Das Zentrum für Ressourcen und Energie, kurz ZRE, an der Schnackenburgallee gehört zu den zentralen Projekten der Stadtreinigung Hamburg. Es soll künftig Restmüll aus dem Hamburger Westen sortieren, verwertbare Stoffe zurückgewinnen und aus dem verbleibenden Abfall Energie erzeugen. Die Anlage ist damit mehr als eine klassische Müllverwertungsanlage: Sie verbindet Entsorgung, Kreislaufwirtschaft und Fernwärmeversorgung.

Ursprünglich war einmal ein früherer Abschluss im Jahr 2023 im Gespräch, inzwischen will die Stadtreinigung Hamburg keinen Fertigstellungstermin mehr nennen. Damit wird das ZRE wesentlich später fertig als zunächst erwartet. Entscheidend sei nun, die komplexe Anlage kontrolliert hochzufahren und zuverlässig in den Dauerbetrieb zu bringen, heisst es nun. Denn beim ZRE geht es nicht nur darum, Abfall zu verbrennen, sondern vorgeschaltete Sortier- und Aufbereitungsschritte, Energieerzeugung, Rauchgasreinigung und Wärmeeinspeisung technisch sauber miteinander zu verzahnen.

Der Abfall, der in Stellingen verarbeitet werden soll, wird größtenteils aus dem Hamburger Westen kommen. Bis das neue Zentrum vollständig läuft, wird der Restmüll weiterhin in den beiden bestehenden Müllverwertungsanlagen an der Borsigstraße und am Rugenberger Damm verwertet. Dort wird er bislang behandelt und energetisch genutzt. Mit dem ZRE soll diese Struktur ergänzt und regional stärker auf den Westen Hamburgs ausgerichtet werden.

Ein wichtiger Unterschied zu älteren Anlagen liegt im Konzept: Das ZRE soll nicht allein Energie aus Abfall gewinnen, sondern zunächst möglichst viele verwertbare Bestandteile aus dem Restmüll herausholen. Dazu gehören insbesondere Metalle und andere Stoffe, die wieder dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden können. Erst was danach übrig bleibt und nicht sinnvoll stofflich verwertet werden kann, wird energetisch genutzt. Damit folgt das Projekt dem Grundsatz: erst sortieren und zurückgewinnen, dann verwerten.

Die gewonnene Energie wird später zum Teil am Standort selbst benötigt. Der größere Teil soll jedoch in das Hamburger Fernwärmenetz fließen. Die dafür nötigen Leitungen in der Schnackenburgallee sind bereits gelegt. Für den Hamburger Westen bedeutet das: Abfall, der ohnehin anfällt, soll künftig auch vor Ort einen Beitrag zur Wärmeversorgung leisten. Gerade in Zeiten, in denen fossile Energieträger schrittweise ersetzt werden sollen, gewinnt diese Kopplung von Entsorgung und Energieversorgung an Bedeutung.

Gleichzeitig muss die Rolle des ZRE richtig eingeordnet werden. Das Zentrum in Stellingen ersetzt nicht das Kohlekraftwerk Wedel, das Ende dieses Jahres abgeschaltet werden soll. Diese Aufgabe soll vor allem das geplante Energiewerk Dradenau übernehmen. Wedel war über Jahrzehnte ein wichtiger Baustein der Hamburger Fernwärmeversorgung, steht aber als Kohlekraftwerk für eine Energieerzeugung, von der Hamburg sich lösen will. Das Energiewerk Dradenau soll künftig klimafreundlichere Wärme bereitstellen und damit eine zentrale Lücke schließen, die durch die Abschaltung von Wedel entsteht.

Das Energiewerk Dradenau ist als modernes Wärmeprojekt im Hamburger Hafen geplant. Es soll verschiedene Energiequellen und Technologien miteinander kombinieren, darunter industrielle Abwärme, Großwärmepumpen und weitere Anlagen zur Wärmeerzeugung. Ziel ist es, die bisher kohlebasierte Fernwärme aus Wedel durch ein flexibleres und deutlich klimafreundlicheres System zu ersetzen. Während Wedel vor allem für zentrale Erzeugung aus Kohle steht, soll Dradenau stärker auf einen Mix unterschiedlicher Wärmequellen setzen.

