Der Zahn der Zeit nagt – auch in den Wänden
Wer den Sülldorfer Kirchenweg entlangfährt, erkennt sie sofort: die St. Michaelskirche, gekrönt vom mächtigen Erzengel, der über dem Eingang in Granit dem Drachen trotzt. Seit fast sieben Jahrzehnten wacht er über den Stadtteil – Symbol des Guten, unerschütterlich in Stein. Doch während der Engel unverändert strahlt, hat der Zahn der Zeit an der Kirche selbst deutliche Spuren hinterlassen.
Risse in den Wänden, marode Leitungen, verwitterte Fassaden: Was lange unbemerkt blieb, wurde in den letzten Jahren immer sichtbarer. Bereits vor drei Jahren wagte die Gemeinde die Außensanierung – mit neuem Glockenstuhl, modernisierter Wärmeversorgung auf Pellets und frisch gestrichenen Fenstern. Doch dann kam der Befund, der alles veränderte: Die Elektrik der Kirche war in einem so schlechten Zustand, dass jedes Kabel, jeder Schalter, jede Steckdose ersetzt werden musste.
Nach Jahrzehnten intensiver Nutzung wird die denkmalgeschützte Kirche umfassend saniert. Elektrik, Orgel, Wände und Farben – alles bekommt ein neues Leben, ohne den ursprünglichen Charakter zu verlieren.
Ein Kraftakt – aber auch eine Chance. Denn wenn die Wände ohnehin geöffnet werden, dann kann man auch entdecken, was lange verborgen war. Restauratorinnen legten an mehreren Stellen die ursprüngliche Farbgebung frei – ein Blick in die 1950er Jahre, als Architekt Werner Rehder die Kirche entwarf und ihr den schlichten, klaren Charakter gab, der sie bis heute prägt.
Ein Blick zurück – und nach vorn
Seit Frühjahr 2024 stehen in der St. Michaelskirche nun Gerüste. Die Westwand, durch Jahrzehnte von Feuchtigkeit geschädigt, wurde trockengelegt. Die Elektrik wurde komplett erneuert, Bleirohre wichen modernen Kupferleitungen. Die Beleuchtung wird noch verbessert, der Boden überarbeitet, die Kirchenbänke wurden eingelagert und anschließend restauriert. Selbst die Orgel – eine 1959 von der Heidelberger Firma Weigle erbaute Schönheit – wird generalüberholt.
Die Stiftung KiBa unterstützt das Projekt mit 10.000 Euro. Für Pastor Christian Carstens ist die Sanierung nicht nur eine technische, sondern auch eine spirituelle Aufgabe: „Wenn wir die Kirche wieder betreten, wird sie uns vertraut und doch ganz neu erscheinen – heller, offener, freundlicher. Ein Raum, der uns an das erinnert, worum es eigentlich geht: das Gute zu bewahren.“
Bis zur Wiedereröffnung, voraussichtlich im Februar 2026, muss die Gemeinde improvisieren. Gottesdienste finden im Gemeindehaus statt, musikalische Feiern in der Martin Luther-Kirche in Iserbrook. Und an Weihnachten? Da zieht die Gemeinde – ganz wie einst Maria und Josef – ein Stück weiter: In der Friedhofskapelle am Sülldorfer Kirchenweg wird gefeiert, dort, wo schon vor dem Bau der St. Michaelskirche gebetet wurde.
Ein Stück Himmel über Sülldorf
Die St. Michaelskirche ist weit mehr als ein Gebäude. Sie ist Treffpunkt, Erinnerungsort, kulturelles Herz des Stadtteils. Seit 1957 prägt sie das Bild des dörflichen Sülldorf, wo Stadt und Land sich begegnen. Die roten Klinker, das Eichenholz, die Granitstufen – sie erzählen von Beständigkeit und handwerklicher Schönheit.
Wenn im neuen Jahr die Türen wieder geöffnet werden, wird vieles vertraut wirken – und doch in neuem Licht erstrahlen. Dann darf der Blick bei Taufen, Hochzeiten und Festgottesdiensten wieder ungehindert nach oben wandern: zu jenem Erzengel, der uns an den ewigen Kampf für das Gute erinnert.
„Ich freue mich drauf“, sagt Pastor Carstens schlicht. Und wer die Sülldorfer kennt, weiß: Diese Freude wird geteilt.


