Sülldorf (6. Juli 2026, Markus Krohn) · Ein einzigartiges Stück Hamburger Verkehrsgeschichte steht vor dem Aus. Wo heute noch per Hand die Weichen gestellt werden, sollen bald Bagger anrollen und Platz für tonnenschweren Beton und neue Barrieren schaffen. Doch die ansässigen Bürger wollen ihr historisches Bahnhofsgebäude nicht kampflos aufgeben. Mit kreativen Visionen und politischer Unterstützung startet nun der vielleicht letzte Versuch, das Herzstück des Stadtteils vor der Abrissbirne zu retten. Gelingt hier der große Wurf für die Gemeinschaft oder siegen am Ende die wirtschaftlichen Interessen der Bahn?

Ein echtes Unikat soll unter die Räder kommen Neben der Feldmark und der St. Michaelskirche ist von den Identifikationspunkten in Sülldorf in den vergangenen Jahren nicht mehr viel übrig geblieben. Wer heute am S-Bahnhof aussteigt, steht vor einem echten geschichtlichen Schatz: In dem stolze 143 Jahre alten Gebäude – eröffnet 1883 an der Strecke von Blankenese nach Wedel – befindet sich das letzte von Menschenhand betriebene Stellwerk Hamburgs. Ein echter Knochenjob, bei dem der Weichenwärter noch richtige Hebel zieht. Das allein ist denkmalwürdig, finden die Sülldorfer.

Doch das Denkmalschutzamt stellt sich quer, weil über die Jahrzehnte Gebäudeteile angebaut wurden. Für die Bewohner ist es trotzdem ein historisch gewachsenes Ensemble und ein Stück Identität. Zu Gründungszeiten war Sülldorf ein beschauliches Dorf mit gerade einmal 300 Einwohnern, doch die Bahnlinie zerschnitt den Ort in zwei Hälften. Verbunden sind diese seit fast 150 Jahren durch einen simplen, ebenerdigen und beschrankten Bahnübergang. Genau dieser gemütliche Zugang ist der Bahn jetzt ein Dorn im Auge.

Die Bahnpläne: Eine Brücke, die Barrieren schafft Die Deutsche Bahn AG will das historische Gebäude am liebsten dem Erdboden gleichmachen. Die offizielle Begründung: Der aktuelle Bahnsteigzugang sei nicht barrierefrei. Zudem brauche man den Platz für eine moderne Gestaltung und einen möglichen künftigen zweigleisigen Ausbau der Strecke. Der Plan sieht stattdessen vor, eine riesige Fußgängerbrücke mit Fahrstühlen hinzusetzen.

Wenn man genauer hinschaut, ist das für viele vor Ort ein ziemlicher Unsinn. Der jetzige Schienenübergang ist nämlich quasi komplett stufenlos und der kürzeste Weg zum Zug. Wenn die Brücke käme, müssten die Fahrgäste künftig endlose Treppen steigen – mit dem Fahrrad oder Kinderwagen ein reines Ärgernis. Das größte Problem aber sind die Fahrstühle: Ständig ist irgendwo in Hamburg ein Aufzug defekt. Die Sülldorfer haben nachgeforscht und berufen sich auf aktuelle Daten des NDR aus dem Mai 2026. Am S-Bahnhof Landungsbrücken beispielsweise standen die Fahrgäste wegen Störungen zu satten 33,1 Prozent vor einer verschlossenen Fahrstuhltür. Passiert das in Sülldorf, sind Rollstuhlfahrer, Eltern mit Kinderwagen oder Senioren mit ihren Einkaufstrolleys komplett vom Bahnverkehr abgeschnitten. Die Brücke sorgt also im schlimmsten Fall für weitaus mehr Barrieren als der alte Übergang.

Kein Interesse an Vermietung – Platz für Spargelstände? Nach Angaben der Bahn besteht ohnehin kein wirtschaftliches Interesse an einer weiteren Nutzung des Bestandsgebäudes als Mietobjekt. Die frei werdende Fläche soll nach dem Abriss stattdessen unter anderem als Bike-and-Ride-Anlage oder als „Eventfläche“ genutzt werden – beispielsweise für einen profanen Spargelstand.

