Insgesamt ehrt der BERTINI-Preis in diesem Jahr 126 junge Menschen aus sechs Projekten. Die ausgezeichneten Initiativen stammen aus Stadtteilschulen, Gymnasien, einer beruflichen Schule sowie aus freien Theater- und Hochschulzusammenhängen. Sie alle verbindet das Ziel, sich aktiv mit historischem und aktuellem Unrecht auseinanderzusetzen und ein Zeichen gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Extremismus zu setzen.

Ein Theaterprojekt mit offenem Ausgang

Im Mittelpunkt des Beitrags der Stadtteilschule Blankenese steht die selbst entwickelte Gameshow „Wer die Wahl hat“. Ausgangspunkt ist die Frage, wie demokratische Systeme unterhaltsam verpackt unterlaufen werden können – und wie schwer es oft ist, antidemokratische Positionen rechtzeitig zu erkennen. Inspiriert vom Gesellschaftsspiel „Secret Hitler“ verlegten die Schülerinnen und Schüler das Spielprinzip auf die Bühne und übersetzten es in ein publikumswirksames Theaterformat.

In der Inszenierung wird ein neues Parlament gebildet, Ministerposten werden nicht geheim gewählt, sondern in einer öffentlich inszenierten Show vergeben. Zwei Fraktionen treten gegeneinander an, ihre Kandidaten messen sich in absurden, humorvollen oder politischen „Battles“. Das Publikum entscheidet per Abstimmung, wer gewinnt – ohne zu wissen, welche Gruppe demokratisch und welche faschistisch ausgerichtet ist. Am Ende stellt die stärkere Partei die Regierung. Das Stück kennt zwei mögliche Enden: ein demokratisches und ein faschistisches.

Gerade diese Offenheit macht den Kern des Projekts aus. Die Darsteller verzichten bewusst darauf, das Publikum zu lenken oder moralisch anzuleiten. Stattdessen überlassen sie die Verantwortung vollständig den Zuschauern – mit teils verstörenden Ergebnissen. Bei den Schulvorstellungen gewann zweimal das faschistische Ende, bei der Abendpremiere das demokratische. Für viele Besucherinnen und Besucher wurde so unmittelbar erfahrbar, wie schnell demokratische Prinzipien durch Fehlentscheidungen ausgehöhlt werden können.

Politische Bildung auf Augenhöhe

Entwickelt wurde das Stück von 24 Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen 17 und 19 Jahren unter der Leitung der Theaterlehrerin Kerstin Hähnel und der Musikerin und Regisseurin Catharina Boutari, begleitet durch das TuSch-Programm (Theater und Schule) des Thalia Theaters. Inhaltlich knüpft das Projekt an die Auseinandersetzung mit der Literatur der späten Weimarer Republik an und zieht bewusst Parallelen zur Gegenwart.

Zentrale Themen sind Populismus, Alltagsrassismus, Social Media als Verbreitungsraum extremistischer Inhalte sowie die Frage, wer in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft ausgegrenzt wird. Viele der beteiligten Schüler bringen eigene Erfahrungen ein – etwa durch familiäre Migrationsgeschichten, queere Identitäten oder den Umgang mit Behinderung. Das Theater wird so zum Raum persönlicher Haltung und politischer Selbstverortung.

Die Jury des BERTINI-Preises würdigte insbesondere den Mut des Projekts, sich nicht hinter historischen Stoffen oder abstrakten Rollen zu verstecken. Stattdessen zeige „Wer die Wahl hat“, wie politische Bildung zeitgemäß gelingen könne: spielerisch, partizipativ und mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung.

Preis mit historischer Verantwortung

Der BERTINI-Preis erinnert an den Roman „Die Bertinis“ des Hamburger Schriftstellers Ralph Giordano und knüpft an dessen Auseinandersetzung mit Verfolgung, Mitläufertum und Zivilcourage während der NS-Zeit an. Ausgezeichnet werden Projekte junger Menschen, die sich gegen Ausgrenzung wenden, Erinnerungskultur lebendig halten und demokratische Werte aktiv verteidigen.

Dass die Verleihung am 27. Januar stattfindet, ist bewusst gewählt. Das Projekt der Stadtteilschule Blankenese fügt sich in diesen Kontext ein, indem es nicht nur erinnert, sondern aktuelle Gefährdungen der Demokratie thematisiert. Die Auszeichnung macht deutlich, dass politische Bildung nicht allein im Unterricht stattfindet, sondern auch durch kulturelle und künstlerische Formen wirksam werden kann.

Mit der Auszeichnung erhält die Stadtteilschule Blankenese bundesweite Aufmerksamkeit für ihr Theaterprofil. Alle Vorstellungen des Stücks waren ausverkauft, mehr als 500 Zuschauer sahen die Produktion. Die Reaktionen reichten von Begeisterung über Irritation bis hin zu intensiven Diskussionen im Anschluss.

Der BERTINI-Preis würdigt damit nicht nur eine einzelne Inszenierung, sondern ein pädagogisches Konzept, das junge Menschen ernst nimmt und ihnen zutraut, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. In einer Zeit, in der demokratische Grundwerte zunehmend unter Druck geraten, setzt das Projekt ein deutliches Zeichen: Demokratie ist kein Selbstläufer – und jede Entscheidung zählt.