Alfred Kortes, der die Buchhandlung im zweiten Weltkrieg am Standort Templin in der Uckermark leitete, „ist auf Ebene des Landkreises an führender Position aufgetreten und hat auch die Buchhandlung als dezidiert braun geführt. So richtete er dort spätestens 1934 eine eigene Abteilung NS-Literatur ein und verkaufte außerdem Karten für Parteiveranstaltungen. Außerdem war er Herausgeber der Kreiszeitung und hatte als solcher die Verantwortung für einige Zehntausende Leser.“ Dieser neue Hintergrund war erst mal ein Schock.
Allerdings fand Pascal Mathéus dann auch noch heraus, dass es eine „vergessene Geschichte“ vor jener Zeit gibt, „nämlich die der Familie Wassermann, die das Geschäft 1889 an Gottfried Kortes, Alfred Kortes‘ Vater, verkauft hat“. Die Buchhandlung wurde also bereits 1848 in Templin gegründet, in einer Epoche, die für demokratischen Aufbruch und die Herausbildung einer literarischen Öffentlichkeit steht. „Das ist eine Tradition, in der wir uns selbst verankert sehen.“Für eine lebendigere Buchszene in Blankenese
Diese Erkenntnisse führten die neuen Inhaber zur klaren Entscheidung, der „Buchhandlung Kortes“ ihren ursprünglichen Namen „Buchhandlung Wassermann“ zurückzugeben. Die Umbenennung 2023 wurde von Veranstaltungen eingerahmt – etwa mit einem Podiumsgespräch zum Thema „Buchhandel in Demokratie und Diktatur“, an dem Michel Friedman, Karin Prien und Peter Kraus von Cleff teilnahmen. Das sei gleichzeitig eine wunderbare Feier zum 175. Jubiläum gewesen.
Neben den vielen positiven Rückmeldungen habe es wenige negative gegeben: „‘Das ist der Untergang dieser Buchhandlung!‘ – Wobei wir hier auf dem Hochufer der Elbe sind …“ Mathéus und Wernicke sahen keine Gefahr, und die kritischen Stimmen sind längst verstummt.
Den Leuten gefällt, was die Buchhandlung Wassermann (ein alteingesessenes und bis dahin komplett analoges Geschäft) ihnen jetzt alles bietet. „Es gibt in Blankenese ein sehr kulturaffines, gebildetes Publikum, das aber nicht unbedingt jede Woche in die Stadt fahren möchte, um an literarischen Veranstaltungen teilzunehmen. Unser Veranstaltungsprogramm hat deshalb sofort eingeschlagen.“ Angefangen haben die beiden Buchhändler mit einer Lesung im Monat, mittlerweile ist es jede Woche mindestens eine.
In ihren Köpfen spukte auch schon früh die Idee eines eigenen Literaturfestivals. Und dann fiel das Harbour Front Festival 2024 aus. „Wir hatten das starke Gefühl: Jetzt oder nie!“ Pascal Mathéus holte Hamburgs größtes Literaturfestival nach Blankenese und organisierte die „Herbstlese Blankenese“. Mit mehr als 20 Veranstaltungen in 14 Tagen. Was für ein Start. 2025 sind es in elf Tagen 46 Veranstaltungen: Das üppige Programm, das vor berühmten Namen strotzt, ist vor wenigen Tagen veröffentlich worden: Herbstlese Blankenese - Buchhandlung Wassermann. Inhaltlich wird ein Schwerpunkt auf 35 Jahre Wiedervereinigung gelegt, mit dem Untertitel bzw. Motto: „Internationales Festival für Literatur und Kritik“.
Lesen, forschen, kritisch denken
Kritik ist überhaupt ein wichtiges Stichwort für Mathéus; am Historischen hängt das Politische, und da darf das Kritische nicht fehlen, sagt er. Ein Traumberuf von ihm war (und ist noch immer) Kritiker. Während seiner Studentenzeit hat er das Literaturblog „Aufklappen“ gegründet, wo mehrere durchaus kritische Autor:innen zu Wort kommen. (Heute nennt er das Blog „die Keimzelle dieser Buchhandlung“, weil er dadurch Florian Wernicke kennengelernt hat.)
„Ich wollte schon immer was mit Literatur machen. Geschichte und Deutsch war in der Schule also sehr gut, in Mathe und Physik habe ich spätestens in der Oberstufe die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften eingestellt. Ich war jedenfalls sehr froh, dass ich die Schule mit Abitur verlassen konnte – um dann Geschichte und Philosophie in Kiel zu studieren.“ Er spricht von einer Offenbarung, einem Tor zu einer geistigen Welt, die faszinierend war. Als Master hat er Altertumswissenschaften in Freiburg draufgesetzt und sich in die Antike verliebt … Dann kam der erste Job: als Assistent am historischen Seminar in Zürich. Das Thema seiner Doktorarbeit ist die Ironie bei Herodot – und die Arbeit ist noch nicht abgegeben, denn es kam überraschend die Gelegenheit, in den Literaturbetrieb zu wechseln. Es folgte eine schöne Zeit in der Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg, die er gemeinsam mit Florian Wernicke umkrempelte und für die Wiedereröffnung fit machte.
