Der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) hatte alles so sorgfältig vorbereitet. Der LSBG hat Einladungen für diesen Montagabend verschickt, die in den rund 300 Oevelgönner Briefkästen gelandet sind, für maximal zwei Personen pro Haushalt. Und es ist voll geworden. Großzügig verteilt über die Event-Fläche stehen nun Inseln aus zusammengestellten Konferenztischen. Auf ihnen ausgebreitet in meterlangen Schleifen die Verkehrspläne für die Elbchaussee. Geplant ist, nach kurzer Einführungsansprache, sich in Kleingruppen über die Karten zu beugen und die Anwohner mit den Behördenmitarbeitern ins Gespräch zu bringen. Nur diesmal läuft alles anders als geplant. Die Oevelgönner lassen sich auf dieses Spiel nicht ein. Sie lassen sich nicht aufspalten. Die Geladenen bleiben stabil gebunden, sie bilden zusammen das starke Element Publikum. Sie bestehen darauf, in großer Runde gemeinsam die Parkplatzfrage durchzusprechen und schleudern ihre Fragen den Vertretern der Verkehrsbehörde entgegen. Aussichtslos geschlagen beugen sich die Behördenvertreter diesem Aufbegehren der Gäste. Jetzt werden sie ausgefragt und ringen um Antworten und Erklärungen. Zum Beispiel warum die Parkplatznutzung ausgerechnet im Monat Februar am Streckenabschnitt der Elbchaussee vor dem Schulberg zur Planungsgrundlage gemacht worden ist? Nicht vergleichbar mit einem Maiwochenende bei bestem Sonnenschein. Es wird über die Anwendung von Durchschnittswerten und Prozentzahlen diskutiert: Warum ergibt sich ein Wert von 104 Prozent?
Dr.-Ing. Imke Steinmeyer stellt sich mit durchdringendem Blick ins Publikum vor. Sie gibt an, "ein Neuzugang“ seit vergangenem Jahr bei der LSBG zu sein. „Der denkbar schlechteste Part, um zu sagen, was hier historisch alles passiert ist.“ Sie fixiert mich dabei. Sie muss meine Transparenzanfrage zur Elbchaussee, die ich Ende März 2026 auch an die LSBG gestellt habe, auf dem Schreibtisch gehabt haben. Steinmeyer weist darauf hin, dass es einmal Fragen mit der Verkehrsdirektion der Polizei zu klären gab, ob die Planung "anordnungsfähig ist” Und durch das Parkplatzmoratorium aus dem vergangenen Jahr habe es Veränderungen bei den Richtlinien gegeben, nach denen Planungen erfolgen sollen. „Wir haben uns daher die Parkplatznutzung genauer angesehen.“ Einwand eines Oevelgönners: "Sie haben sich also im Februar die Belegung der Parkplätze angesehen?” Steinmeyer: "Sie haben recht. Wir haben uns keinen Sonntag im Sommer angesehen.” Gelächter im Publikum. Steinmeyer hat an der TU Hamburg-Harburg 2003 über das Thema „Kenndaten der Verkehrsentstehung im Personenwirtschaftsverkehr“ promoviert. Sie sollte sich bestens mit der Erhebung von Verkehrsdaten auskennen. Nachfrage eines anderen Oevelgönners: "Haben Sie sich nur die Parkbuchten angesehen? Wie zählen Sie das? Die Autos stehen ja nicht nur auf den Parkplätzen.” Wie die behördliche Erhebung der Parkplatznutzung genau erfolgte, bleibt an diesem Montagabend unter einer dunklen Wolkendecke verborgen.
