niederungsgebiet der Wedeler Au“. Diese rechtfertigten in keiner Weise den Bau von „vier bis fünf mindestens 220 Meter hohen Windkraftanlagen“. Hielscher warnte zudem, dass durch die Eingriffe nicht nur das wertvolle Naherholungsgebiet der Bürger zerstört, sondern auch die Existenz lokaler Reiterhöfe akut gefährdet würde.

Der Protest beschränkt sich aber schon lange nicht mehr nur auf die Parlamente. Initiativen wie die Bürgerinitiative „NaturErleben Klövensteen“ rüsten sich für den Widerstand und vernetzen sich auf breiter Front mit lokalen Vereinen und Naturschutzverbänden. Besondere Zugkraft erhält das Bündnis derzeit durch die Petition „Klimaschutz ja, aber nicht so: Keine Windräder in Hamburger Landschaftsschutzgebieten!“. Darin machen die Bürger dem rot-grünen Senat sehr deutlich, dass Erholungsflächen und geschützte Landschaften nicht zur Verhandlungsmasse für die städtischen Energieziele werden dürfen.

Doch bei aller Entschlossenheit aus Bezirkspolitik und Bürgerschaft zeichnet sich bereits ab, dass der Kampf noch lange nicht gewonnen ist. Der Ablehnungsbeschluss der Bezirksversammlung entfaltet auf Landesebene lediglich einen beratenden Charakter und ist rechtlich gesehen kaum mehr als ein lauter Appell der Bürgervertretung. Das finale Wort hat allein der Hamburger Senat. Er wird auf der Basis des Windenergieflächenbedarfsgesetzes (WindBG) am Ende autonom darüber entscheiden, welche Gebiete in den Flächennutzungsplan der Hansestadt aufgenommen werden. Klar ist jedoch: Wenn die konkreten Planungen in Sülldorf und Rissen unbeirrt weitergetrieben werden, wird der politische und gesellschaftliche Gegenwind erst richtig zur Entfaltung kommen.