In der Buchhandlung Wassermann möchte Pascal Mathéus ein breites Meinungsspektrum abbilden und sieht sie als „Ort, wo Dinge unabhängig diskutiert werden können“. Literatur sei eben nicht „Rotwein und knisterndes Kaminfeuer … Das kann auch mal schön sein, und es muss nicht immer anstrengend sein. Aber es sollte im Kopf etwas passieren, was neu ist, was interessant ist, was einen die Dinge aus einer anderen Warte sehen lässt.“
Zentral sei auch, dass man sich in Blankenese nicht elitär abgrenze. Mathéus will das hohe Engagement in Blankenese dafür nutzen, Menschen zu erreichen, die keinen so privilegierten Zugang zu Kultur, Politik und Literatur haben: Bei der Herbstlese Blankenese gibt es einen Kinder- und Jugendbuchtag und auch über das Festival hinaus Kooperationen mit Stadtteilschulen und Institutionen aus „Stadtteilen, die anders aufgestellt sind als Blankenese“. In Osdorf hat die Buchhandlung Wassermann im vorletzten Winter bereits eine pausierende Eisdiele zum Popup-Bookstore umgebaut. Und mit einer Zusammenarbeit mit Oetinger im Markthaus in Blankenese haben man auch neue Leute erreicht.
Ein leidenschaftlicher Entdecker
„Ich kann nicht anders, als mich immer sehr für mein jeweiliges Umfeld zu interessieren“, sagt Pascal Mathéus. Er hat sich daher nicht nur in die Geschichte seines Geschäfts eingegraben, sondern auch in die literarische Welt der Elbvororte – und hat daraus direkt eine Veranstaltungsreihe konzipiert: die „Dichter der Elbvororte“. „Es gibt überraschend viele interessante und gute Schriftsteller in Blankenese und Umgebung“, erklärt er und zählt einige auf: „Brigitte Kronauer, Hubert Fichte, Richard Dehmel …“ Einmal monatlich gibt es eine Lesung und Besprechung zu Dichterinnen und Dichtern, die zwischen Wedel und Othmarschen ansässig sind oder waren.
Unter ihnen ist besonders die Geschichte von Margarete Böhme spannend. Sie hat ihre letzten Lebensjahre in Othmarschen verbracht und ist in Nienstedten begraben, „wo wir ihr Grab gerade erst wiederentdeckt haben. Denn auf dem Grabstein weist nichts auf ihre Existenz als Schriftstellerin hin: Sie ist dort als Margarete Schlüter, geborene Feddersen, begraben – also unter dem Namen ihres zweiten Mannes und ihrem Geburtsnamen. Der Name ihres ersten Mannes Böhme, unter dem sie als Schriftstellerin bekannt geworden ist, fehlt.“ Mathéus erzählt begeistert von der Schriftstellerin, die ihr wichtigstes Werk 1905 veröffentlichte: „Sie hat mit dem ‚Tagebuch einer Verlorenen‘ 1,2 Millionen Bücher verkauft, das ist ein gigantischer Erfolg! Damals war das wirklich unfassbar. Ein Hammer-Super-Bestseller – und heute völlig aus der Literaturgeschichte verschwunden.“
Der Buchhändler möchte sich unbedingt noch intensiver mit Margarethe Böhme auseinandersetzen und sie bekannter machen. Ihr Werk liegt im Husum Verlag vor – „dort hält man Margarete Böhmes Bücher vor, weshalb sie in Husum einigermaßen bekannt ist“. Pascal Mathéus denkt laut über eine Neuauflage in seiner eigenen neuen Edition Wassermann nach, wo im September zunächst die erste Blankeneser Rede zu Literatur und Gesellschaft von Steffen Mau erscheinen wird. Außerdem berichtet er, er hätte „gerade heute einem Mitglied der Bürgerschaft geschrieben, dass ich anrege, die Kurt-Küchler-Straße – ein anderer Dichter der Elbvororte, der schlimmer Rassist war – in Margarethe-Böhme-Straße umzubenennen“.
In der Blankenesener Traditionsbuchhandlung Wassermann kann Pascal Mathéus seine Leidenschaften Literatur und Geschichte verbinden – und will offenbar für mehr als 20 Jahre Durchhaltevermögen beweisen, denn er sagt: „Das zweihundertste Jubiläum haben wir schon vor Augen.“
Dieser Artikel ist zuerst im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels erschienen. Pascal Mathéus ist für den Young Excellence Award nominiert worden. Mit der Auszeichnung ehrt das Börsenblatt herausragende Persönlichkeiten bis 39 Jahre, die in der Buchbranche etwa bewegen. 10 Young Professionals sind nominiert. Hier können Sie mit Ihrer Stimme für Pascal Mathéus voten!
Die nächste Veranstaltung der Buchhandlung Wassermann findet am 17. Juli in der Nienstedtener Friedhofskapelle statt, um den Schriftsteller und Ethnologen Hubert Fichte zu würdigen. Mit dabei sind Britta Nagel und Torsten Teichert, es liest Ludwig von Otting.
Karten zu jeweils 15 Euro können Sie hier reservieren.