Der Stadtteil hat jedoch in den letzten Jahrzehnten bereits ordentlich Federn gelassen: Die B 431 trennt als breite Asphaltschneise mit Lärm und Abgasen den Ort. Nachbar Rissen opferte zwar sein altes Bahnhofsgebäude, bekam den Verkehr dafür aber im Gegenzug in einen „Canyon“ verlegt und erhielt einen ruhigen Ortskern. Die Sülldorfer finden, dass ihr Bahnhof als letzter seiner Art an der Strecke erst recht erhalten bleiben muss. Hinzu kommen neue Belastungen: Die geplante Magistralbebauung bringt immer mehr Menschen, und in der Feldmark droht künftig ein Windkraftgebiet mit bis zu 250 Meter hohen Anlagen das Naherholungsgebiet zu verändern. Die Lebensqualität und der dörfliche Charakter schwinden zunehmend.

Der Stadtteil wehrt sich: Die Vision vom Stadtteilhaus Hier kommt das traditionsreiche Sülldorf-Forum ins Spiel, in dem seit Jahrzehnten Vereine, Kirche, Polizei und Bürger an einem Tisch sitzen. Inzwischen haben Mitglieder des Forums die Idee eines „Stadtteilhauses“ entwickelt. Das Gebäude könnte von der Stadt angekauft, saniert und an diverse Initiativen und Vereine vermietet werden. Es winkt ein belebter sozialer Treffpunkt mit Café, Außengastronomie, einer Verkaufsstelle für Reisebedarf oder auch stadtteilbezogenen Büros, wie sie der TSV Sülldorf schon heute nutzt.

Aktuell kommt für diese Idee politischer Rückenwind von der Linkspartei, die am Donnerstag einen entsprechenden Antrag in den Hauptausschuss der Bezirksversammlung Altona einbringt. „Es ist absurd: Ein historisches Bauwerk soll für einen Spargelstand abgerissen werden“, kritisiert Natalia Werdung für die Fraktion DIE LINKE das Vorhaben deutlich. Für die Bike-and-Ride-Anlage lasse sich problemlos ein anderer Standort finden. Fraktionskollege Karsten Strasser ergänzt: „Ein Ankauf des Bahnhofsgeländes durch die Stadt wäre für den städtebaulich bislang vernachlässigten Stadtteil eine wichtige Perspektive. Ein Stadtteilzentrum ist eine Investition in Demokratie, Kultur und das gesellschaftliche Miteinander.“

Die politischen Hürden bleiben jedoch hoch Die aufkommende Hoffnung wird allerdings von der politischen Realität im Bezirk gebremst, denn die anderen Fraktionen tun sich schwer mit der Idee. Die Deutsche Bahn hat die konkrete Planung für den Umbau bereits so weit vorangetrieben, dass sie den Standort kaum noch aus der Hand geben dürfte. Sven Hielscher, Fraktionschef der CDU im Bezirk, sieht nur dann einen echten Hebel, wenn sich ein potenter Mieter findet, der der Bahn ein unschlagbares Angebot macht. Einen Ankauf durch die Stadt hält er für unwahrscheinlich. Zudem befürchtet er, dass das historische Haus für ein vollwertiges Stadtteilzentrum schlicht zu klein dimensioniert sei.

Das größte formale Hindernis: Die Linksfraktion sitzt in der Opposition und wird ihren ambitionierten Antrag nicht ohne parteiübergreifende Stimmen beschließen können. Selbst wenn dies gelingt, steht dem Bezirk Altona kein eigenes Budget für derartige Immobilienkäufe zur Verfügung. Ein positiver Beschluss der Bezirksversammlung wäre somit allein rechtlich nur eine formlose Empfehlung an den Hamburger Senat und die Bürgerschaft.

Die Uhren am S-Bahnhof Sülldorf ticken derweil erbarmungslos weiter. Es bleibt spannend, ob die politischen Gremien in letzter Sekunde einen Weg finden, sich für die Geschichte Sülldorfs einzusetzen, oder ob die fortgeschrittenen Pläne der Bahn den endgültigen Schlusspunkt setzen.