Blankenese (20. August 2026), Markus Krohn) · Ein großer Name der Musik trifft auf einen Stadtteil, der sich in diesen Tagen selbst feiert - und gerade aus diesem scheinbaren Widerspruch entsteht ein Abend, der mehr über Blankenese erzählt, als es ein Festakt allein je könnte.
Eigentlich, das ist die hübsche Pointe dieses Jubiläumsabends, passt Johannes Brahms auf den ersten Blick gar nicht nach Blankenese. Der Komponist wurde 1833 in Hamburg geboren und wuchs dort auf. Blankenese dagegen war damals noch kein Hamburger Stadtteil, sondern entwickelte sich erst viel später über Altona zur Zugehörigkeit zur Hansestadt.
Und doch funktionierte dieser Kunstgriff beim Empfang zur 725-Jahr-Feier im Markthaus Blankenese erstaunlich gut. Denn wo ein Ort sich seiner Geschichte vergewissert, darf auch einer auftreten, der wie kaum ein anderer für das musikalische Selbstverständnis Hamburgs steht. Die Pianistin und Brahms-Spezialistin Sophia Weidemann, eigens aus Stuttgart angereist, verlieh dem Abend genau jene kulturelle Note, die aus einem Jubiläum mehr macht als einen Pflichttermin im Kalender.
Rund 200 Gäste aus Politik und Blankeneser Gesellschaft kamen auf Einladung der Blankenese Interessengemeinschaft (BIG) und des Hamburger Klönschnack zusammen, um auf den Geburtstag eines Stadtteils anzustoßen, dessen Name weit über Hamburg hinaus Klang hat. Das Markthaus selbst erwies sich dabei fast als zu klein für den Anlass. Wer drinnen keinen Platz mehr fand, suchte unter eigens aufgestellten Zelten Schutz vor dem Regenguss. Dass das Wetter nicht mitspielte, schadete der Stimmung kaum. Dafür sorgte schon das herausragende Catering, persönlich serviert von Heinz Otto Wehmann, dem Chef des Landhaus Scherrer.
Begeistert lauschten die Gäste Brahms. Foto: Markus Krohn
Pünktlich nach dem letzten Glockenschlag der Blankeneser Kirche eröffnete BIG-Chef Oliver Diezmann den Abend. Klaus Schümann, Herausgeber des Klönschnack, erinnerte in seinen Worten an den besonderen Schlag Mensch, der Blankenese seit jeher geprägt hat: an Fischer und Dockenhudener Bauern, an Reibung und Nachbarschaft, an ein Gemeinwesen, in dem man sich streiten kann, ohne den Zusammenhalt zu verlieren. Das war nicht nur launig erzählt, sondern auch ein treffender Hinweis darauf, warum dieser Ort seit Generationen eine so starke Identität bewahrt.
Denn Blankenese lebt bis heute von seiner besonderen Geschichte. Vor 725 Jahren wurde der Ort erstmals urkundlich erwähnt. Seine Entwicklung führte vom Fischerdorf und Bauerndorf über den wohlhabenden Elbvorort bis in die moderne Großstadt hinein. Die Zäsur kam 1927 mit dem Groß-Altona-Gesetz; elf Jahre später wurde Blankenese zusammen mit Altona hamburgisch. Gerade aus dieser wechselvollen Geschichte speist sich bis heute jenes Selbstbewusstsein, das den Stadtteil so unverwechselbar macht.
So bekam auch der abschließende Beitrag von Dr. Jan Kurz, dem Vorsitzenden des Fördervereins Historisches Blankenese, sein Gewicht. Kurz erzählte, wie überliefert wird, sehr kurzweilig vom Glück, Blankeneser zu sein – und traf damit den Kern des Abends. Es ging nicht bloß um Rückschau, sondern um Selbstvergewisserung. Um die Frage, was einen Ort zusammenhält, dessen Bild von Treppenviertel, Elbhang und bürgerlichem Stolz längst zu einer Marke geworden ist.
Pianistin Sophia Weidemann aus Stuttgart am Flügel des Markthaus Blankenese. Foto: Markus Krohn
Dass ausgerechnet Brahms diesem Abend seinen Ton gab, war deshalb kein Widerspruch, sondern ein kluger Akzent. Nicht weil der Komponist historisch zu Blankenese gehörte, sondern weil seine Musik für jene hanseatische Kultur steht, in der Herkunft, Anspruch und Gefühl eine seltene Verbindung eingehen. Blankenese feierte an diesem Abend also nicht nur sein Alter. Der Stadtteil feierte auch den eigenen Anspruch, mehr zu sein als schöne Kulisse an der Elbe.
Bis in den späten Abend hinein blieb der Marktplatz belebt. Unter Zelten, zwischen Gesprächen, Gläsern und Grüßen stimmte sich die Jubiläumsgesellschaft auf die kommenden Festtage rund um den Ortskern ein. Ganz gleich, wie das Wetter wird: Dieses Jubiläum hat schon jetzt gezeigt, was Blankenese seit Jahrhunderten ausmacht - ein ausgeprägtes Bewusstsein für die eigene Geschichte und die seltene Gabe, daraus Gegenwart zu formen.
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