Es gibt Orte, die wie verborgene Museen anmuten. Bei Bibi Gündisch trifft man auf Bücher und Kunst, wo auch immer das Auge hinblickt. Selbst die Wände der sommerlich-warmen Terrasse zieren eigens gestaltete Tonplatten und Teller aus verschiedenen Ländern, allesamt Mitbringsel jener Reisen, die sie mit ihrem Ehemann unternommen hat. Im Garten stehen unzählige Skulpturen von befreundeten Künstlern. Bei Schwarztee und Stachelbeer-Streuselkuchen erzählt sie heute zu jedem Exponat eine eigene Geschichte.

Ihre Inspiration zieht die 1936 in Swinemünde geborene Künstlerin, die später an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg sowie an der renommierten Cornell University Upstate New York studierte, aus der ganzen Welt. Vor allem die USA, Mexiko, Peru, Jemen und China zählt sie zu den interessantesten Zielen. Ganz besonders ins Herz geschlossen hat sie die Kunst aus Mittelamerika und Jordanien. „Reisen weitet den Blick“, weiß die Jubilarin bestimmt. So entdeckte sie in Santa Fe ein Zentrum für Kunst der Neuen Welt mit damals bereits über 60 Galerien und in Jordanien einmalige Zeugnisse aus der ewigen Vergangenheit. Wenn Bibi Gündisch von den Nabatäern schwärmt, die vor über 2.000 Jahren monumentale Tempel und Gräber direkt aus den massiven, rot schimmernden Felsen schlugen, leuchten ihre Augen. Die Felsenstadt Petra, deren Zugang durch die 1,2 Kilometer lange, enge Felsschlucht – den sogenannten Siq – führt und durch ein hochkomplexes antikes Wasserversorgungssystem besticht, hält sie für ein absolutes Meisterwerk der Antike. Auch die Chinesische Mauer sowie die imposante Armee der Tonsoldaten fesselten die Rissenerin enorm.

All diese Eindrücke der fremden Kulturen und Landschaften und starken Empfindungen malt sie direkt in ihre Bilder. Die stilistische Initialzündung für ihr künstlerisches Verständnis fand oft in Übersee statt: So erlebte sie etwa an der Cornell University, wo ihr Ehemann seinerzeit Jura studierte, das allererste Mal ganz intensiv die amerikanische Pop-Art kennen.

Aus Anlass ihres 90. Geburtstags sichtet Gündisch nun aufwendig ihr eigenes Werk. Dort, wo früher ihre legendäre Malschule untergebracht war, stapeln sich derzeit zahllose Bilder. Gemeinsam mit ihren beiden Töchtern und zwei Freunden hat sie in den vergangenen Wochen sortiert, was genau gezeigt werden soll. Dabei trifft sie immer wieder auf alte Arbeiten, die sie selbst völlig überraschen, da sie diese im Laufe der Jahrzehnte schlichtweg vergessen hatte. Das Ergebnis dieser Sichtung kann sich mehr als sehen lassen: Ihre feinen Hamburg-Bilder sind nun vom 26. August bis zum 28. Oktober im Witthüs (Elbchaussee 499a im Hirschpark, Blankenese) zu sehen. Weitere Gemälde werden kurze Zeit später vom 27. September bis zum 2. Oktober im Kunstforum der GEDOK Hamburg ausgestellt. (Zur Einordnung: Die GEDOK firmiert zwar historisch bedingt als Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V., ist aber schlichtweg das älteste und europaweit größte interdisziplinäre Netzwerk für Künstler und Kunstförderer überhaupt). Bei der Vernissage am 27. September, die von 13 bis 17 Uhr stattfindet, wird Kunsthistoriker und Museumspädagoge Thomas Sello sprechen, musikalisch stilvoll begleitet von den Klängen der Flötistin Shin-Ying Lin.

Die Kunst war für Gündisch stets eng mit der Förderung des Nachwuchses verknüpft: Die 1976 gegründete Malschule lag ihr am Herzen, weil sie so wunderbar kunstinteressierten und talentierten Jungen und Mädchen auf die Sprünge helfen konnte. Den 6- bis 14-jährigen Kindern brachte sie nachhaltig bei, wie man genau beobachtet und auf unterschiedlichste Art und Weise künstlerisch tätig wird. Noch heute gibt es Verbindungen zu ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die heute selbst Eltern sind. Erst als die Nachmittagsbetreuung an den Schulen flächendeckend eingeführt wurde, schlief das Angebot unfreiwillig ein – die Kinder waren am Abend oft einfach nicht mehr aufnahmefähig. Ihrem Engagement als Dozent tat das jedoch keinen Abbruch: Stolze 32 Jahre lang gab Gündisch gut besuchte Workshops an der Volkshochschule. Ihren eigenen vier Kindern konnte sie im heimischen Atelier ebenfalls viel mitgeben, auch wenn deren berufliche Perspektiven heute woanders liegen.

Ihr gesellschaftliches Wirken in Hamburg ging jedoch noch weiter: Früher engagierte sie sich intensiv im Kirchenvorstand und im Kulturausschuss der Hauptkirche St. Katharinen und organisierte lange Zeit große Sommerausstellungen mit Schülern von 15 unterschiedlichen Schulen zu einem biblischen Thema. Untrennbar verbunden ist ihr Name in den Elbvororten zudem mit der Ausstellung „RISSEN Art“, die sie ein beeindruckendes Vierteljahrhundert lang tonangebend begleitete, ehe sie den sprichwörtlichen Staffelstab erst im vergangenen Jahr in die Hände von Steffi Zimmern legte. Es verwundert nicht, dass man bei Recherchen im Internet vielfach auf großen Respekt vor dieser Lebensleistung stößt. Im Netz preist man lobend ihr gesellschaftliches Wirken und zitiert, wie sehr sie dabei stets „die wichtige Rolle von Kunst – gerade in herausfordernden Zeiten“ betonte. Ebenso lassen sich online Referenzen auf ikonische Werktitel wie ihre „Surrealistische Landschaft mit Brille“ finden, die ihr breites stilistisches Spektrum verraten.

Doch wer glaubt, Gündisch widme sich nach dieser langen Zeit nur noch den Archiven und dem Rückblick, der irrt sich gewaltig. Ihr künstlerisches Herz brennt weiter. Ihr bislang letztes und brandneues Bild ist ein sonniges, kraftvolles Mohnfeld. Gemalt hat sie es bezeichnenderweise während der eisigen Hamburger Wochen im Februar 2026. „Irgendwie“, so verrät sie mit einem entspannten Lächeln auf der Sommerterrasse, „sehnte ich mich nach Wärme...

 


Ausstellung vom 27. September bis 2. Oktober 2026
Vernissage: Sonntag, 27. September, 13–17 Uhr
Kunstforum der GEDOK Hamburg
Lange Reihe 75/Koppel 66

Weitere Bilder sind vom 26.08.–28.10.2026 im Witthüs zu sehen (Elbchaussee 499a)