Die kleine Bronzefigur (Foto) kauert hoch oben auf einem tonnenschweren Sockel. Sehnsüchtig und traurig blickt sie auf die Elbe hinaus. Unter ihr versammeln sich auch dieses Jahr wieder etwa hundert Menschen. Es ist sonnig, aber durchdringend fröstelig kalt. Hinterher solls Gulaschsuppe geben - der Gedanke wärmt.

Seit 1985 schaut hier auf der Flutschutzmauer zwischen Fischauktionshalle und St. Pauli-Beach-Club die „Madonna der Seefahrt“ in Richtung der Schiffe, die von See her den Strom heraufkommen. Sie ist eine stille Hüterin von Hoffnung und Trauer am Hafen, in dessen fast achteinhalb Jahrhunderte alter Geschichte manche Besatzung nie oder nicht vollständig wiedergekommen ist.

Wer hier am letzten Sonntag vor dem ersten Advent zum vier Tonnen schweren Monument des Bildhauers Manfred Sihle-Wissel (geb. 1934 in Tallinn) kommt, dem ist die Seefahrt eine Herzensangelegenheit. Heute sind sind wieder viele Angehörige von Verschollenen gekommen. Dazu einstige Weggefährten und Vertreter des Hamburger öffentlichen Lebens. Veranstalter sind die Seemannsmission und die Kirche mit Traditionsvereinen.

Dichtgedrängt scharen sich die Frauen und Männer um das Mahnmal, das die längst aufgelösten "Cap Horniers" initiiert haben - jene Vereinigung von Seemännern, die noch mit Frachtseglern ohne Motor das stürmische Kap Hoorn umrundet haben. Kein Wunder, dass diese hartgesottenen Männer die Ideengeber waren, hat doch der gefährlichste Seeweg der Welt bis zu 10.000 Menschenleben gefordert und über 800 Schiffe auf ewig in die Tiefe gerissen. Die "Cap Horniers" haben sogar eine Miniatur der Statue ganz nach Kap Hoorn an die Südspitze von Chile gebracht. Dort wacht sie in der kleinen Kapelle.

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Mit 8 Glasen (13 Uhr) beginnt die kurze Predigt von Götz-Volkmar Neitzel, dem bulligen Seemannspastor der Nordkirche. Der 60-jährige trägt zur Feier des Tages die jahrhundertealte traditionelle Hamburger Halskrause zum schwarzen Talar. Mit warmen Worten würdigt er den für Landratten unsichtbaren Dienst an Bord und spricht ein Gebet. Neitzel weiß, wie schwer das Gemüt Hinterbliebener ist - er ist ausgebildeter Feuerwehr-Notfallsanitäter. Der Geistliche erinnert eindringlich an die Leere und Stille nach bisweilen schwerer Arbeit an Bord - wenn die Einsamkeit in die Kajüte kriecht, oft monatelang weit weg von Familie und Freunden.

Ausdrücklich ehrt der Pastor die Verdienste eines hart arbeitenden Berufsstandes, dem die stolze Freie und Hansestadt Hamburg viel Wohlstand verdankt. „Proud to be a seafarer“ – „Seefahrerstolz“ - mit diesem Slogan muntert Neitzel die Beschäftigten auf Frachtern, Kreuzfahrtschiffen und Fischereifahrzeugen auf. Immerhin ist die Seeschifffahrt für rund 90 % des Welthandels verantwortlich. Sie ist das wichtigste Transportmittel für den globalen Warenverkehr.

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Zwischendurch singt der Shanty-Chor „Windrose“ vor der geschäftigen Hafenkulisse Lieder von Heimkehr und Schmerz – betagte bärtige Herren mit Schiffermütze in marineblauen Mänteln. Eine Sprecherin des Vereins der Hamburger zählt stellvertretend für unzählige andere ausgewählte Unglücksfälle auf: Kollision zweier Frachter vor Großbritannien (ein Filipino tot), Feuer auf einem Autofrachter vor Griechenland, 76 beim Kentern ertrunkene äthiopische Flüchtlinge vor dem Jemen und etwa 40 tote Migranten an einem Tag im Mittelmeer.

Zu Füßen der "Madonna der Seefahrt" liegen Trauerkränze – einige für verschwundene Angehörige, andere allgemein für jene, deren Namen längst niemand mehr kennt. Heute endet die Trauerfeier früher, als geplant – ein älterer Herr aus dem Shantychor ist in der letzten Reihe zusammengebrochen. Neitzel lässt einen Rettungswagen herantelefonieren. Und so endet das diesjährige Seeleutegedenken an der Kurve Große Elbstraße/St. Pauli Fischmarkt mit einem Zwischenfall an Land. Die „Madonna der Seefahrt“ scheint noch ein wenig ernster über die Elbe zu schauen als sonst.

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Hintergrund:

Fast 26.000 deutsche Seeleute sind in den vergangenen hundert Jahren auf den Weltmeeren ertrunken. Einer der Prominentesten war der Blankeneser Kapitän Theodor Dreyer. Er starb am 22 Januar 1930 vor dem argentinischen Feuerland als Letztverbliebener an Bord des sinkenden Passagierdampfers „Monte Cervantes“ (gebaut bei Blohm + Voss, betrieben von Hamburg-Süd). Nach einer Riffberührung konnte Dreyer alle 1117 Passagiere und seine Crew sicher an die Küste bringen, konnte sich aber nicht selbst retten. Eine Straße in Blankenese ist nach ihm benannt.

Wo befindet sich die "Madonna der Seefahrt"? Lageplan aus Google Maps:

Madonna der Seefahrt MAPS