Hamburg gilt seit Jahrzehnten als bedeutender Modestandort in Deutschland. Die Hansestadt steht für elegante, oft hanseatisch-zurückhaltende Mode und hat internationale Designkarrieren hervorgebracht. Namen wie Jil Sander und Karl Lagerfeld prägten das Bild einer Stadt, die Mode, Design und Kreativwirtschaft eng miteinander verbindet. Neben luxuriösen Labels in der Innenstadt haben sich in Quartieren wie dem Schanzen- oder Karolinenviertel alternative Modetrends entwickelt.
Doch während Hamburg traditionell für Stil und Designkompetenz steht, rückt zunehmend eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie kann Mode nachhaltiger werden?
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Die Modeindustrie gehört weltweit zu den größten Umweltbelastungen. Hoher Wasserverbrauch, Chemikalieneinsatz in der Produktion und enorme Mengen an Textilmüll machen deutlich, warum Nachhaltigkeit in der Branche inzwischen als zentrale Herausforderung gilt. Allein für die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts werden durchschnittlich rund 2.700 Liter Wasser benötigt. Hinzu kommt die Problematik synthetischer Fasern: Beim Waschen von Polyester gelangen Mikrokunststoffe in Flüsse und Meere.
Gleichzeitig wächst das Bewusstsein der Verbraucher. Umfragen zeigen, dass sich eine Mehrheit der Kunden der ökologischen Folgen von Kleidung bewusst ist. Dennoch bleiben beim Einkauf Preis und Qualität häufig wichtiger als Nachhaltigkeit – ein Spannungsfeld, das die Branche zusätzlich unter Druck setzt.
Blick in das Große Studio der Villa E362 in Nienstedten. Foto: Jan-Marius Komorek/Hamburg Kreativ Gesellschaft
Neue Ideen an der Elbchaussee
Vor diesem Hintergrund entsteht im Hamburger Westen ein neuer Ort für die Zukunft der Mode. An der Elbchaussee 362 in unmittelbarer Nachbarschaft zur Rudolf-Steiner-Schule entwickelt die Hamburg Kreativ Gesellschaft die sogenannte VILLA E362. Die Gründerzeitvilla wurde der Einrichtung von Ann Kathrin Scheerer (verheiratet mit Jan Philipp Reemtsma) für eine kreativwirtschaftliche Nutzung überlassen.
Die Idee: ein Arbeits- und Entwicklungsort für nachhaltige Modekonzepte. In der dreigeschossigen Villa entstehen Studios, die als Ateliers, Büros oder Workshopräume genutzt werden können. Ergänzt werden sie durch Räume für Wohnresidenzen sowie gemeinschaftliche Flächen – etwa einen Salon für Veranstaltungen, Präsentationen und fachlichen Austausch.
Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda sieht darin ein starkes Signal für die Kreativszene. Nachhaltigkeit, so seine Einschätzung, beginne nicht erst in der Produktion, sondern bereits beim Entwurf eines Kleidungsstücks. Die Villa solle daher ein Ort werden, an dem kreative Ideen und ökologische Verantwortung zusammenfinden.
Schon vor der vollständigen programmatischen Ausrichtung wird das Gebäude genutzt. Erste Zwischennutzer testen derzeit die Möglichkeiten des Standorts. Dazu gehört das Hamburger Modelabel NYNOLIA ebenso wie das PHŒNiX Festival des einhornkollektivs. Mit ihren Projekten eröffnen sie die erste Phase der Aktivierung und sammeln praktische Erfahrungen mit den Räumen.
Langfristig soll die Villa vor allem die frühe Phase der Modeentwicklung stärken. Hier fallen die entscheidenden Weichen: Materialauswahl, Designprozesse, Produktionsstrategien und Geschäftsmodelle bestimmen maßgeblich, wie nachhaltig ein Produkt später tatsächlich ist.
Fokus auf Innovation und Kreislaufwirtschaft
Ab Sommer 2026 beginnt die inhaltliche Profilierung des Standorts. Im Mittelpunkt stehen nachhaltige Materialien, kreislauffähige Design- und Produktionsstrategien sowie neue digitale Entwurfsmethoden. Interdisziplinäre Teams aus Designern, Handwerkern, Technologieexperten und Forschern sollen gemeinsam an Lösungen arbeiten.
Ein international besetzter Beirat wird die Entwicklung begleiten und die Zusammenarbeit mit Hochschulen, Unternehmen und Branchenverbänden fördern. Die Nutzung der Räume erfolgt bewusst zeitlich begrenzt – etwa über Residenzen, Stipendien oder projektbezogene Arbeitsphasen. So sollen regelmäßig neue Ideen und Perspektiven in das Haus einziehen.
Die VILLA E362 ist Teil eines größeren Netzwerks für nachhaltige Mode in Hamburg. Bereits heute experimentiert die Kreativ Gesellschaft im innerstädtischen Projekt FABRIC – Future Fashion Lab mit neuen Materialien und Produktionsformen. Während dort Prototypen und Herstellungsprozesse im Mittelpunkt stehen, soll die Villa vor allem die konzeptionelle Phase der Modeentwicklung stärken.
Gemeinsam bilden beide Orte eine Infrastruktur, die den gesamten Innovationsprozess abdeckt – von der ersten Idee über den Prototyp bis hin zur Marktreife.
Die Modebranche bleibt trotz aller Herausforderungen ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. In Deutschland erwirtschaftet sie jährlich rund 28 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und sichert mehr als 600.000 Arbeitsplätze. Gleichzeitig befindet sich der Sektor im Wandel: globalisierte Lieferketten, strengere Umweltauflagen und ein verändertes Konsumverhalten verändern die Spielregeln.
Gerade deshalb setzen Städte wie Hamburg zunehmend auf nachhaltige Innovation. Mit der VILLA E362 entsteht in Nienstedten ein Ort, der zeigen soll, wie Mode ökologisch verantwortlicher und zugleich wirtschaftlich tragfähig gestaltet werden kann.






















