Dorf-Stadt-Redaktion: Hatten Sie erwartet, dass ein Wolf quer durch Altona bis in die Innenstadt wandert?

Vinnen: Erwartet nicht, befürchtet schon, immerhin gab es in den letzten Jahren mehrfach Wolfssichtungen in den Randgebieten Hamburgs. Die Zahl der Wölfe in Deutschland und auch rund um Hamburg ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Da bleibt es dann irgendwann nicht aus, dass sich so ein Wildtier auch tief in die Siedlungsgebiete verirrt. Bei Rehen und Wildschweinen kommt das regelmäßig vor, da war es beim Wolf auch nur eine Frage der Zeit. Dieser Fall liegt nur insofern anders, weil das Tier bis in die City vorgedrungen ist – und leider auch deshalb, weil ein Mensch durch Biss verletzt wurde.

 

Es wurde doch immer gesagt, der Wolf sei ein scheues Tier, das sich vom Menschen fernhalten würde?

Das ist in dieser Verallgemeinerung nicht richtig. „Canis lupus“ hat sich schon vor Jahrtausenden für uns Menschen interessiert – und daraus sind schließlich unsere Hunde geworden. Biologisch unterscheidet sich der Wolf kaum vom Haushund, sie sind untereinander problemlos paarungsfähig. Natürlich ist der Wolf vorsichtig, wie alle Wildtiere. Aber er ist auch sehr intelligent und als Raubtier von Natur aus neugierig und anpassungsfähig. Warum sollte er also die Städte meiden, wenn ihm dort erst einmal wenig erkennbare Gefahren drohen? Gerade dann, wenn die guten Lebensräume durch Artgenossen besetzt sind. Diese vermehrten Kontakte sehen wir ja auch gegenwärtig.

 

Von woher ist dieser Wolf nach Altona gekommen?

Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Eine Möglichkeit ist, dass er durch die Elbe geschwommen ist. Dazu sind Wölfe durchaus in der Lage. Eine Andere, dass er aus dem Bereich Wedel oder Pinneberg den Weg in den Hamburger Westen gefunden hat. In der Rissen-Sülldorfer Feldmark sind ja schon häufiger Wölfe gesichtet worden. Wahrscheinlich ist es ein Jungtier, das aus dem Rudel abgestoßen wurde und nun auf der Suche nach einem eigenen Revier in die Stadt geraten ist. Dort, in der ihm völlig fremden Umgebung, hat es dann die Orientierung endgültig verloren und ist immer weiter gelaufen, schließlich bis in ein Einkaufszentrum hinein.

Dass männliche Wölfe ihr Rudel verlassen müssen ist ein natürlicher Vorgang. Ein bis zwei Jahre dürfen sie noch im vertrauten Verband bleiben, dann müssen sie Platz machen für die nachfolgenden Generationen. Dann wandern Wölfe mitunter über große Strecken.

 

Dann ist der Wolf von Altona also gar kein Problemwolf?

Das Gerede von den sog. „Problemwölfen“ ist aus meiner Sicht irreführend. Der Wolf ist ein Wildtier – und so verhält er sich auch wenn er wandert oder als großer Beutegreifer Weidetiere reißt, oder – wie vermutlich in diesem Fall – sich gegen vermeintliche Bedrohungen durch einen Menschen zur Wehr setzen.

Als Nahrungsopportunisten halten sie sich an das Futter, das am leichtesten verfügbar ist – das können z.B. auch Schafe auf der eingezäunten Weide sein. Der Mensch wird hier von Wölfen nicht als Beute betrachtet, im Einzelfall könnten uns Wölfe aber ausnahmsweise  als  Konkurrent oder Bedrohung betrachten. Das gilt erst Recht wenn die Tiere unter Stress stehen. Welche Folgen – natürlich auch für den Wolf – das haben kann, haben wir bei diesem Vorfall gesehen.

 

Welche Lehren sollten die Stadt Hamburg und der Bezirk Altona aus diesem Wolfsbesuch ziehen?

