Blankenese (21. Mai 2026, Markus Krohn) · Ein lange verschlossenes Baudenkmal im Baurs Park soll wieder öffentlich werden: Aus dem früheren Katharinenhof entsteht ein neues Kunsthaus für zeitgenössische Kunst. Noch bevor 2028 die Türen öffnen, will das Projekt zeigen, wie viel kulturelle Zukunft in diesem historischen Ort steckt.

Mit dem Kunsthaus Baurs Park entsteht im Hamburger Westen ein neues Ausstellungshaus für internationale zeitgenössische Kunst. Der frühere Katharinenhof am Mühlenberger Weg 33-35 in Blankenese, seit rund 20 Jahren ungenutzt und stark sanierungsbedürftig, soll denkmalgerecht erneuert und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden. Die Sanierung des klassizistischen Gebäudeensembles beginnt in diesem Sommer, die Eröffnung ist für 2028 geplant.

Hinter dem Vorhaben steht eine gemeinnützige Gesellschaft und privat gestiftete Initiative des Unternehmers, Kunstsammlers und Philanthropen Jan Fischer. Fischer wurde in Blankenese geboren und ist hier aufgewachsen. Mit dem Kunsthaus verbindet er zwei Ziele: die Förderung zeitgenössischer Kunst und die Wiederbelebung eines bedeutenden Baudenkmals im Stadtteil. Aus einem lange verschlossenen Gebäude soll ein offener Kulturort werden – mit Ausstellungen, Kunstvermittlung, Veranstaltungen und Gastronomie.

Geplant sind rund 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Das Haus soll alle Formen zeitgenössischer bildender und performativer Kunst zeigen: Installationen, Performances, Konzerte, Gespräche, Filmscreenings und weitere Formate. Damit will sich das Kunsthaus nicht nur als Ausstellungsort, sondern auch als Produktions- und Begegnungsstätte verstehen. Das offen zugängliche Parkgelände soll dabei ausdrücklich Teil des Konzepts sein und das neue Haus zu einem Ausflugsziel im Hamburger Westen machen.

Wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Werke bereits ab Herbst 2026

Das künstlerische Konzept und Programm entwickeln Dr. Thomas Oberender und Teresa Minn, die bereits in Berlin erfolgreich zusammengearbeitet haben. Oberender übernimmt Konzept und Strategie, Minn wird ab Juni 2026 künstlerische Leiterin. Noch bevor das Gebäude fertiggestellt ist, soll das Kunsthaus sichtbar werden: Ab Herbst sind an wechselnden Orten in Blankenese und im Hamburger Stadtgebiet erste Kunst- und Nachbarschaftsveranstaltungen geplant. Sie sollen einen Vorgeschmack darauf geben, wie das spätere Programm aussehen kann – und zugleich den Dialog mit dem Stadtteil eröffnen.

Der französische Künstler Cyprien Gaillard realisierte im Rahmen der Ausstellung Beton Belvedere das Kunstprojekt Dunepark. Dabei wurde ein im Zweiten Weltkrieg errichteter Bunker, der unter einer Düne nahe dem Strand von Scheveningen verborgen lag, freigelegt. Das Projekt thematisiert den Wandel des Stadtteils: Alte Industrie- und Wohnstrukturen werden durch moderne Wohnanlagen ersetzt. Gaillard verweist damit kritisch auf die „Yuppifizierung“ und darauf, wie ältere Architektur unter neuen Stadtplanungen verschwindet. In Zusammenarbeit mit Freiwilligen des Atlantikwall-Museums wurde der Bunker mit schwerem Gerät ausgegraben, kurzzeitig als rohe „Skulptur“ sichtbar gemacht und anschließend wieder zugedeckt. Foto: H.D. Ploeger/wikipedia.deDie Ausstellungen zeigen vor allem zeitgenössische, internationale Künstlerinnen und Künstler und Arbeiten von u.a. Janice Kerbel, Véréna Paravel & Lucien Castaing-Taylor, Thomas Demand, Edith Dekyndt, Cyprien Gaillard, Stefan Marx, Luigi Ghirri und Anna Grath, die vor allem in den Bereichen Konzeptkunst, Bildhauerei, Fotografie, Installations- und experimentelle Filmkunst wegweisend sind. Viele von ihnen eint ein starker Bezug zu alltäglichen Materialien, transformativen Prozessen, Sprache oder der Erforschung von Räumen und Wahrnehmung.

Der Ort selbst bringt Geschichte mit. Der Altonaer Kaufmann Georg Friedrich Baur ließ das Sommerhaus im heutigen Baurs Park in den 1830er Jahren errichten. Das klassizistische Ensemble aus Herrenhaus und Remise wurde über die Jahrzehnte von Architekten und Künstlern wie Joseph Ramée, Johann Matthias Hansen und William Collins mitgeprägt. 1921 verkaufte die Familie Baur das Anwesen an den Reeder Leonhard Rudolf Müller, der das Herrenhaus nach seiner Tochter Katharina benannte. Aus dem Landhaus Baur wurde der Katharinenhof.

