Stillstand als Strategie?

Der Verein „Prellbock Altona e. V.“ zeichnet in seiner jüngsten Bestandsaufnahme ein düsteres Bild. Von einer „vorsätzlichen Verwahrlosung“ ist die Rede. Wer den Blick über die Bahnsteige schweifen lässt, entdeckt Tatsachen, die diesen Vorwurf untermauern: Taktile Leitstreifen für Sehbehinderte blättern ab, in den Gleisbetten wuchert wildes Gebüsch und an den Decken zeugen großflächige Nässeschäden von mangelnder Instandhaltung.

Besonders drastisch zeigt sich der Zustand im Untergeschoss und im Umfeld. Eimer fangen bei Regen das Wasser auf, das durch die undichte Bausubstanz dringt. Leerstehende Ladenflächen und defekte Schließfächer prägen das Bild eines Bahnhofs, der – so die Kritiker – bereits „dem Abschuss freigegeben“ wurde.

Dem gegenüber steht die ambitionierte Planung der Freien und Hansestadt Hamburg und der Deutschen Bahn. Mit der geplanten Verlegung des Fernbahnhofs an den Standort Diebsteich – die nach aktuellen Verzögerungen für Ende 2029 angestrebt wird – soll ein neues Kapitel der Stadtentwicklung aufgeschlagen werden.

Sobald der alte Kopfbahnhof seine Funktion verliert, freiwerdende Gleisflächen Platz machen und die Abrissbirnen weichen, entsteht Raum für das neue Altonaer Zentrum. Ab 2030 soll hier ein modernes Wohn- und Geschäftsquartier Form annehmen. Die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen plant rund 1.900 neue Wohnungen und großzügige Grünflächen auf dem Areal. Ziel ist es, das Viertel zu verdichten und die Barrierewirkung der alten Gleisanlagen endgültig aufzuheben.

 

Ein riskanter Umbruch

Der Optimismus der Planer wird nicht von allen geteilt: Während die Politik auf Effizienzsteigerung durch den neuen Durchgangsbahnhof am Diebsteich setzt, warnen Experten und Initiativen vor einem Kapazitätsverlust. Der neue Bahnhof sei zu klein dimensioniert und könne den wachsenden Bedarf des Deutschland-Takts kaum decken.

Für die Bewohner des Stadtteils bleibt die Situation ambivalent: Auf der einen Seite lockt die Aussicht auf dringend benötigten Wohnraum und eine moderne Stadtkante; auf der anderen Seite droht der Verlust eines historisch gewachsenen, multimodalen Knotens, der derzeit trotz seines maroden Zustands eine zentrale Lebensader des Bezirks darstellt. Auch für Menschen in den Elbvororten werden sich die Wege zum nächsten Fernbahnhof verändern.

Ob die Rechnung der Stadtplaner aufgeht oder ob Hamburg hier eine funktionierende Infrastruktur opfert, wird sich erst zeigen, wenn die ersten Bagger für das neue Zentrum rollen. Bis dahin bleibt der Bahnhof Altona ein Mahnmal für den Schwebezustand zwischen Zerfall und Aufbruch.


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