Menschen haben diese Stadtlandschaft geschaffen, sie haben daher Verantwortung auch für die dort lebenden und ziehenden Wildtiere. Diese Stadtlandschaften und auch Hamburg sind ein für den Wolf ungeeigneter Lebensraum. Wölfe in der Stadt gefährden Menschen, deren Haustiere und sich selbst. Grundsätzlich gilt dies natürlich auch für Kleinstädte und Dörfer, in denen es schon länger Wolfskontakte mit entsprechendem Unsicherheitsgefühl der dortigen Bevölkerung gibt.

Wir Jäger in Deutschland haben immer wieder von der Bundes- und Landespolitik gefordert, klarzustellen, wie viele Wölfe angestrebt werden in dieser von uns Menschen geschaffenen Kulturlandschaft – und in welchen Gebieten. Diese Fragen wurden nie klar beantwortet. Bis heute gilt im Wesentlichen ein "laisses-faire", d.h. Wolfspopulationen entstehen dort, wo sie irgendwie überleben können, und sei es durch den Riss von Kälbern, Fohlen und Schafen. Eine solche Politik verweigert die Verantwortungsübernahme aus Angst vor Konflikten, schafft aber gleichzeitig Konflikte.

Dies scheint sich jetzt aber zu ändern, die Notwendigkeit klarer Vorgaben wird scheinbar zunehmend erkannt.

Jeden Freitag aktuell informiert – Das Leser-Brief Abo

Mehr aktuelle Nachrichten aus Ihrer Nachbarschaft jeden Freitag in unserem E-Mailnewsletter »Leser-Brief«. Hier kostenlos abonnieren:
Ich akzeptiere die Datenschutzerklärung

 Was wären konkrete Maßnahmen?

Der Deutsche Jagdverband und andere Verbände fordern eine aktive Bestandskontrolle (Management) des Wolfs, wie wir es von anderen Wildtieren kennen. Das halte ich für richtig. Wir Jäger und Jägerinnen können dies mit unseren Kenntnissen und Erfahrungen unterstützen, wenn uns die nötigen Rahmenbedingungen dafür gegeben werden. Das Bundesjagdgesetz ist schon dahingehend verändert worden, das ist ein großer Fortschritt. Jetzt müssen großflächig in Deutschland und natürlich auch für Hamburg und die Nachbarländer Ziele formuliert werden und zügig praxistaugliche Regelungen zu deren Umsetzung geschaffen werden: Nur so entsteht Rechtssicherheit für alle Beteiligten und Vertrauen. Ein bloßes „Weiter so“ würde die Konflikte verschärfen. Eine Bestandskontrolle wäre nur großräumig sinnvoll, da Wölfe ein großes Streifgebiet haben und keine Landes- und Stadtgrenzen kennen. Meine persönliche Meinung ist, dass das Stadtgebiet Hamburg im Rahmen eines großräumigen und länderübergreifenden Managementplans zum Wolfssperrgebiet erklärt werden sollte. Damit würde zumindest Rechtsklarheit geschaffen werden. Die Umsetzung stellte angesichts der dichten Besiedlung in Hamburg mit Sicherheit eine große Herausforderung dar.

 

Halten Sie ein Zusammenleben von Wolf und Mensch grundsätzlich für möglich?

Wir können dem Wolf ein Daseinsrecht nicht absprechen, er ist wie wir ein Geschöpf der Natur. In einer dichtbesiedelten Kulturlandschaft wie bei uns sind dann Konflikte aber vorprogrammiert. Diese werden sich auch nie ganz vermeiden lassen. Allerdings können wir sie reduzieren, und da sehe ich uns Menschen in der Verantwortung. Durch klare politische Zielvorgaben und daraus folgend Managementbemühungen, durch Einsatz von Behörden, Jägerinnen und Jägern können wir die Konflikte begrenzen. Das nutzt den Menschen ebenso wie den Tieren.

 

Mehr zum Thema:

Wolf im Westen: Seltener Besuch sorgt für Unruhe in Hamburg

Wolf in Altona- FDP kritisiert reflexhafte Debatte und fordert bessere Abläufe