In der Aula des Gymnasiums Othmarschen ist es so still, dass man das Rascheln von Notizzetteln hört. 400 Jugendliche blicken nach vorn, wo ein Podium aus Politik und Initiativen die Frage verhandelt, die Hamburg seit Monaten spaltet: Soll sich die Stadt um Olympische und Paralympische Spiele bewerben – ja oder nein? Kurz vor dem Referendum haben die Elftklässler ihres PGW-Kurses die Bühne selbst gebaut: Sie moderieren, strukturieren, haken nach. OlympJA-Initiator Matthias Onken, Nolympia-Stimme Florian Kasiske sowie die Bürgerschaftsabgeordneten Heike Sudmann (Linke) und Antje Müller-Möller (CDU) liefern Argumente – und werden von 16- und 17-jährigen Moderatorenteams souverän gebändigt. Was bleibt, ist kein Jubelchor und keine Verweigerung, sondern ein chorisches Zögern: Die Generation, die von Olympia am meisten profitieren könnte, traut der großen Verheißung nicht recht über den Weg.

Die Bühne gehört an diesem Vormittag den Zweifelnden und den Abwägenden. Maxi, 18, leistungsorientierter Golfer, verkörpert den Glanz der Idee: „Wenn Hamburg es nicht schaffen kann, wer dann?“ Für ihn liegt der Reiz nicht nur im Sportlichen, sondern im Signal: eine Stadt, die sich etwas zutraut. Pepe, 17, Ausdauerpaket aus Fitnessstudio, Laufstrecke und Boxhalle, hört in Olympia ein Versprechen von Gemeinschaft. Er glaubt, dass ein Heimspiel der Ringe Breitensport anfeuern kann – eine Wirkung, die über Medaillenspiegel hinausgeht. „Sport ist ja auch gesund“, sagt er, und meint damit wahrscheinlich mehr als Training: eine Kultur, die bewegt.

Doch je weiter man quer durch die Reihen hört, desto dichter wird das Netz der Bedenken. Sima, 17, Ballsportlerin, fordert einen realistischen Plan und verweist – ähnlich wie Heike Sudmann – auf Hamburgs anfällige Großprojekte. Die Angst vor Kostenexplosionen ist keine ferne Theorie, sondern eine Folgelast, die ihre Generation schultern müsste. Maya, 16, Tennisspielerin, schwankt: Sie ist sportbegeistert, grundsätzlich pro Olympia – und dennoch überzeugt sie die Versprechung neuer Sportstätten für den Breitensport nicht. Zu oft, sagen viele, wurden solche Versprechen in anderen Städten später kleingerechnet oder verschoben.

Das Klima-Thema legt sich wie ein kühler Schatten über die Aula. Klimapositiv – das Schlagwort klingt gut, bleibt für viele aber Behauptung. Die Jugendlichen fordern mehr als Konzepte auf Folien: belastbare Wege zur Reduktion, saubere Baustoff- und Mobilitätsbilanzen, transparente Zwischenziele. „Was in knapp 20 Jahren in der Welt los ist, wissen wir alle nicht“, erinnert Matthias Onken. In diesem Satz liegt der Nerv der Debatte: Die, die am längsten mit den Folgen leben werden, sollen jetzt ein Ja oder Nein zeichnen – in Unsicherheit, mit einem Horizont, der weit hinter dem eigenen Abitur liegt.

Frederico, 16, Basketballer, rückt die soziale Landkarte Hamburgs in den Fokus. Nimmt die Euphorie alle mit? Oder bleiben Quartiere zurück, deren Alltag wenig mit olympischer Strahlkraft zu tun hat? Er fürchtet, dass die Finanzierung reißen könnte – und dass dann wieder bei jenen gekürzt wird, die ohnehin wenig haben. Paula, 17, Leistungsschwimmerin, nickt: Sie will keine Spiele, die im Sozialetat Spuren hinterlassen. Für beide ist Gerechtigkeit kein Nachsatz, sondern Prüfstein.

22 Olympia GO DiskussionMatthias Onken, Heike Sudmann, Antje Müller und Florian Kasiske diskutierten über die Olympia-Bewerbung in der Aula des Gymnasiums Othmarschen. Foto: Krohn

Und doch: Die Aula bleibt kein Nein-Saal. Sie ist ein Labor der Bedingungen. Viele sagen: Wenn, dann richtig – mit klaren Klimapfaden, mit Planbarkeit, mit Beteiligung. Die Forderung nach Mitsprache taucht in fast allen Stimmen auf. Die Jugendlichen wollen nicht nur Zuschauer ihrer Zukunft sein; sie wollen Hand anlegen an Konzepten, die ihre Mobilität, ihre Vereine, ihre Parks, ihre Mieten berühren. Der PGW-Unterricht mit Lehrer und ehemaligem Bundestagsabgeordneten Marcus Weinberg liefert ihnen dafür das Werkzeug: Fragen, die nicht mit „Wir schaffen das schon“ zu befrieden sind, sondern Antworten brauchen, die Zahlen, Zeitpläne und Verantwortlichkeiten tragen.

