Warum Kinder präventiv geschützt werden müssen

Kinder und Jugendliche stehen heute unter einem größeren Einfluss digitaler Medien als jede Generation zuvor. TikTok, Instagram, YouTube und zunehmend auch Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz prägen den Alltag vieler Heranwachsender über mehrere Stunden täglich. Hinzu kommen Leistungsdruck, Bewegungsmangel, psychische Belastungen und die ständige Verfügbarkeit digitaler Inhalte. Fachleute warnen deshalb davor, Prävention allein auf die Vermeidung von Krankheiten oder Suchtverhalten zu beschränken. Vielmehr gehe es darum, Kinder von klein auf stark zu machen – körperlich, psychisch und sozial.

Mit diesem Anspruch ist Anfang des Jahres die Landesarbeitsgemeinschaft Prävention im Kindes- und Jugendalter (LPKJ) in Hamburg gegründet worden. 45 Gründungsmitglieder aus Medizin, Wissenschaft, Bildung, Krankenkassen, Kinderschutz, Polizei und weiteren Institutionen wollen ihre Kräfte bündeln und Prävention als gesellschaftliche Aufgabe etablieren. Vorsitzende Dr. Claudia Haupt, Kinderärztin in Blankenese, bezeichnet Prävention als "zentrale Zukunftsaufgabe" und fordert, Gesundheitsförderung deutlich früher anzusetzen.

Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf klassische Gesundheitsthemen wie Übergewicht, Zahn- oder Sehgesundheit. Einen Schwerpunkt bilden die Auswirkungen digitaler Medien. So unterstützt die LPKJ unter anderem Projekte wie "Bildschirmfrei bis 3" für Kindertagesstätten, den Elternpakt "Erst smart, dann Phone" für Grundschulen sowie smartphonefreie Klassengemeinschaften in weiterführenden Schulen. Ziel ist es, Kindern zunächst ausreichend Zeit für Bewegung, Spiel, persönliche Begegnungen und soziale Entwicklung zu geben, bevor Smartphones zum ständigen Begleiter werden.

Soziale Medien und KI verändern das Aufwachsen

Besonders die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz stellt Eltern und Schulen vor neue Herausforderungen. KI-gestützte Chatbots, personalisierte Inhalte und immer ausgefeiltere Algorithmen erhöhen die Attraktivität digitaler Angebote zusätzlich. Gleichzeitig fällt es Kindern zunehmend schwer, echte Informationen von Falschmeldungen oder manipulierten Inhalten zu unterscheiden.

Hinzu kommt, dass soziale Medien über ihre Algorithmen gezielt Aufmerksamkeit binden. Internationale Untersuchungen zeigen, dass selbst jugendliche Testkonten innerhalb weniger Minuten mit problematischen oder schädlichen Inhalten konfrontiert werden können. Experten sehen deshalb einen wachsenden Bedarf, Medienkompetenz bereits im Grundschulalter systematisch zu vermitteln und Eltern stärker einzubeziehen.

Schottland setzt auf das Vorbild Island

Als internationales Vorbild gilt heute das ursprünglich in Island entwickelte Präventionsmodell Planet Youth, das inzwischen auch in Schottland erfolgreich umgesetzt wird. Anders als klassische Aufklärungskampagnen setzt das Konzept nicht erst dann an, wenn Probleme bereits entstanden sind. Vielmehr verändert es das gesamte Umfeld der Kinder und Familien.

Regelmäßige Befragungen liefern Daten darüber, wie Jugendliche leben, welche Sorgen sie haben und welche Risiken bestehen. Auf dieser Grundlage entwickeln Schulen, Eltern, Vereine, Kommunen und Gesundheitsdienste gemeinsam konkrete Maßnahmen. Dazu gehören mehr Freizeitangebote, stärkere Elternnetzwerke, verbindliche Regeln für den Medienkonsum sowie attraktive Sport- und Kulturangebote. Das Ziel lautet, schädliche Einflüsse zu verringern und gleichzeitig Schutzfaktoren zu stärken. Das Modell wird inzwischen in mehr als 30 Ländern eingesetzt und durch die schottische Regierung finanziell unterstützt.

Auch in Hamburg soll dieser Ansatz künftig eine größere Rolle spielen. Die Planet-Youth-Methodik zählt bereits zu den ersten Projektideen der LPKJ. Dabei sollen Kinder und Jugendliche selbst befragt werden, um Präventionsangebote gezielt an ihren tatsächlichen Bedürfnissen auszurichten.

Die Othmarscher Kieferorthopädin Dr. Stephanie Wodianka koordiniert seit mehreren Monaten die Projektidee, vernetzt wichtige Multiplikatoren der Hansestadt, um bald möglichst flächendeckend mit dem Planet Youth-Ansatz Kinder besser schützen zu können.

Prävention beginnt im Alltag

Experten betonen, dass Kinder nicht allein durch Verbote geschützt werden können. Entscheidend seien stabile Beziehungen zu Eltern und Lehrern, gemeinsame Freizeitaktivitäten, Sport, kulturelle Angebote und ausreichend Zeit ohne Bildschirm. Gleichzeitig müsse der verantwortungsvolle Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz frühzeitig erlernt werden.

Die Gründung der LPKJ zeigt, dass Hamburg diesen Weg künftig stärker verfolgen möchte. Denn je früher Kinder Resilienz, Medienkompetenz und soziale Fähigkeiten entwickeln, desto besser können sie den Herausforderungen einer zunehmend digitalen Welt begegnen – und gesund ins Erwachsenenleben starten.