Die Freien Demokraten stehen unter Druck. Bundesweit schwächelt die Partei, verliert an Zustimmung und ringt um Führung und Richtung. Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz waren verheerend. Doch während vor allem im Bund die großen Linien diskutiert werden, zeigt sich in der Hansestadt ein anderes Bild: Hier setzen Liberale bewusst auf die politische Basisarbeit in den meisten Bezirksversammlungen – und auf die Rückbesinnung auf ihre Grundwerte.
Im Gespräch mit der DorfStadt-Zeitung schildern Ria Schröder, nach einer kurzen politischen Pause als sogenannte Zubenannte Bürgerin der FDP im Bezirk Altona, und Fraktionschefin Katarina Blume eine Partei, die sich neu sortiert – nicht von oben, sondern von unten.
Rückkehr zur Basis
Ria Schröder, die auch auf Landes- und Bundesebene aktiv ist, sieht ihre Rolle im Bezirk als bewusste Entscheidung: „Die Bezirke sind unser Fundament.“ Gerade dort, wo die FDP noch vertreten ist, wolle man zeigen, dass liberale Politik mehrheitsfähig sei – pragmatisch, kompromissbereit, aber mit klarer Haltung.
Diese Strategie ist nicht zufällig. Nach den jüngsten Rückschlägen auf Bundes- und Landesebene setzt die Partei verstärkt auf lokale Verankerung. In Altona bedeutet das: konkrete Initiativen, sichtbare Ansprechpartner und politische Arbeit nah an den Bürgern.
Doch was heißt liberal konkret – jenseits von Schlagworten?
Für Blume beginnt Liberalismus beim Menschenbild: beim eigenverantwortlichen Bürger, der nicht bevormundet, sondern befähigt werden soll. Der Staat – und damit auch die Bezirksverwaltung – habe in diesem Verständnis eine klare Rolle: Dienstleister zu sein.
Gerade hier sehen die Liberalen in Altona Defizite. Immer wieder kritisieren sie mangelnde Transparenz und unzureichende Bürgerbeteiligung bei politischen Entscheidungen. Verwaltungshandeln müsse nachvollziehbar sein, Entscheidungen erklärbar – andernfalls gehe Vertrauen verloren.
Ein Beispiel sind umstrittene Verkehrs- und Stadtplanungsprojekte, bei denen Anwohner sich übergangen fühlen. Für die FDP ist das ein Kernproblem moderner Politik: Wenn Entscheidungen „über Köpfe hinweg“ getroffen werden, leidet die demokratische Legitimation.
Konkrete Themen bieten reichlich Konfliktstoff: Etwa das Damwildgehege im Hirschpark in Nienstedten – ein emotional aufgeladenes Thema, bei dem politische, ökologische und bürgernahe Interessen aufeinanderprallen.
Hier versucht die FDP, sich als Stimme der Abwägung zu positionieren: nicht reflexhaft dagegen oder dafür, sondern orientiert am Gesamtinteresse. Doch genau das ist schwierig in einer politischen Landschaft, in der Entscheidungen oft bereits vorgeprägt erscheinen.
Auch beim Wohnungsbau zeigt sich der liberale Ansatz deutlich. Die Partei setzt auf private Investoren und warnt vor übermäßiger Regulierung. „Der Bezirk ist bei großen Planungsaufgaben überfordert“, so die klare Position. Bei großen Entwicklungen wie beim Holstenquartier, der Neuen Mitte Altona oder beim neuen Bahnhof am Diebsteich müsse der Senat unterstützen oder den Bezirk mit ausreichend Personal ausstatten.
Ria Schröder setzt sich als frischgebackene Mutter im Sozialausschuss der Bezirksversammlung Altona ein. „Man sieht sich plötzlich mit ganz anderen Themen konfrontiert“, stellt Schröder fest und bringt das Thema Elterngeld auf die Agenda, das sie persönlich ebenso beschäftigt wie zahlreiche weitere Familien im Bezirk Altona, die über 100 Tage aufs Elterngeld warten müssen. Fast doppelt so lange wie in anderen Bezirken.
Die Arbeit in der Bezirksversammlung beschreibt Schröder als kollegial, aber komplex. Politische Dynamiken erschließen sich nicht sofort, Mehrheiten entstehen oft erst nach langen Abstimmungen.
Dabei wird auch deutlich: Initiativen der Oppositionskraft FDP stoßen nicht immer auf Zustimmung, Fortschritte sind oft mühsam. Frust gehört dazu – insbesondere dann, wenn Entscheidungen aus Sicht der Liberalen unzureichend vorbereitet oder politisch motiviert erscheinen.
Zwischen Zentralisierung und lokaler Demokratie
Ein strukturelles Problem sehen Schröder und Blume in der zunehmenden Zentralisierung politischer Entscheidungen. Immer mehr Kompetenzen wandern von den Bezirken auf die Landesebene.
Das hat Folgen: Bürgerbeteiligung droht zur Formalie zu werden, lokale Politik verliert an Einfluss. Gleichzeitig stoßen Bezirke personell und organisatorisch an ihre Grenzen – etwa bei der Bearbeitung von Bauanträgen.
Hier zeigt sich ein Spannungsfeld, das weit über Altona hinausreicht: Effizienz versus demokratische Nähe.
Die vielleicht größte Herausforderung bleibt jedoch die Glaubwürdigkeit. Der Vertrauensverlust der FDP auf Bundesebene wirkt bis in die Bezirke hinein.
Blume beschreibt das offen: „Darunter leiden wir auch vor Ort.“ Umso wichtiger sei es, Verlässlichkeit zu zeigen – durch konkrete Arbeit, durch Erreichbarkeit, durch Ergebnisse.
Dabei geht es auch um die Abgrenzung gegenüber populistischen Kräften. Gerade bei Themen wie bezahlbarem Wohnraum oder Mobilität sieht die FDP die Gefahr vereinfachender Antworten. Dem wolle man mit sachlicher Politik und realistischen Lösungen begegnen.
Wohin steuert die FDP? Eine klare Antwort darauf gibt es auch in Altona nicht. Doch die Richtung ist erkennbar: zurück zu den Wurzeln, hin zur Basis, hin zu einer Politik, die sich über konkrete Probleme definiert – nicht über große Inszenierungen.
Ob das reicht, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, bleibt offen. Sicher ist nur: In Altona versuchen die Liberalen, genau dort anzusetzen, wo Politik am direktesten wirkt – vor der eigenen Haustür.


















