Blankenese (11. August 2026, PM) · Mit einer ungewöhnlich politischen und zugleich philosophischen Rede eröffnet die amerikanische Philosophin Susan Neiman am 2. September 2026 um 20 Uhr in der Blankeneser Kirche am Markt die diesjährige Herbstlese Blankenese. Unter dem Titel „Die Normalität des Bösen“ spricht Neiman über die Vereinigten Staaten 250 Jahre nach ihrer Gründung, Donald Trump, den Zustand der amerikanischen Demokratie – und über die philosophischen Vorstellungen vom Menschen, die ihrer Ansicht nach dazu beigetragen haben, eine Kultur des Eigennutzes und der moralischen Gleichgültigkeit hervorzubringen.
Neimans Ausgangspunkt ist die politische Gegenwart Amerikas. Ihre Rede spart nicht mit scharfer Kritik an Donald Trump und dessen zweiter Präsidentschaft. Sie beschreibt den Angriff auf Medien und Universitäten, die Erosion rechtsstaatlicher Institutionen und die zunehmende Bedeutung von Macht und militärischer Stärke. Doch Neiman will sich nicht mit der politischen Diagnose begnügen. Ihre eigentliche Frage lautet: Welche Vorstellung vom Menschen macht eine solche Politik möglich?
Dabei führt sie weit über die aktuelle amerikanische Politik hinaus – zu Thrasymachus und Platon, zu Montesquieu, James Madison und Rousseau, zu Adam Smith, Darwin und Foucault, aber auch zu Tolstoi, George Eliot und Brecht. Neimans These: Eine Gesellschaft gerät in Gefahr, wenn die Annahme, der Mensch werde ausschließlich von seinem eigenen Vorteil bestimmt, nicht mehr als philosophische Behauptung erkannt, sondern als vermeintlich nüchterne Beschreibung der Wirklichkeit verstanden wird.
„Nicht Niedertracht, sondern Leere ist die stärkste Form des Bösen“, schreibt Neiman. Das eigentlich Gefährliche sei nicht allein der einzelne grausame oder machtbesessene Mensch, sondern eine Kultur, in der Empathie, Scham, Solidarität und moralische Prinzipien als naiv erscheinen. In dieser Perspektive wird Donald Trump für Neiman zum Extremfall einer viel umfassenderen Entwicklung: Er versteckt seinen Eigennutz nicht, sondern macht ihn zum politischen Stil. Gerade deshalb könne seine unverhohlene Rücksichtslosigkeit von Anhängern als eine Form von Authentizität erlebt werden.
Damit richtet sich Neimans Kritik ausdrücklich auch gegen die Vorstellung, Politik lasse sich vollständig aus wirtschaftlichen Interessen erklären. Sie sieht im Erfolg Zohran Mamdanis bei der New Yorker Bürgermeisterwahl einen Hinweis darauf, dass Menschen nicht nur wegen ihres materiellen Vorteils handeln. Entscheidend sei vielmehr die Erfahrung, dass Politik wieder für Gerechtigkeit, Integrität und Solidarität stehen könne.
Die Rede endet mit einem Thema, das Neiman ausdrücklich als „moralischen Wendepunkt unserer Zeit“ bezeichnet: dem Krieg in Gaza und der Frage, wie der Holocaust in gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen instrumentalisiert wird.
Neiman verbindet ihre Kritik an der amerikanischen Politik deshalb mit einer grundsätzlichen Verteidigung der Möglichkeit moralischen Urteilens. Gerade angesichts der politischen Gegenwart, so ihre Botschaft, müsse eine Gesellschaft wieder den Mut finden, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Die Eröffnungsrede der Herbstlese ist damit zugleich Amerika-Analyse, philosophischer Essay und politische Intervention. Sie stellt eine unbequeme Frage, die über Donald Trump hinausweist: Was geschieht mit einer Demokratie, wenn die Menschen nicht mehr daran glauben, dass es gute Gründe gibt, etwas anderes zu tun als das, was dem eigenen Vorteil dient?
Susan Neiman, 1955 in Atlanta geboren, ist Philosophin und war von 2000 bis 2024 Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Sie lebt in Berlin und ist Autorin zahlreicher Bücher, darunter Nennen wir es böse, Links ist nicht woke und Von den Deutschen lernen.
Die Herbstlese Blankenese widmet ihre dritte Ausgabe dem Schwerpunkt „250 Jahre USA“. Die Rede erscheint am 2. September in der Edition Wassermann.
Die Normalität des Bösen – Susan Neiman
2. September 2026, 20 Uhr
Blankeneser Kirche am Markt, Hamburg-Blankenese
Eröffnung der Herbstlese Blankenese
Internationales Festival für Literatur und Kritik


















