Dass dieser Schöpfer der faszinierenden Tierwelt Ewald Mataré (1887–1965) heißt, wird dem informierten Kunstfreund rasch klar. Präsentiert werden in der aktuellen Schau rund 70 plastische Werke und Arbeiten auf Papier, die aus dem Museum Kurhaus Kleve stammen und beweisen, dass auch kleinteilige Kostbarkeiten eine monumentale Wirkung entfalten können. Mataré, der heute als eine der prägendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in Deutschland gilt, begann seine ambitionierte Laufbahn ursprünglich fernab der Bildhauerei als Maler in Berlin.

Der entscheidende Wendepunkt seines Schaffens ereignete sich im Sommer 1920 während eines Aufenthalts auf der Nordseeinsel Wangerooge. Dort entstanden nicht nur über einhundert Holzschnitte, sondern der Künstler begann auch erstmals, mit angeschwemmten Fundhölzern zu experimentieren. Dieser unbefangene Umgang mit dem Naturmaterial führte Mataré endgültig zur Bildhauerei.

Genau wie zuvor im Holzschnitt wurden auch in der Plastik Tiere zu seinem absoluten Leitmotiv. Vor allem durch die direkte Beobachtung von Kühen destillierte der Künstler jene für ihn so typischen, zeichenhaft abstrahierten Skulpturen. Mataré ging es bei seiner Arbeit nie um anatomisch perfekte Abbilder, sondern stets um die andauernde Suche nach der wahren „Essenz“ und dem „Wesen“ seiner Motive. Ein besonderer Reiz geht dabei von der aufwendigen Oberflächenbearbeitung aus. Er verwendete unterschiedlichste Werkstoffe wie Zink, Bronze, Silber, edles Nussbaumholz oder tiefschwarzes Ebenholz, deren individuelle Eigenschaften er virtuos herausarbeitete und betonte.

Die kunsthistorische Bedeutung Matarés beschränkt sich jedoch nicht nur auf sein visionäres eigenes Werk. Seine elegant stilisierende Formensprache überdauerte die nationale Verfemung durch die Nationalsozialisten – bereits 1932 an die Düsseldorfer Kunstakademie berufen, wurde er im Folgejahr kurzerhand als „entartet“ entlassen – und prägte die Kunst der jungen Bundesrepublik nachhaltig. Nach seiner erneuten Berufung zum Professor für Bildhauerei im Jahr 1946 gab er sein gesammeltes Wissen als Lehrer weiter. Zu seinen berühmtesten Schülern zählen herausragende Talente wie Erwin Heerich, Günter Haese und Joseph Beuys.

Die gemeinsam mit dem Kunsthaus Dahlem in Berlin und dem Museum Lothar Fischer in Neumarkt in der Oberpfalz realisierte Ausstellung ist somit viel mehr als ein Sommer-Ausflugsziel. Sie ist eine Einladung, inmitten der Großstadt zwischen weidenden Bronze-Kühen innezuhalten und kleine Meisterwerke von ganz großem Ausdruck zu erleben.

 


Die Ausstellung »Nichts ohne Natur«. Tierplastiken ist noch bis zum 11. Oktober 2026 zu sehen im
Ernst Barlach Haus
Jenischpark
Baron-Voght-Straße 50A
Tel.: 82 24 21 16
www.barlach-haus.de