Sülldorf/Rissen (15. Juli 2026, Markus Krohn) · Ein Wohnprojekt mit sozialem Anspruch, renovierte Häuser und dringend gesuchter Wohnraum - und trotzdem ist vorerst Schluss. Warum die Mehrheitsfraktionen im Bezirk das ASB-Dorf in Sieversstücken stoppen und wie der ASB-Ortsverband darauf reagiert.
Was als pragmatische Idee für dringend benötigten Wohnraum begann, ist für den Arbeiter-Samariter-Bund zunächst zu einem politischen Rückschlag geworden: Das geplante ASB-Dorf in Sieversstücken darf vorerst nicht zu einem Wohnprojekt für Studierende und Azubis werden. SPD, Grüne und CDU in Altona stellen sich hinter die Entscheidung des Bauausschusses, die beantragte Nutzungsänderung abzulehnen.
Im Kern geht es dabei nicht um die Frage, ob bezahlbarer Wohnraum gebraucht wird. Daran zweifelt im Bezirk niemand. Streitpunkt ist vielmehr, ob das konkrete Vorhaben an diesem Ort rechtlich und städtebaulich zulässig ist. Die drei Fraktionen argumentieren, eine Zustimmung hätte eine Befreiung vom geltenden Bebauungsplan erfordert – und damit einen Präzedenzfall geschaffen, der weit über Sieversstücken hinausgereicht hätte.
Henrik Strate von der SPD-Fraktion Altona formuliert es so: "Die Idee des ASB-Ortsverbands Hamburg-Mitte, für die fast 30 Jahre alten Gebäude eine neue Nutzung zu finden, ist kreativ und verdient Anerkennung." Zugleich verweist er aber auf die planerischen Grenzen: "Nach sorgfältiger Abwägung sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass dies angesichts der Auswirkungen auf vergleichbare Flächen und künftige Verfahren nicht der Fall ist."
Der Standort liegt in beziehungsweise am Rand der Rissener und Sülldorfer Feldmark, einem sensiblen Landschaftsraum im Hamburger Westen. Genau darauf verweisen vor allem die Grünen, die seit Jahren darauf drängen, die Feldmarken vor weiterer Zersiedlung zu schützen. Dana Vornhagen, Fraktionsvorsitzende der Grünen-Fraktion Altona, macht die Haltung ihrer Partei unmissverständlich klar: "Die Rissener/Sülldorfer Feldmark ist ein Naturraum, der in seiner Prägung erhalten werden muss." Und weiter: "Eine Nutzungsänderung wäre der Beginn einer Zersiedlung der Feldmark, die nicht erwünscht ist."
Auch aus Sicht der SPD geht der Fall über den Einzelfall hinaus. Dr. Anna Vogel, Co-Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion Altona, betont die grundsätzliche Dimension der Entscheidung: "Wir tragen Verantwortung nicht nur für diesen Einzelfall, sondern für die Entwicklung des gesamten Bezirks." Deshalb könne, so Vogel, "Wohnraumbedarf allein nicht der Maßstab für jede Entscheidung sein."
Für den ASB ist die Entscheidung besonders bitter, weil das Projekt bereits konkrete Formen angenommen hatte. Auf der Projektseite wirbt der Träger mit einem gemeinnützigen Wohnmodell für Studierende und Auszubildende: Zimmer zu einer Kaltmiete von 270 Euro, kostenloses Internet, dazu die Verpflichtung zu zehn Stunden ehrenamtlicher Mitarbeit im Monat. Die Anlage ist laut Projektbeschreibung an den S-Bahnhof Sülldorf und an eine Bushaltestelle direkt am Eingang angebunden.
Gerade diese Mischung aus günstigem Wohnen und sozialem Engagement machte das Vorhaben für seine Initiatoren attraktiv. Aus ihrer Sicht hätte das ASB-Dorf nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern auch einen Beitrag gegen Vereinsamung unter Studierenden leisten können. Günther Arndt, Vorsitzender des ASB Hamburg-Mitte e.V., zeigt sich entsprechend enttäuscht: "Wir hätten mit dem ASB-Dorf dringend benötigten Wohnraum schaffen können, außerdem wäre das Projekt nachhaltig, sowohl für die Umwelt als auch für unsere Gesellschaft."
Nach Angaben der Initiatoren waren erste Gebäude auf dem Gelände bereits von Ehrenamtlichen renoviert worden. Der politische Stopp trifft das Projekt deshalb nicht in einer frühen Ideenphase, sondern in einem Moment, in dem bereits sichtbar investiert worden ist. Arndt will dennoch nicht aufgeben. Sein Ziel sei es nun, erneut das Gespräch mit den Fraktionen zu suchen und Möglichkeiten auszuloten, das Projekt doch noch umzusetzen.
Die Gegenseite hält allerdings an ihrer Linie fest. In der gemeinsamen politischen Argumentation tauchen immer wieder drei Punkte auf: erstens die Bindung an den Bebauungsplan, zweitens der Schutz der Feldmark als Natur- und Erholungsraum, drittens die Sorge vor Gleichbehandlungseffekten. Wer hier eine Ausnahme zulasse, müsse erklären, warum ähnliche Ausnahmen nicht auch an anderer Stelle möglich sein sollten. Die Fraktionen haben sicher auch die Ausweisung von Flächen von Windkraftanlagen im Blick, die sie auf jeden Fall verhindern wollen.
Sven Hielscher, Fraktionsvorsitzender der CDU-Fraktion Altona, verweist zusätzlich auf frühere Zusagen für das Gelände: "Verträge sind einzuhalten." Daraus leitet er eine klare politische Schlussfolgerung ab: "Die Stadt sollte nicht in ihre knappen Grüngebiete reinwachsen. Für Studenten und Auszubildende gibt es innerstädtisch geeignetere Flächen."
Damit prallen in Sieversstücken zwei Interessen aufeinander, die beide politisch gut begründbar sind: der Wunsch nach schnell aktivierbarem, bezahlbarem Wohnraum – und der Anspruch, Landschaftsschutz und Planungsrecht nicht bei jedem drängenden Bedarf zu relativieren. Genau darin liegt die Brisanz des Falls. Denn das ASB-Dorf ist mehr als ein lokales Bauprojekt. Es ist ein Beispiel dafür, wie schwer sich die Stadt damit tut, soziale Notwendigkeit, Umweltanspruch und rechtliche Verlässlichkeit gleichzeitig zusammenzubringen.





