Ein älterer Oevelgönner kann dagegen rechnen: „Jetzt im Mai habe ich 220 Autos selbst gezählt. Und was Sie uns jetzt anbieten sind 62 Parkplätze an der Elbchaussee.“ Imke Steinmeyer erwidert: „Wir können nachher noch ganz viel Zeit an den Tischen verbringen und uns auf den Plänen alles ansehen.“ Der ältere Oevelgönner, der rechnen kann, fragt nach: „Woher haben Sie denn die Fahrzeugzahlen überhaupt, die Sie für das Gebiet zugrunde legen?“ Steinmeyer: „Von den Einwohnermeldeämtern.“ Der Oevelgönner: „Und was machen Sie mit den Selbständigen, deren Fahrzeuge ein Offenbacher Kennzeichen haben, weil die Unternehmer ihre Fahrzeuge, dort angemeldet haben? Und was ist mit den Angestellten in der Gastronomie, die ihre Autos auch über dem Schulberg an der Elbchaussee abstellen?“ Steinmeyer weist darauf hin, dass man ja später an den Tischen… und sie begrüßt eilig nun auch die anwesenden Gastronomiebetreiber vom Strandkiosk Ahoi und der Strandperle. Aber da stürmt schon eine Oevelgönnerin (die sich später selbst als Frau Mitte dreißig vorstellt) in grauen Jeans, verärgert und mit ausgebreiteten Armen vor den Präsentationsbildschirm: „Wir können ja auch noch später sprechen. Aber wenn wir schon sehen, dass die Zahlen, auf denen ihre Planung fußt, vorne und hinten nicht stimmen, dann werden wir einfach sauer. Man hätte ja vorher mal die Anwohner fragen und diese Zahlen abgleichen können! Das sind keine realen Zahlen!“ Staatsrat Martin Bill versucht seiner Kollegin Steinmeyer beizuspringen und erhebt seine Stimme, kommt aber nicht zu Wort. Denn nun schaltet sich eine dynamische Dame mit grauem, sturmverwehtem Lockenkopf ein. Sie sitzt schon die ganze Zeit etwas unruhig auf ihrem Barhocker, direkt neben der bemüht lächelnden, aber die ganze Zeit schweigenden Baustellenleiterin der Elbchaussee, Ulrike Bentler von Hamburg Wasser. Die Dame mit den Locken grollt aus dem Zentrum dem Staatsrat von Anjes Tjarks nun ihren Donner entgegen: „Sie sagen immer: Das klären wir nachher bei der Diskussion in den kleinen Gruppen an den verschiedenen Tischen. Deshalb möchte ich, dass wir JETZT hier gemeinsam diskutieren und nicht in kleinen Gruppen!“ – Tosender Applaus der Oevelgönnerinnen und Oevelgönner! Die Gewitterfront bleibt stabil.
Jetzt kommt ein an diesem Montagabend beliebtes Schaubild zum Einsatz. Es zeigt den umrandeten Bereich, in dem die Parkplatznutzung untersucht worden ist. Steinmeyer deutet auf die lila eingefärbte Fläche: „Hier sehen Sie den Raum, wo Bewohnerparken besteht.“ Eine alleinerziehende Mutter meldet sich gleich zu Wort: „Sie wissen schon, dass man von Oevelgönne dort gar nicht hinkommt. Man muss einen weiten Weg drumherum fahren, um dahin zu gelangen.“ Das Gebiet, welches dazwischen liegt, sind unpassierbare private Grundstücke ohne Fuß- oder Radwege. Der Parkdruck ergibt sich an der Elbchaussee Richtung Hohenzollernring und in die Nebenstraßen um die Bernadottestraße, die über die Liebermannstraße erreichbar sind. Die Liebermannstraße bildet aber gerade die Grenze zwischen zwei Planungsabschnitten. Die Mutter erklärt, sie sei seit Jahren vergeblich auf der Suche nach einem Stellplatz oder einer Garage zur Anmietung. „Was soll ich denn machen, wenn Sie jetzt noch weitere Parkplätze wegnehmen und ich meine Einkäufe, die ich ohnehin schon den Elbhang runtertragen muss, von noch weiter weg bis zum Schulberg tragen muss?“ Darauf haben die versammelten Experten der LSBG keine Antwort. Man sieht sie Notizen machen. So geht das noch eine ganze Zeit. Die Szenen wiederholen sich mit Beispielen, die variieren: Handwerker, Liefer- und Pflegedienste. Alles wechselnde Darsteller auf beiden Seiten. Ich habe mir die ausliegenden Pläne fotografiert und genug von dem Wetter drinnen. Das Gewitter unter freiem Himmel ist lange vorbei.
Beim Verlassen meint ein betagter Teilnehmer mit Gehstock, der die vielen Treppen und Stufen, sprich Barrieren, zur Veranstaltung tapfer überwunden hat: „Die machen am Ende doch, was sie wollen. Hier in Neumühlen haben sie alle Parkplätze ja auch privatisiert. Außerdem stecken die mit der Fahrrad-Lobby unter einer Decke, wetten?!“
Beim Zeus! Was für ein filmreifer Abend. Montagskino an der Elbkante in Neumühlen. Nur einer hat gefehlt: Der Hauptdarsteller erschien nicht auf der Bildfläche: Verkehrssenator Anjes Tjarks selbst. Der hat lieber sein Stuntteam vorgeschickt.
Transparenzhinweis: Autor Oliver Barckhan ist Initiator der Bürgerinitiative Rettet-die-Elbchaussee.de
Auch interessant:
Unser Kommentar: Bürgerbeteiligung – wie ernst meinen es Politik und Behörden?





















