EXKLuSIV Bezirk Altona/Elbvororote (11. Dezember 2025, Konrad Matzen) · Altona wird älter – und das ist gut so. Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter, möchten aber nach Möglichkeit weiterhin eigenständig und mitten im Stadtteil leben. Damit dies gelingt, braucht es neue Ideen für ein gutes und selbstbestimmtes Leben im Alter. In der Bezirksversammlung gab es eine breite Mehrheit dafür.
Im Münchner Norden riecht es nach frisch gebrühtem Kaffee, als Maria K., 78, die Terrassentür öffnet. Zwei Schritte – mehr braucht sie nicht, um aus ihrem barrierefreien Wohnzimmer in den gemeinschaftlichen Garten zu gelangen. „Hier ist immer jemand“, sagt sie. „Aber niemand schreibt mir vor, wie ich zu leben habe.“ Genau das ist der Kern des „Münchener Modells“ für Seniorenwohnen: selbstbestimmt bleiben, eingebettet in ein soziales Gefüge, das Sicherheit und Nähe bietet, ohne bevormundend zu wirken.
Das Konzept, das die Stadt München bereits vor Jahren entwickelt hat, kombiniert sozialen Wohnungsbau, bezahlbare Mieten und ein ambulantes Betreuungsnetz, das nur dann eingreift, wenn es tatsächlich gebraucht wird. Die Bewohnerinnen und Bewohner leben in eigenen Wohnungen – nicht im Heim, sondern mitten im Quartier. Ergänzend gibt es Gemeinschaftsräume, Serviceangebote und einen festen Ansprechpartner für soziale Fragen. Betreuung, so lautet die Prämisse, ist hier kein ständiger Schatten, sondern eine verlässliche Option.
Wer durch die Flure geht, merkt schnell: Die Anlage funktioniert wie ein kleines Dorf. Vor dem Aufzug bespricht eine Gruppe von Seniorinnen das nächste gemeinsame Mittagessen; im Sportraum probt eine andere für die wöchentliche Gymnastik. Die Präsenz zeigt Wirkung. Einsamkeit, eines der drängendsten Probleme im Alter, hat hier weniger Raum.
Dass das Modell bundesweit Beachtung findet, überrascht kaum. Der demografische Wandel zwingt Kommunen dazu, Alternativen zwischen stationärer Pflege und völliger Eigenständigkeit zu entwickeln. München hat eine Antwort gefunden, die zeigt, wie sich städtische Struktur, soziale Verantwortung und architektonische Planung verbinden lassen.
Auch die Altonaer CDU will im Bezirk ein Seniorenzentrum nach Münchener Modell ansiedeln und brachte einen entsprechenden Antrag in die Bezirksversammlung ein. Heute Abend wird das Thema noch einmal im Hauptausschuss behandelt, um die Forderungen zu konkretisieren. Demnach soll das Bezirksamt Altona geeignete Standorte für dieses Projekt identifizieren und prüfen sowie potentielle Partner suchen sowie eine grobe Kalkulation für die Umsetzung erstellen. Auch die Sozialbehörde soll eingebunden werden.
»Entscheidender Baustein für mehr Altersfreundlichkeit«
Klaus Wicher vom Landesverband des Sozialverband Deutschland ist begeistert von der Idee: mehr Infrastruktur, mehr Anbindung an die Nachbarschaft und das Quartier – für Klaus Wicher, Hamburger Vorsitzender Sozialverband SoVD, wird Hamburg auf dem Weg zur Age Friendly City nicht ohne neue Seniorenzentren auskommen können: „Sie wären die Anlaufstellen im Quartier, wenn es um den Kontakt zu Behörden, Beratung und Angebote gegen die Einsamkeit geht. Dafür kämpfen wir!“
Wohnen und Leben für Senioren enger miteinander zu verzahnen, sei entscheidend für mehr Altersfreundlichkeit in der Stadt: „Ein guter Ansatz für diejenigen, die in ihrem gewohnten Umfeld alt werden wollen und dann mehr Unterstützung brauchen. Damit solche Seniorenzentren professionell und verlässlich geführt werden können, muss es darum festangestellte Mitarbeiter:innen geben.“
Wicher ist davon überzeugt, dass ganzheitliche Seniorenzentren die Zukunft sind: „Hamburg könnte sich damit als seniorenfreundliche Weltstadt definieren. Dazu bräuchte es den Mut, das Thema nachhaltig anzugehen und jetzt mit dem Aufbau solcher neuen Angebote zu beginnen.“ Hierzu habe der SoVD Hamburg bereits vor Jahren ein tragfähiges Konzept nach dem Vorbild der Alten- und Servicezentren (ASZ) in München entwickelt: „Dort sind sie inzwischen sehr wichtige Anlaufstellen in den Quartieren. Hamburg kann sich da viel abschauen!“
Angesichts der Altersentwicklung in Hamburg, gebe es beim Thema Seniorenarbeit inzwischen dringenden Handlungsbedarf: „Anfang der 30er-Jahre wird jede:r Dritte 65 Jahre und älter sein. Diese neue „Alten werden andere Ansprüche haben. Sie brauchen ein gutes Netzwerk aus Beratung, Unterstützung und Angeboten – und das ganze Quartier könnte davon profitieren.“
Der Hamburger SoVD fordert seit vielen Jahren vom Senat, Seniorenarbeit neu zu denken und für die Älteren Zentren zu entwickeln, die die Netzwerke in den Quartieren unter einem Dachverein.
Zurück bei Maria K. Im Garten beginnt gerade der Pflanzentausch. „Es ist wie früher“, sagt sie, „nur dass ich heute die Gewissheit habe, dass jemand da ist, wenn ich ihn brauche.“ Ein Satz, der das „Münchener Modell“ wohl am treffendsten beschreibt.


