Othmarschen (20. Januar 2025, Markus Krohn) · Trillerpfeifen hallen vor dem Rathaus, während sich wenige Kilometer weiter Stoßstange an Stoßstange durch den Elbtunnel schiebt. „Wir haben die Faxen dicke“ – unter diesem Motto hat der Warnstreik im öffentlichen Dienst Hamburg am Dienstag spürbar getroffen. Besonders dort, wo normalerweise nichts schiefgehen darf: in der Tunnelleitzentrale des Elbtunnels. Wer an diesem Tag im Stau stand, bekam eine Ahnung davon, was passiert, wenn diejenigen fehlen, die sonst rund um die Uhr für Sicherheit und Verkehrsfluss sorgen.

Schon am frühen Morgen war klar: Dieser Streik bleibt nicht abstrakt. Er ist hörbar, sichtbar, messbar in Kilometern Stau. Am und rund um den Elbtunnel wurde der Verkehr zum Nadelöhr. Statt drei standen pro Richtung nur zwei Fahrspuren zur Verfügung, bis in die frühen Abendstunden hinein. Auf der A7 staute es sich auf vielen Kilometern, ebenso auf der A1 und der A23. Auch Ausweichstrecken und Bundesstraßen im Hamburger Stadtgebiet waren überlastet. Die Auswirkungen reichten bis nach Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Auslöser war ein landesweiter Warnstreik der Gewerkschaft ver.di. Neben Beschäftigten des klassischen öffentlichen Dienstes legten auch Mitarbeitende der Autobahn GmbH die Arbeit nieder – darunter Teile der Belegschaft der Tunnelleitzentrale Hamburg. Der Arbeitskampf begann regional bereits am Montagabend, heute erreichte er seinen Höhepunkt.

Ein System auf Kante genäht

Normalerweise arbeiten rund 60 Beschäftigte in der Tunnelleitzentrale Hamburg, inklusive Wartungsabteilung. In drei Schichten, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie überwachen den Elbtunnel und die angeschlossene Tunnelkette mit den Autobahndeckeln über unzählige Monitore. Sie reagieren auf Unfälle, Brände, Liegenbleiber oder zu hohe Lkw, die die Höhenkontrolle auslösen. Dann wird eine Röhre sofort gesperrt, Einsatzkräfte von der Feuerwache an der Auffahrt Othmarschen werden alarmiert, Fahrzeuge werden zügig aus dem Tunnel geleitet. Nicht irgendwann, sondern sofort – denn jeder Stillstand bedeutet Gefahr und volkswirtschaftlichen Schaden.

Michael Cöllen kennt diese Abläufe aus dem Effeff. Er ist Techniker und Operator bei der Autobahn GmbH in der Tunnelleitzentrale Hamburg – und einer von denen, die am Dienstag streikten. Zwischen Tröten und Trillerpfeifen stand er vor dem Rathaus und machte klar, warum. „Wenn wir ausfallen, steht ganz Hamburg. Und das merkt man bis München“, sagt Cöllen. Der Satz klingt zugespitzt, ist aber realistisch. Der Elbtunnel ist eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Europas. Was hier stockt, wirkt weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Hohe Verantwortung, hohe Belastung

Cöllen spricht ruhig, aber deutlich über die Kehrseite dieses Systems. 24/7-Schichtdienst, eine dünne Personaldecke, viele Rufbereitschaften. „Ich war im vergangenen Jahr nur an zehn Wochenenden zuhause. Ich habe Kindergeburtstage verpasst. Das ist eine krasse Belastung für die Familie.“

Gleichzeitig stehen weitere Einschnitte im Raum, etwa bei Urlaubstagen. Aussagen aus der Politik sorgen bei ihm für zusätzlichen Frust: „Die Politik behauptet, wir sind faul und verbringen ein Drittel unseres Lebens in Rente. Das ärgert mich massiv.“

Die Verantwortung ist hoch, der Spielraum gering. Staatlich geprüfte Techniker werden gesucht, die zusätzliche Ausbildung für die Arbeit in der Tunnelleitzentrale dauert rund ein halbes Jahr. Es gibt offene Stellen, Fachkräfte fehlen – und eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.

Tarifkonflikt mit Eskalationspotenzial

Der Warnstreik ist Teil eines größeren Tarifkonflikts im öffentlichen Dienst. Ver.di fordert sieben Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von einem Jahr. Ein konkretes Angebot der Autobahn GmbH liegt bislang nicht vor. Auf Arbeitgeberseite hatte Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) Lohnerhöhungen von etwas mehr als der prognostizierten Inflation in Aussicht gestellt, bei einer Laufzeit von zweieinhalb Jahren – umgerechnet gut zwei Prozent pro Jahr.

Für ver.di ist das zu wenig. Ole Borgard, stellvertretender Hamburger ver.di-Chef, spricht von einer „klaren Kampfansage“ und kündigt weitere Arbeitskampfmaßnahmen an. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 6. Februar angesetzt.

Am Dienstag versammelten sich mehr als 1.000 Beschäftigte bei einer Kundgebung in Hammerbrook, darunter auch Mitarbeitende aus Bezirksämtern sowie pädagogisches Personal aus Schulen und der Kinder- und Jugendhilfe. Der Demonstrationszug zog anschließend durch die Innenstadt – vorbei an Menschen, die zeitgleich im Stau festsaßen.

Nachwirkungen bleiben

Der Warnstreik in Hamburg ist inzwischen beendet, der Verkehr normalisiert sich schrittweise. Doch die Bilder bleiben: volle Autobahnen, blockierte Zufahrten, hupende Autos. Und die Erkenntnis, dass die reibungslose Funktion der Stadt von Menschen abhängt, die meist im Hintergrund arbeiten. Oder, wie Michael Cöllen es formuliert: Wenn sie fehlen, merkt es plötzlich jeder.