Die weitere Geschichte des Hauses erzählt auch ein Stück Blankenese: Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Katharinenhof zeitweise dem Luftgaukommando XI zugeordnet. Nach Kriegsende dienten die Gebäude als Notquartier für Ausgebombte; im Garten wurde Gemüse zur Grundversorgung angebaut. In den 1950er Jahren wurde das Ensemble saniert. Danach war der Katharinenhof rund 50 Jahre Sitz des Ortsamts Blankenese. Die Remise wurde von 1955 bis 2005 als öffentliche Bücherhalle genutzt und erhielt im Stadtteil den liebevollen Namen Musenstall.

Seit dem Auszug öffentlicher Nutzungen liegt das Gebäudeensemble weitgehend brach. Der Katharinenhof wurde 2009 von der Stadt Hamburg verkauft; spätere Eigentümerwechsel folgten. Nach Jahren des Stillstands soll nun eine neue Nutzung entstehen, die an die öffentliche Geschichte des Ortes anknüpft. Der Anspruch der Eigentümerfamilie ist eine behutsame Sanierung im Bestand: Das Gebäude soll nicht nur bewahrt, sondern wieder zu einem Ort werden, an dem Kultur, Gespräche und Nachbarschaft zusammenkommen.

Behutsame Sanierung der Kaufmannsvilla

Für Blankenese ist das Projekt mehr als eine bauliche Sanierung. Der Stadtteil erhält die Chance, ein lange ungenutztes Denkmal zurückzugewinnen – nicht als privates Refugium, sondern als öffentlich erreichbaren Kulturort. Gerade in einem Stadtteil, in dem historische Villen, Parkanlagen und Elbhanglandschaft das Bild prägen, kann das Kunsthaus Baurs Park eine neue Rolle übernehmen: als Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen lokalem Gedächtnis und internationaler Kunst.

Architektonisch wird es darauf ankommen, die historische Substanz des klassizistischen Ensembles zu respektieren und zugleich zeitgemäße Anforderungen an Ausstellungsbetrieb, Barrierefreiheit, Brandschutz, Klima, Technik und Gastronomie zu erfüllen. Der Umbau wird von ORP Architekten begleitet. Eine solche Aufgabe ist anspruchsvoll: Ein Kunsthaus braucht flexible Räume, klare Wege, gute Lichtführung und robuste Infrastruktur. Ein Baudenkmal verlangt dagegen Zurückhaltung, Maß und Sensibilität. Genau in diesem Spannungsfeld wird sich entscheiden, wie überzeugend die Wiedereröffnung gelingt. Dafür ist das Blankeneser Architekturbüro die optimale Besetzung: Das Büro von Ulf Ockelmann, Christoph Möring-Sack und Thomas Schöne ist vor allem für seine Expertise bei anspruchsvollen Sanierungen denkmalgeschützter Gebäude sowie für den hochwertigen Wohnungs- und Villenbau bekannt.

Kulturpolitisch kommt das Vorhaben zu einem interessanten Zeitpunkt. Hamburgs große Museen und Ausstellungshäuser liegen überwiegend in der Innenstadt oder in zentraleren Lagen. Mit dem Kunsthaus Baurs Park könnte der Westen der Stadt ein neues kulturelles Gewicht erhalten. Entscheidend wird sein, ob das Haus die Balance schafft: international genug, um über Blankenese hinaus wahrgenommen zu werden, und zugleich nahbar genug, um von den Anwohnern als Teil ihres Stadtteils angenommen zu werden.

Die ersten geplanten Interventionen ab Herbst können dabei mehr sein als bloße Vorboten. Sie sind ein Testlauf für das Verhältnis zwischen Kunsthaus und Nachbarschaft. Installationen, Performances, Konzerte oder Gespräche an wechselnden Orten können zeigen, ob das Projekt wirklich in den Stadtteil hineinwirkt – oder ob es als weiterer exklusiver Ort am Elbhang wahrgenommen wird. Gerade deshalb dürfte der Dialog mit den Blankenesern eine wichtige Rolle spielen.

Bis zur geplanten Eröffnung 2028 bleibt also einiges zu tun. Die Gebäude müssen saniert, das Programm geschärft, die Öffentlichkeit eingebunden und der spätere Betrieb vorbereitet werden. Doch die Richtung ist klar: Aus dem ehemaligen Katharinenhof soll das Kunsthaus Baurs Park werden – ein Ort für Gegenwartskunst in historischem Gewand.

Wenn das gelingt, gewinnt Blankenese nicht nur ein Denkmal zurück, sondern auch einen neuen kulturellen Treffpunkt. Der frühere Verwaltungssitz und die alte Bücherhalle könnten dann wieder das werden, was sie über Jahrzehnte waren: ein öffentlicher Ort im Herzen des Stadtteils – diesmal mit Kunst, Debatte und Aussicht auf eine neue kulturelle Zukunft.