Damit ergibt sich eine klare Arbeitsteilung: Dradenau ist der zentrale Ersatz für das Kohlekraftwerk Wedel. Das ZRE Stellingen ist ein ergänzender Baustein, der Abfallströme aus dem Westen besser verwerten und zusätzliche Wärme ins Netz liefern soll. Beide Projekte zahlen auf dasselbe Ziel ein: Hamburg will seine Fernwärmeversorgung umbauen, fossile Energien zurückdrängen und zugleich die Versorgungssicherheit erhalten.

Für die Bürger im Westen der Stadt sind solche Projekte oft schwer greifbar, weil sie nicht unmittelbar im Alltag sichtbar werden. Doch die Auswirkungen sind konkret. Wenn Wedel vom Netz geht, muss die Wärme für Wohnungen, öffentliche Gebäude und Betriebe weiter zuverlässig fließen. Dafür braucht es neue Erzeuger, neue Leitungen, Speicher, Übergabestationen und eine Steuerung, die unterschiedliche Wärmequellen miteinander verbindet. Die Energiewende besteht hier nicht aus einem einzelnen großen Schalter, sondern aus vielen technischen und organisatorischen Schritten.

Auch beim ZRE bleiben Fragen, die erst mit dem Regelbetrieb beantwortet werden können. Wie stabil läuft die Sortierung? Wie viel Wertstoff kann tatsächlich aus dem Restmüll zurückgewonnen werden? Wie hoch ist der Anteil der Wärme, der zuverlässig ins Fernwärmenetz eingespeist werden kann? Und wie gut fügt sich die Anlage in den künftigen Wärmemix mit Dradenau und weiteren Erzeugern ein? Diese Punkte werden darüber entscheiden, welche praktische Bedeutung das ZRE über die Entsorgung hinaus bekommt.

Und dann ist da noch die Frage der Finanzierung. Übernimmt sich die Hansestadt erneut bei einem seiner Prestigeobjekte? Sascha Mummenhoff, Landesvorsitzender des Bund der Steuerzahler in Hamburg, hat da so seine Zweifel (Wachsende Zweifel an Großvorhaben): „Das ZRE ist nicht einfach nur ein weiteres teurer gewordenes Großprojekt. Es ist das nächste Warnsignal dafür, dass der Senat seine städtischen Prestigeprojekte nicht mehr im Griff hat.“ Der Bund der Steuerzahler sieht im ZRE ein weiteres Beispiel für außer Kontrolle geratene Großprojekte in Hamburg. Kritisiert werden steigende Kosten, verzögerte Zeitpläne und mangelnde Transparenz, während die finanziellen Folgen letztlich von Bürgern getragen werden. Gleichzeitig wirft er dem Senat vor, neue Großprojekte und Visionen zu propagieren, ohne bestehende Vorhaben im Griff zu haben. Das untergrabe auch das Vertrauen in zukünftige Projekte wie Olympia, deren Kostenplanung daher als wenig glaubwürdig eingeschätzt wird.

Für Stellingen selbst ist das Projekt ambivalent: Einerseits entsteht ein moderner Infrastrukturstandort mit Bedeutung für die ganze Stadt. Andererseits bringt eine solche Anlage Fragen nach Verkehr, Lärm, Emissionen und Akzeptanz mit sich. Moderne Technik, geschlossene Anlieferbereiche, Filteranlagen und klare Betriebsabläufe sollen Belastungen minimieren. Ob das im Alltag gelingt, wird für die Wahrnehmung des Projekts im Stadtteil entscheidend sein.

Fest steht: Die Hamburger Wärmewende im Westen ruht künftig auf mehreren Säulen. Das Energiewerk Dradenau soll Wedel ersetzen und die große Lücke in der Fernwärme schließen. Das ZRE Stellingen soll Abfall aus dem Westen sortieren, Wertstoffe zurückgewinnen und zusätzliche Energie liefern. Zusammen stehen beide Projekte für einen Umbau, der technisch anspruchsvoll ist und Zeit braucht – und offenbar auch viel Geld.

Der verspätete Start des ZRE ist deshalb kein Randthema, sondern Teil eines größeren Transformationsprozesses. Während Wedel im Laufe des Jahres abgeschaltet werden soll, wird in Stellingen weiter an der vollständigen Inbetriebnahme gearbeitet. Bis dahin übernehmen die bestehenden Müllverwertungsanlagen weiter die Behandlung des Restmülls. Danach soll das ZRE zeigen, ob es den Anspruch einlösen kann: aus Abfall mehr zu machen als Entsorgung — nämlich Rohstoffe, Energie und einen weiteren Baustein für Hamburgs klimafreundlichere Wärmeversorgung.