Am 20. September hat die 300 Meter lange „Istanbul Bridge“ in Qingdao abgelegt, dem früheren deutsch verwaltetenTsingtao, heute eine Sechs-Millionen-Metropole. Ziel des Frachters: Europa, darunter Hamburg. Das klingt zunächst nicht besonder.
Doch nun das Spektakuläre: Das Schiff läuft erstmals über die Nordostpassage. Und das ist keine Fahrt wie jede andere. Jahrhunderteland hatten Menschen davon geträumt, diese Kurzroute zwischen Pazifik und Atlantik überwinden zu können. Versuche, das zu tun, endeten allzuoft tödlich.
Nun also eine Seefahrtspremiere. Sie ist wirtschaftlich von großer Bedeutung. Die Route spart Zeit wie nie: nur bummelig 18 Tage bis zum Hamburger Hafen – über Suez wären es durchschnittlich 28, um Afrika 50 Tage. Selbst die China-Containerbahn zum DUSS-Terminal in Hamburg-Billwerder braucht länger.
Nun also sind Passagen, die Seefahrer seit dem 16. Jahrhundert träumen ließen, real geworden. Ganz ungefährlich ist die Strecke aber nicht. Treibeis kann im Weg sein und die Seekarten für diese Gegend sind nicht immer ganz genau. Doch aus Peking gesteuerte Satelliten, russische Eisbrecher und verstärkte Schiffsrümpfe sollen die gefährliche Fahrt sichern, derzeit nutzbar nur von August bis Oktober und ab 1926 regelmäßig.
Für Hamburg kann die polare Strecke eine Menge bedeuten. Pro Jahr bis zu 120.000 zusätzliche Container rechnen Experten. Schon planen weitere Reedereien ihre Schiffe auf die Strecke zu schicken.
Umweltschützer indessen warnen: Die fehlende Notfallinfrastruktur in der gottverlassenen Gegend könne kaum beherrschbare Havarien auslösen. Bereits jede einzelne Fahrt belaste das empfindliche arktische Ökosystem, heißt es. Auch politisch ist das brisant. China kürzt Wege, Russland kontrolliert Durchfahrten, die NATO ist wegen militärischer Aktivitäten sowie auf der Hut.
Trotz dieser Risiken ist die Arktis-Route zunächst eine riesige Chance für Hamburg. Die „Istanbul Bridge“ kann den größten deutschen Hafen zu einem Schauplatz einer neuen Ära im Welt-Handel machen. Und nebenbei bemerkt: Die fast 5.000 Container auf dem Premierenschiff enthalten viele Waren, die hier schon fürs Weihnachtsgeschäft erwartet werden. Kürzere Fahrt bedeutet weniger Frachtgebühren bedeutet günstigere Preise. Wollen wir mal hoffen.


