In der Bezirksversammlung Altona steht eine Straßenumbenennung im Fokus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion: Die bisherige Bergiusstraße soll künftig den Namen Esther-Bejarano-Straße tragen. Ein entsprechender Antrag wird heute Abend von den Fraktionen von Grünen, SPD, Linken, FDP und Volt in die Bezirksversammlung Altona eingebracht.

Mit der geplanten Umbenennung wollen die Initiatoren ein deutliches Zeichen setzen. Esther Bejarano, die 2021 im Alter von 96 Jahren starb, war eine der letzten Überlebenden der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück. Über Jahrzehnte engagierte sie sich als Zeitzeugin gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen und setzte sich aktiv gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus ein.

Die Fraktionen sehen in der Umbenennung eine bewusste Verankerung dieser Haltung im Alltag der Stadt. Straßennamen seien mehr als bloße Orientierungspunkte – sie prägten das kollektive Gedächtnis. Der Name Bejarano solle daher dauerhaft an die Verantwortung erinnern, die aus der Geschichte erwächst.

Auch der Zeitpunkt der geplanten Einweihung ist symbolisch gewählt: Am 15. Dezember 2026 wäre Bejarano 102 Jahre alt geworden. Eine offizielle Benennung an diesem Tag gilt als angemessene Würdigung ihres Lebenswerks.

Doch die Initiative stößt nicht überall auf Zustimmung. Der Vorsitzende des Bürgervereins Blankenese, Stefan Bick, lehnt die Umbenennung ab. Er argumentiert, dass Geschichte nicht durch das Entfernen von Namen aus dem Stadtbild „gelöscht“ werden dürfe. Stattdessen müsse eine kritische Auseinandersetzung stattfinden.

Im Zentrum der Kritik steht auch die Person Friedrich Bergius, nach dem die Straße bislang benannt ist. Der Chemiker und Nobelpreisträger entwickelte Verfahren zur Kohleverflüssigung und prägte damit die industrielle Entwicklung maßgeblich. Zwar war Bergius Mitglied der NSDAP, doch Kritiker halten es für unzureichend, sein wissenschaftliches Lebenswerk allein darauf zu reduzieren.

Neben inhaltlichen Argumenten spielen auch praktische Aspekte eine Rolle: Eine Straßenumbenennung zieht erhebliche Folgekosten nach sich – nicht nur für die öffentliche Hand, sondern auch für Anwohner und Unternehmen. Neue Ausweisdokumente, Adressänderungen und bürokratische Anpassungen seien insbesondere für ältere Menschen eine Belastung. Bereits frühere Umbenennungen hätten gezeigt, dass schnell sechsstellige Beträge zusammenkommen können.

Befürworter entgegnen, dass der ideelle Wert einer solchen Entscheidung schwer in Geld zu bemessen sei. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spannungen und erstarkender extremistischer Tendenzen sei es wichtig, klare Zeichen zu setzen.

Formal ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Der Beschluss der Bezirksversammlung hat zunächst nur empfehlenden Charakter. Die endgültige Prüfung liegt bei der Kulturbehörde, bevor eine Senatskommission über die Umbenennung entscheidet.


MEINUNG: Strassenumbenennung in Altona