„Erinnern heißt auch aktiv Handeln.“ Es war dieser Satz von Cornelius Göbel, der sich wie ein roter Faden durch den Abend zog. Als HSV-Direktor für Fans, Kultur & Nachhaltigkeit kämpft Göbel darum, dass sein Arbeitgeber gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Und das tut der.
Schon immer – so war es auch bei den weiteren Referenten zu hören – hat die HSV Fußball AG & Co. KgaA im Stadion mit Extremen zu tun. Ein Workshop-Teilnehmer berichtete: „Meine Schulfreunde rieten mir vom Stadionbesuch ab, weil meine dunkle Hautfarbe ‚gefährlich‘ sei.“ Heute hat sich das gelegt.
Dennoch, so gibt ein Mitarbeiter Göbels zu: „Wir haben jeden Spieltag rassistische oder antisemitische Vorfälle.“ Um das zu bekämpfen, fördert der HSV „eine funktionierende Gemeinschaft mit Meldekette.“ Dazu gibt es seit 2020 den „Ankerplatz“. Das ist eine Anlauf- und Schutzstelle für Hilfe- und Ratsuchende, die „Diskriminierung und/oder Gewalt (mit-) erlebt haben,“ heißt es auf der Website. Aufarbeitung leistet auch das Netzwerk Erinnerungsarbeit.
Ohne Erinnerung keine Identität – ohne Identität keine Zukunft. - HSV-Website
Obwohl Fans, deren weiße Schnürsenkel auf rechtsextremistische "White Power"-Gesinnung hinweisen, seit einigen Jahren kaum noch auf den Rängen auftauchen, stellt Daniel Killy (Foto unten) grundsätzlich fest: Juden wie er müssten seit zwei Jahren aufpassen – seit Beginn des israelischen Krieges gegen die Hamas-Terrormiliz in Gaza. Killy als Inhaber einer lebenslangen HSV-Dauerkarte sieht sich als eine Art Kanarienvogel – die Tiere dienten einst als Frühwarnsystem im Kohlebergbau, weil sie auf gefährliche Gase eher als Menschen reagieren.
Daniel Killy hat ein lebenslanges HSV-Ticket, steht für jüdisches Leben im Verein. Foto: Wiegand
„Wir Juden haben ein gutes Gespür für drohende Gefahren,“ so Killy (Foto). Und er lenkt den Blick weg von der Vergangenheit auf die Gegenwart. Heutzutage trauten sich Juden „auch im friedlichen Hamburg“ bisweilen nicht mehr, ihre Identität offen zu bekennen. Da könne ein Verein wie der HSV wichtige Arbeit in die Gesellschaft hinein leisten.
Um das Früher geht es im HSV-Museum. Dessen Koordinator Niko Stövhase lässt in alten Mitgliederlisten und Archiven nach Opfern der Nazis forschen. Obwohl die Vereinsunterlagen aus der Hitler-Zeit „verschwunden“ sind, konnte Stövhase rund hundert HSVer-Biografien ermitteln – manche wurden ermordet, andere wurden vertrieben, einige sind verschwunden. Sie bilden die Basis für das HSV-Buch „Die Raute unterm Hakenkreuz“, das 2026 herauskommen soll.
Der HSV hat jüdische Wurzeln – und damit Verantwortung. Das schlussfolgert die Vereinsführung aus den Ursprüngen. Nach dem offiziellen Gründungsdatum am 29. September 1887 war der Klub wegen seines Spielfeldes am Rothenbaum beliebt im nahen jüdischen Viertel am Grindel. Die von den Nazis verbrannte Synagoge am Bornplatz stand fast um die Ecke. Heute unterstützt der HSV deren Wiederaufbau.
Auch Juden stehen heute wieder zum HSV. Beim Workshop im Volksparkstadion war der Gründer des israelischen Fanklubs „Hamburger Jungs Israel“, Guy Klein, mit einer Video-Grußbotschaft zumindest virtuell mit im Raum. Zufällig beim Workshop im Volksparkstadion anwesende Israelis bekannten sich ebenfalls als Supporter des großen Klubs an der Elbe. Und so ist klar: Die Raute steht keineswegs unterm Hakenkreuz - sie steht als Abwehr gegen Rassismus und Antisemitismus mittendrin im Tor der Welt.
