Die Choreografie des Vormittags beeindruckt. 90 Minuten lang, an einem Donnerstagmittag, hält die Aufmerksamkeit – nicht, weil die Bühne mit Superlativen feuert, sondern weil die Moderation präzise dorthin zielt, wo Versprechen konkret werden müssen: Wie viele Wohnungen bleiben nach temporären olympischen Dörfern wirklich bezahlbar? Welche Bahnlinien fahren wann? Welche Sporthallen werden saniert – und zwar vor den Spielen, nicht erst danach? Wo liegen Rücklagen und Risikopuffer, wenn Baukosten steigen? Wer kontrolliert, was „klimapositiv“ tatsächlich misst – und was davon bindend ist?

Zwischen den Podien und den Reihen entstehen kleine Szenen, die diese Debatte erden. Ein Schüler schlägt in seiner Notiz auf: „Breitensport – jetzt, nicht später.“ Eine Schülerin malt zwei Spalten: Chancen links, Risiken rechts. Unter Chancen stehen „Infrastruktur“, „Motivation“, „internationales Bild“. Unter Risiken „Schulden“, „Mieten“, „Greenwashing“. Am Ende steht in der Mitte: „Mitreden.“ Dieser Wunsch zieht sich wie eine rote Linie durch die Gespräche danach auf dem Schulhof. Viele der 16- und 17-Jährigen wissen noch gar nicht, wo sie in zwei Jahren leben, wenn Ausbildung oder Studium rufen – in Hamburg, anderswo, vielleicht im Ausland. Aber gerade deshalb, sagen einige, müsse Hamburg zeigen, wie man solche Spiele verantwortet: Wenn schon Olympia, dann ein Modell, das auch andernorts taugt.

Die Kontraste auf dem Podium schärfen den Blick. Antje Müller (CDU) wirbt mit Nachdruck für das „Jetzt mitentscheiden“ – die Beteiligung am Sonntag, egal ob Ja oder Nein. Florian Kasiske von Nolympia hält dagegen, indem er Risiken bündelt: klimapolitisch, finanziell, planerisch. Heike Sudmann erinnert an jene Großprojekte, die aus dem Takt gerieten. Onken setzt auf die Selbstwirksamkeit der Stadt. Dazwischen positioniert sich eine Schülerschaft, die beides kennt: die Faszination des Spektakels und die Härte der Haushaltszahlen.

Was diese Generation trennt, ist weniger das Ziel als der Weg. Maxi und Pepe skizzieren eine Vision, in der Olympia als Katalysator wirkt: mehr Sport im Alltag, moderner Verkehr, barrierefreie Wege, neue Orte der Begegnung. Sima, Maya, Frederico und Paula verlangen Festlegungen, die dieses Versprechen gegen die Realität absichern. Dahinter steht ein Reifeprozess, den man an diesem Vormittag beobachten kann: Zustimmung und Ablehnung sind hier keine Bauchreaktionen, sondern Ergebnisse von Unterricht, Lektüre, Streit und Moderationserfahrung.

Die Reportage dieser Aula ist damit auch ein Stück Demokratieunterricht. Ein Referendum ist keine Stimmgabel für Stimmungen, sondern ein Verfahren, das Mehrheiten formt, indem Minderheiten gehört werden. Die Jugendlichen haben genau das organisiert: einen Ort, an dem die großen Wörter – Klima, Kosten, Chancen – klein genug werden, um sie anzufassen. Dass am Ende drei von sechs Befragten „eher Nein“ sagen, ist nicht Ausdruck von Mutlosigkeit, sondern von methodischer Skepsis: Erst die Belege, dann das Bekenntnis. Und selbst die beiden klaren Befürworter setzen Sternchen an ihre Zustimmung: Klimaziele, Mitbestimmung, Gemeinwohl.

Vielleicht ist das der eigentliche Stoff dieser Tage: Nicht die Entscheidung selbst, sondern die Art, wie sie zustande kommt. Die ruhige Aula, die präzisen Nachfragen, das Abwägen ohne Häme – all das spricht für eine Stadt, die gelernt hat, dass große Projekte nur groß werden, wenn sie vielen gehören. Sollte Hamburg antreten, dann mit einem Mandat, das mehr ist als ein Hauch von Euphorie. Sollte Hamburg verzichten, dann mit einem Plan, wie die aufgerissenen Themen – Sportstätten, Mobilität, Klimaschutz, soziale Infrastruktur – trotzdem vorankommen.

Als die Glocke das Ende markiert, bleibt die Stille noch einen Moment. Dann klappen Stühle, es entstehen kleine Diskussionen, Daumen fliegen über Bildschirme. Auf dem Weg hinaus sagt eine Schülerin leise: „Ich will nicht nur Ja oder Nein – ich will wissen, wozu genau.“ Vielleicht ist das die reifste Antwort an diesem Tag. Am Sonntag werden Kreuze gemacht. Heute aber, in einer Aula in Othmarschen, hat eine Generation gezeigt, dass Demokratie vor allem aus Fragen besteht – und aus der Bereitschaft, miteinander zu ringen, bis aus großen Worten belastbare Wege werden.